Gesund durch Gentechnik?

Biowissenschaftler entwickeln genveränderte Pflanzen, die gesünder machen sollen. Können sie damit die Verbraucher überzeugen?

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  • Inge Wünnenberg
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Immer mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder chronische Leiden im Alter: Die britische Biologin Cathie Martin treiben diese düsteren Aussichten um. Die Pflanzenforscherin vom John Innes Centre in Norwich will mit Ernährung gegensteuern. Aber nicht mit irgendwelcher, sondern mit genetisch veränderter Nahrung. Allein acht verschiedene Tomatensorten untersucht ihre Forschergruppe derzeit, um sie fit zu machen für den Kampf gegen Zivilisationskrankheiten. Die Wissenschaftler reicherten beispielsweise Tomaten mit sogenannten Anthocyanen an. Die Pflanzenfarbstoffe kommen in größeren Mengen sonst etwa in Blaubeeren oder Brombeeren vor und stehen im Ruf, vor bestimmten Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit dem Alter verbundenen degenerativen Krankheiten zu schützen.

Erst im vorigen Oktober stellten Martins Kollegen Yang Zhang und Eugenio Butelli mit ihrem Team eine Züchtung vor, die gleich zwei Stoffe in höchster Konzentration enthält: zum einen Resveratrol, eine möglicherweise lebensverlängernde Ingredienz, die auch in Wein vorkommt. Und zum zweiten Genistein, einen natürlicherweise in Sojabohnen vertretenen sekundären Pflanzenstoff. Einigen Studien zufolge hat er das Wachstum von Brustkrebszelllinien gehemmt. Die neue Tomate enthält nun so viel Resveratrol wie 50 Flaschen Wein und so viel Genistein wie 2,5 Kilogramm des Sojagerichts Tofu.

Der Haken ist nur: Genetisch verändertes Gemüse, Getreide oder Obst genießt unter Konsumenten nicht gerade den besten Ruf – und insbesondere nicht bei jenen, die sich gesundheitsbewusst ernähren wollen. Seit Jahren versuchen Saatgutfirmen, den Deutschen entsprechende Organismen schmackhaft zu machen. Die Proteste dagegen waren so heftig, dass mittlerweile keine der Sorten mehr auf hiesigen Äckern wächst – weder die Kartoffel Amflora des Agrarkonzerns BASF noch der Genmais von Konkurrent Monsanto. Auf dem Teller haben Nahrungsmittel, die entsprechend gekennzeichnet werden müssen, keine Chance. Warum auch? Die Firmen schufen bisher hauptsächlich Sorten, um Schädlingsbefall auf den Feldern zu verhindern oder die Nahrungspflanzen resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel zu machen. Diese Genveränderungen steigerten den Ertrag für die Landwirte – nicht aber den unmittelbaren Nutzen der Konsumenten.

Nun soll sich die Situation jedoch ändern: Eine neue Generation von genveränderten Pflanzen verspricht einen Vorteil für die Verbraucher. Pflanzenforscherin Martin jedenfalls glaubt an einen Wandel. "Für mich ist Nahrung zwar nicht das Gleiche wie Medizin – und ich denke auch nicht, dass sich Krankheiten durch bestimmte Lebensmittel heilen lassen", sagt die 61-Jährige. Aber sie ist überzeugt, dass man sich durch eine richtige Ernährung schützen kann. Martin will den Menschen daher ermöglichen, sich für ihre gesunden Tomaten entscheiden zu können: "Sie schmecken übrigens genauso wie andere Tomaten." Ein lohnendes Objekt für Genveränderungen ist das Gemüse aus einem einfachen Grund: Fast jeder hat es auf dem Speisezettel. "Wenn man sich die Gemüsesorten ansieht, die Menschen essen, werden sich auf den Tischen der Ärmsten am ehesten die Tomaten durchsetzen: Sie sind auf der Pizza, im Big Mac und im Ketchup", sagt Martin.

Die erste Schöpfung der Briten waren 2008 die "Purple Tomatoes", so genannt wegen ihres auffälligen Äußeren. Weil sie den Pflanzenfarbstoff Anthocyan in hoher Konzentration enthalten, sind sie nicht mehr rot, sondern violett. Die Forscher hatten dazu zwei Gene des Löwenmäulchens in das Tomatenerbgut eingefügt. Nun sollen Versuche zeigen, ob die Tomaten auch unter Gewächshausbedingungen genügend der gewünschten Inhaltsstoffe bilden.

