Gesundheits-Apps: Digitaler Placebo-Effekt in der Erforschung

Helfen Smartphone-Programme den Menschen, gesünder zu leben? Eine deutsch-schweizerische Studie erkennt zumindest nützliche Wirksamkeitserwartungen.

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(Bild: NordWood Themes / Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

Auch im Bereich der Gesundheit erobert das Smartphone mit spezialisierten Apps unseren Alltag. Seit Oktober 2020 verschreiben Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Programme für Android oder iPhone auch als Heilmittel – und gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Die Apps begleiten beispielsweise Behandlungen von Übergewicht, Tinnitus oder Störungen der Psyche und des Schlafes. Inwieweit eine positive Erwartungshaltung bei Patienten auch Einfluss auf die tatsächliche Wirkung solcher Programme nimmt, ist bislang jedoch kaum untersucht.

Ob der bekannte Placebo-Effekt auch digital wirkt, sollte nun eine Studie der Psychoanalytischen Universität Berlin (IPU) mit Forschenden der Universität Basel und der RWTH Aachen im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Untersuchung herausfinden. Unter der Leitung von Gunther Meinlschmidt und Esther Stalujanis untersuchten die Forscher, als wie stabil Wirksamkeitserwartungen bei digitalen Gesundheitsanwendungen – in der Medizin auch DiGA genannt – einzuordnen sind. Sind sie beispielsweise je nach Informationslage veränderbar?

Um das herauszufinden, wurden 132 gesunde Probanden, die 20 Tage lang eine App im Bereich psychischer Gesundheit nutzten, in vier Gruppen aufgeteilt. Jede von ihnen erhielt unterschiedliche Informationen zur Wirksamkeit, die den Probanden teilweise von Beginn an, teilweise rückblickend und teilweise gar nicht nahegelegt wurde: Gruppe 1 wurde eine Wirkung vorhergesagt, Gruppe 2 wurde während des laufenden Experiments mitgeteilt, dass ein Effekt zu erwarten sei, in der dritten Gruppe wurde beides kombiniert und Gruppe 4 erhielt keinerlei Information.

Ergebnis: Wem vorab vermittelt wird, dass eine Gesundheits-App positive Wirkung zeigt, war nach ihrer Nutzung auch eher davon überzeugt. Das spricht für einen durch Placebo verstärkten Effekt. "Werden Informationen zur Wirksamkeit vor und nach Nutzung von Smartphone-Apps kombiniert, könnten dadurch Wirkungserwartung und auch Glaubwürdigkeit digitaler Gesundheitsanwendungen nachhaltiger werden", so Meinlschmidt, Professor für Klinische Psychologie an der IPU Berlin und Forschungsleiter der Klinik für Psychosomatik am Universitätsspital und der Universität Basel.

Der Placebo-Effekt hat weit mehr als nur einen Scheinwert: Je größer er ist, desto unterstützender kann er bei manchen Leiden tatsächlich wirken, beispielsweise im Rahmen einer Psychotherapie. Auch für medikamentöse Behandlungen gilt er als hilfreich, etwa bei Depressionen, Parkinson und Schmerzen. "Der Umgang mit digitalen Placebo-Effekten in Therapiekontexten ist auch aus ethischer Sicht anspruchsvoll", kommentiert Meinlschmidt.

Die Studie wurde im Open-Access-Journal JMIR mHealth & uHealth veröffentlicht. Soweit den Forschern bekannt, handelt es sich um die erste empirische Studie, die herausfinden wollte, ob Wirksamkeitserwartungen bei Gesundheits-Apps im Bereich psychischer Gesundheit positiv mittels Placebo-Effekt beeinflusst werden können.

(bsc)