Soziale Spaltung: "Hoch bezahlte Menschen komplett inkompetent"

Der Unmut auf die wirtschaftliche und politische Elite wächst. Zu Recht, sagt Ökonom Ian Goldin.

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"Komplett inkompetent"

(Bild: Photo by sergio souza on Unsplash)

Von
  • Robert Thielicke

Technology Review: Alibaba-Gründer Jack Ma warnte jüngst, dass die derzeitige technologische Entwicklung in einen Dritten Weltkrieg münden könnte. In Umfragen unter den Teilnehmern des World Economic Forum in Davos dominierten dieses Jahr Pessimismus oder sogar Furcht vor der Zukunft. Wenn schon diese Berufsoptimisten den Untergang fürchten, was sagt das über den Zustand der Welt aus?

Ian Goldin: Dass diese Ansichten erst jetzt zu hören sind, zeigt zunächst einmal, wie sehr diese Elite entkoppelt ist vom Rest der Bevölkerung. In Davos versammeln sich die Gewinner der Globalisierung, und sie haben die Verlierer komplett aus den Augen verloren. Wäre es anders, hätte der Weckruf viel früher kommen müssen, nämlich nach der Finanzkrise 2008. Sie hat gezeigt, dass wir die Komplexität der Globalisierung nicht im Griff haben. In den Finanzinstitutionen arbeiten sehr hoch bezahlte Menschen, dennoch haben sie sich als komplett inkompetent erwiesen.

Trotzdem machte man weiter wie bisher?

Ja. Nun folgt der zweite Weckruf, der Aufstieg populistischer, extremistischer, nationalistischer Parteien. Gleichzeitig gewinnt China massiv an Einfluss. Jetzt endlich sind die Eliten aufgewacht. Sie fürchten, dass die Globalisierung, die sie für handhabbar hielten, eben nicht mehr handhabbar ist.

Haben die Menschen also recht, wenn sie den Eliten in dieser Frage misstrauen?

IAN GOLDIN beriet Südafrikas Präsidenten Nelson Mandela, war Vizepräsident der Weltbank und ist nun Professor für Globalisierung und Entwicklung an der Oxford University. 2016 veröffentlichte er das Buch "Age of Discovery – Navigating the Storms of our Second Renaissance".

(Bild: Oxford Martin School)

Absolut. Mit der jetzigen Form der Globalisierung haben wir die Menschen im Stich gelassen. Die wirtschaftliche Öffnung hat den Lohnabstand zwischen den schlecht und den gut Ausgebildeten vergrößert. Als Folge wächst die soziale Ungleichheit. Das Misstrauen ist gerade in jenen Ländern besonders groß, die besonders damit zu kämpfen haben, etwa in den USA oder in Großbritannien.

Sie waren dieses Jahr auf dem World Economic Forum. Sehen die Kritisierten ihren Teil der Verantwortung?

Ich habe nicht viele gehört, die gesagt haben: Es ist unser Fehler. Wobei dort mehrere Tausend Teilnehmer sind und ich nicht generalisieren will.

Nun rollt mit der künstlichen Intelligenz die nächste massive Veränderung auf die Menschen zu. Wundert es Sie, dass kaum jemand den Beteuerungen glaubt, es gebe auch in Zukunft noch genug Arbeit?

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Nein. In der Digitalisierung spiegeln sich die Herausforderungen, die wir in der Globalisierung meistern müssen. Sie ist ein extrem zweischneidiges Schwert. Die digitale Vernetzung kann wunderbare Dinge bewirken – die Demokratisierung vorantreiben, Menschen in Notlagen verbinden, etwa bei Krebsleiden. Sie hat die #MeToo-Bewegung befeuert und eine große Debatte um Gleichberechtigung angestoßen. Aber gleichzeitig ist sie Werkzeug für Fake News, manipulierte Wahlen und viele andere hässliche Dinge. Ein großer Teil des globalen Handels ist inzwischen digital, also dematerialisiert. Geld lässt sich so einfach verschieben, dass Staaten kaum noch Steuern eintreiben können. Und wie Sie richtig sagen, wird die künstliche Intelligenz einen massiven Effekt auf die Arbeitswelt haben. Unseren Studien zufolge verschwinden 40 bis 50 Prozent der heutigen Tätigkeiten.

Die Befürworter der Entwicklung sagen: Mindestens der gleiche Anteil wird neu hinzukommen.

Aber es wird ein sehr disruptiver Prozess, und er birgt die Gefahr für schlimme Ungleichheit. Der Umgang mit der Digitalisierung ist allerdings nur ein Teil der grundsätzlichen Frage, wie wir mit der Globalisierung umgehen. Wir müssen es schaffen, das Gute zu maximieren und das Schlechte zu minimieren.