Denn so ließe sich die Gefahr minimieren, dass genveränderte Samen in die Umwelt gelangen und sich ungewollt verbreiten. Aus dem gleichen Grund möchte Martin ihre "Purple Tomatoes" als Saft auf den Markt bringen: Er enthält keine Samen. Noch in diesem Jahr will Martin eine Zulassung bei der US-Lebensmittelbehörde FDA beantragen. "Denn dort betrifft die Regulierung die Merkmale und nicht die Technologie." Das ist für die Biologin ohnehin der springende Punkt: "Wir sollten die Pflanzen nicht nach der Methode beurteilen, mit der sie erschaffen wurden, sondern nach der Eigenschaft, die erzielt wird."

Dafür muss jedoch der entscheidende Sachverhalt geklärt werden: Nützen die Pflanzen tatsächlich – wie behauptet – der Gesundheit? Die Genveränderung selbst scheint nicht das Problem zu sein, wie mittlerweile zahlreiche Untersuchungen zeigen. So veröffentlichten erst kürzlich die US-amerikanischen National Academies of Science, Engineering and Medicine eine Studie mit dem Fazit, dass der Verzehr von genveränderten Feldfrüchten ungefährlich ist. Dennoch bleibt die Frage, ob die neuen Eigenschaften die Gesundheit ausschließlich fördern.

Die Anthocyane der "Purple Tomatoes" oder Resveratrol gehören zu den sogenannten Antioxidantien. Sie sollen freie Radikale im Körper einfangen und so vor Zellschäden schützen können. Erste Studien deuten darauf hin, dass dies der Fall sein kann: Für eine im vorigen Mai publizierte Analyse wertete Aedin Cassidy von der britischen University of East Anglia mit ihrem Team die Daten von 2375 Teilnehmern der amerikanischen Framingham-Herzstudie aus. Dabei setzten die Forscher Entzündungswerte des Bluts ins Verhältnis zu der in Fragebögen dokumentierten Aufnahme von Anthocyanen und Flavonoiden sowie von anderen Stoffen. Und sie kamen zu dem Ergebnis, dass Anthocyane entzündungshemmend zu sein scheinen.

Trotzdem: "Der gesundheitliche Nutzen von Pflanzenstoffen wie Anthocyanen und Resveratrol ist nicht nachgewiesen", sagt dazu Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke und verweist auf die Liste der von der European Food Safety Authority evaluierten "Health Claims". Der Wissenschaftler und Präsident der Federation of the European Nutrition Societies hält die anspruchsvollen Kriterien der EU-Behörde letztlich für maßgeblich. Wie wackelig der gesundheitliche Bonus noch ist, zeigen ausgerechnet zwei der Inhaltsstoffe, mit denen die britischen Gentechnik-Forscher ins Feld ziehen wollen: Resveratrol und Genistein. Für beide Stoffe ist ein positiver Einfluss mehrfach dokumentiert; er kann sich aber auch ins Gegenteil verkehren, sodass ungewollt Krebswachstum gefördert wird. Die britische Forscherin weiß um die Problematik. Erst wenn alle Zweifel ausgeräumt seien, könne sie sich vorstellen, die mit Resveratrol und Genistein angereicherten Tomaten zugänglich zu machen.

Geht es in der westlichen Welt lediglich um den erhofften Mehrwert von genveränderten Lebensmitteln, ist die Lage in armen Regionen völlig anders. Hier fehlen weiten Teilen der Bevölkerung lebenswichtige Nährstoffe. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen spricht vom "versteckten Hunger". Doch selbst dort stoßen Forscher bei ihrem Kampf gegen Mangelernährung auf Widerstand, sobald Gentechnik ins Spiel kommt. Wie mühsam der Weg sein kann, zeigt der mittlerweile schon berühmte "Golden Rice". Seit den 90er-Jahren arbeitet Ingo Potrykus, damals Professor der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, gemeinsam mit Peter Beyer von der Universität Freiburg an dem mit Provitamin A, einer Vorstufe des Vitamin A, angereicherten Reis.