Giganten in Zugzwang

Leiser, sauberer und sparsamer muss der Laster werden. Hybridmotor, Aerodynamik und Telematik könnten ihn auf die Überholspur bringen.

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  • Frank Grotelüschen
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Leiser, sauberer und sparsamer muss der Laster werden. Hybridmotor, Aerodynamik und Telematik könnten ihn auf die Überholspur bringen.

Die metallicgrüne Lackierung blitzt und blinkt, das Innere des Führerhauses verströmt jenen Kunststoffgeruch, der fabrikneuen Autos vorbehalten ist. Der Zwölftonner kommt frisch vom Band – eine Größenklasse, wie sie in bundesdeutschen Innenstädten Supermärkte beliefert oder in Wohnsiedlungen Möbel und Fernseher ausfährt. Doch dann zeigt Karl Anton Deppen auf das, was unter dem Führerhaus steckt. Hinter dem Dieselaggregat, 160 Kilowatt stark, verbirgt sich eine Innovation: ein zylindrischer Klotz, kaum größer als die Trommel einer Waschmaschine. "Das ist unser neuer Elektromotor mit einer Leistung von 44 Kilowatt", sagt Deppen, als Gesamtprojektleiter verantwortlich für die Neuentwicklung von Mercedes-Benz mit dem Namen Atego BlueTec Hybrid. Weiter hinten im Chassis sitzt eine Lithium-Ionen-Batterie. Sie vermag eine Energie von zwei kWh zu speichern, etwa so viel wie 40 Laptop-Akkus.

Den Laster treibt ein Zwitter aus Verbrennungsmotor und Elektroantrieb an, wie es bei diversen Pkw-Modellen schon seit 1997 üblich ist. Gegenüber einem herkömmlichen Lkw soll er deutlich sparsamer unterwegs sein. Bestellt werden kann er bereits, Anfang 2011 sollen die ersten Serienfahrzeuge vom Band rollen.

Der Atego Hybrid ist nur eine von vielen Bemühungen, Nutzfahrzeuge fit für die Zukunft zu machen. Denn die Branche steht vor einem Boom – und vor gewaltigen Herausforderungen. Auf der einen Seite wird der Gütertransport weiter zunehmen, etwa weil Auslands- und Online-Handel wachsen. 1990 gab es in Deutschland 1,5 Millionen Nutzfahrzeuge, heute sind es gut 2,5 Millionen – eine Steigerung von nahezu 70 Prozent. 2030 werden etwa drei Millionen Brummis auf unseren Straßen unterwegs sein. Vor allem aber werden laut der aktuellen Shell-Lkw-Studie die Fahrleistungen schwerer Lkws sehr stark zunehmen. Aussichten, die bei Spediteuren und Lkw-Herstellern nach zwei mauen Wirtschaftskrisen-Jahren für leuchtende Augen sorgen.

Auf der anderen Seite aber verlangt die Gesellschaft nach immer mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Der Lkw-Verkehr der Zukunft soll weniger Kraftstoff verbrauchen und damit weniger CO2 ausstoßen. Er soll die Straßen nicht verstopfen, möglichst leise sein und kaum noch Feinstaub in die Luft pusten. Aufgrund schärferer Grenzwertbestimmungen wie die ab 2014 wirksame Euro-6-Norm müssen die Trucks sauberer werden. Umweltzonen und Einfahrverbote sollen zusätzlich die Innenstädte vom Lkw-Verkehr entlasten. Darüber hinaus plant die EU CO2-Grenzwerte – nicht nur für Nutzfahrzeuge. Und dazu kommt noch, dass knapper werdende Energieressourcen die Transporte verteuern.

Die Branche versucht, diesen Spagat zwischen mehr Tonnenkilometern und weniger Umweltbelastung mit allerlei neuer Technik zu meistern. Die Strategien: Innovative Antriebe begrenzen Schadstoff- und CO2-Ausstoß, Leichtbaukarossen und Aerodynamik-Kniffe senken den Verbrauch. Computerprogramme weisen den Truck-Konstrukteuren den logistisch optimalen Weg, Telematiksysteme leiten Kurier- und Lieferdienste so durch die Stadt, dass die Touren schneller und kürzen werden.

Eine der Innovationen auf der Schwelle zur Marktreife ist der Hybrid-Lkw. Das Prinzip: Der Dieselmotor wird von einem Elektroaggregat unterstützt. Beim Bremsen beziehungsweise beim Ausrollen wirkt der E-Motor als Generator und wandelt Bremsenergie in Strom um. Dieser wird in einem Akku zwischengespeichert. Gibt der Fahrer wieder Gas, speist die Batterie den Elektromotor und entlastet dadurch das Dieselaggregat – unterm Strich wird Kraftstoff gespart.

Erst durch die neue Generation von Lithium-Ionen-Batterien, die im Verhältnis zu ihrem Gewicht deutlich mehr Leistung liefert als die Vorgänger, wird Hybridtechnik für Lkws überhaupt interessant. In Japan rollen seit 2006 einige Hundert "Canter Eco Hybrid" herum, Leicht-Lkws der Daimler-Tochter Mitsubishi Fuso. Mit dem Schwergewicht Atego Hybrid will Daimler nun auch den europäischen Markt erschließen.