Wie?

Steueroasen schließen, Grundbesitz – den die Armen ohnehin kaum oder gar nicht haben – stärker besteuern, die Erbschaftsteuer erhöhen. Wir müssen uns anschauen, welche Arbeiten künftig Maschinen erledigen können und welche noch lange von Menschen gemacht werden und das Belohnungssystem entsprechend ändern. Das bedeutet etwa höhere Löhne für Pflegekräfte und viele andere Dienstleistungen am Menschen, für kreative und künstlerische Tätigkeiten. Wir brauchen gute Angebote, damit Menschen neue Fähigkeiten erwerben können. Und wir brauchen ein starkes soziales Sicherheitsnetz, weil der Arbeitsmarkt flexibler wird und Arbeitnehmer risikobereiter sein müssen. Die Kosten dafür sollten sie nicht allein schultern müssen, die Gesellschaft muss ihren Teil beitragen.

Was halten Sie vom Grundeinkommen?

Überhaupt nichts. Es ist unbezahlbar und löst nicht das Problem, dass wenige Menschen sehr viel und viele Menschen sehr wenig Geld haben. Im Gegenteil: Es würde die Ungleichheit noch weiter verschärfen. Zudem bedeutet eine Arbeit zu haben für viele, eine Funktion in der Gesellschaft zu besitzen, einen Sinn im Leben zu sehen.

Da wir der Komplexität der Globalisierung augenscheinlich nicht gewachsen waren – hilft es, die Welt wieder kleiner zu machen?

Nein, die vermeintlichen Lösungen der Populisten, etwa in Italien, machen die Sache nur noch schlimmer. Wir brauchen mehr Globalisierung. Ohne internationale Kooperation schaffen wir es nicht, das Finanzwesen zu regulieren, den Klimawandel zu stoppen, die Cybersicherheit zu gewährleisten oder eine gute Antwort auf die weltweite Migration zu finden.

Für viele dürfte das klingen, als wollten Sie den Bock zum Gärtner machen. Ein System, das die gegenwärtigen Probleme verursacht hat, soll sie nun bewältigen.

Keine Wand wird hoch genug sein, um den Klimawandel zu stoppen, den technologischen Wandel zu verhindern oder Krankheiten aufhalten zu können. Aber sie wird hoch genug sein, um Menschen, Geld und Ideen abzuhalten. Alles drei aber brauchen wir, um die Probleme zu lösen, die wir haben. Elon Musk, Mitgründer von Tesla, ist Immigrant, ebenso wie die Gründer von Google, Intel und PayPal. Wenn eine Regierung Einwanderungsregeln hingegen nutzt, um ihr Land zu isolieren, leidet jedes kreative Streben im Inneren. Wir dürfen Globalisierung nicht zurückdrehen, sondern müssen sie besser managen, sonst droht eine Teufelsspirale, die uns immer weiter nach unten zieht.

Warum sollten die Menschen das glauben?

Weil es eine historische Parallele gibt, und zwar die Renaissance. Als der Buchdruck erfunden wurde, zog er eine Informations-Revolution nach sich, ähnlich wie heute das Internet. Das Ergebnis war eine Explosion an Talenten, etwa Nikolaus Kopernikus oder Leonardo da Vinci. Eroberer segelten in die Welt und brachten große Schätze zurück. Es herrschte gewissermaßen Globalisierung 1.0. Von ihr aber profitierten nur die Reichen. Normale Menschen litten eher, weil die Seefahrer mit den Schätzen auch neue Krankheiten zurückbrachten und der Überseehandel viele in die Armut trieb. Importiertes Getreide etwa, per Schiff aus dem Baltikum herbeigebracht, drückte die Preise. Hinzu kam massive Korruption.

Das Ergebnis war wachsende Ungleichheit. In fast jeder größeren westeuropäischen Stadt besaßen im Jahr 1550 zwischen fünf und zehn Prozent der Einwohner 40 bis 50 Prozent des Reichtums, während die unteren 50 Prozent nicht viel mehr als ihre Arbeit hatten. Extremistische Bewegungen entstanden, wie jene von Giacomo Savonarola im Florenz Ende des 15. Jahrhunderts. Experten wanderten ins Gefängnis, die Inquisition begann. Es war das Ende der Renaissance. Heute leben wir in einem neuen Zeitalter der Renaissance. Wir müssen Macht so managen, dass wir nicht in die gleiche Spirale der Entglobalisierung geraten wie damals. (rot)