Goldmine im Äther

Die geschickte Auswertung der Verbindungsdaten von Handynutzern könnte Mobilfunkbetreibern ein ganz neues Geschäftsfeld eröffnen. Und so manche Analyse könnte auch politisch brisant sein, wie ein Beispiel aus Belgien zeigt.

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  • Tom Simonite

Die geschickte Auswertung der Verbindungsdaten von Handynutzern könnte Mobilfunkbetreibern ein ganz neues Geschäftsfeld eröffnen. Und so manche Analyse könnte auch politisch brisant sein, wie ein Beispiel aus Belgien zeigt.

Bislang schienen sich für die Auswertung von Verbindungsdaten aus Handy- und Internet-Kommunikation eigentlich nur Polizei und Geheimdienste zu begeistern. Doch nun bekommen sie bei den Mobilfunkdaten Gesellschaft: Die Netzbetreiber fangen an zu begreifen, auf welchem Schatz sie da eigentlich sitzen, und Wissenschaftler entdecken in ihnen zunehmend ein neues Forschungswerkzeug für Soziologie und Stadtplanung.

„Handys sind einfach überall. Die Auswertung der Verbindungsdaten kann die Untersuchung von menschlichem Verhalten revolutionieren“, schwärmt Ramón Cáceres vom Forschungslabor des Telekommunikationsriesen AT&T. Mit seinem Team hat Cáceres im vergangenen Jahr zwei Monate lang die Daten von Hunderttausenden AT&T-Kunden in den Großräumen New York und Los Angeles erfasst. Zwischen dem 15. März und dem 15. Mai speicherten sie für jedes Gespräch und jede SMS Zeitpunkt und Teilnehmernummern sowie bei Telefonaten auch die Gesprächsdauer. Den Aufenthaltsort eines Kunden ermittelten sie über die ID-Nummer der Funkzellenmasten immerhin mit einer Genauigkeit von etwa 1,5 Kilometern.

Auf diese Weise konnten sie die Wege aufzeichnen, die ein Handy – und damit sein Besitzer – im Laufe der Zeit zurücklegt. So absolviert ein Manhattaner täglich im Durchschnitt vier Kilometer, während es ein Bewohner in L.A. auf acht Kilometer am Tag bringt. Bei den längsten Wegstrecken innerhalb eines Werktages sind die New Yorker AT&T-Kunden hingegen mobiler: Ihr Spitzenwert liegt bei 110 Kilometern, während man in L.A. maximal 46 Kilometer durch den Asphaltdschungel reist.

Bislang mussten Stadtplaner aufwändige Befragungen machen, um an solche Zahlen zu kommen. „Daten wie diese können ihnen helfen zu entscheiden, wo zum Beispiel ein neuer U-Bahnhof gebaut werden sollte“, sagt Cáceres. Ihm geht es vorerst nur um eine Zusammenarbeit mit Stadtplanern und nicht um eine Kommerzialisierung der Datenanalysen.

Netzbetreiber würden aber bereits darüber nachdenken, wie sie solche Analysen zu Geld machen können, bestätigt Jean Bolot, Wissenschaftler beim Mobilfunkdienst Sprint. Daraus könnte ein neues „zwei-seitiges“ Geschäftsmodell werden, wie Bolot es nennt: Die Netzbetreiber würden nicht mehr nur Handynutzern eine Dienstleistung verkaufen, sondern auch mit anderen Branchen ins Geschäft kommen. „Was für die Telekommunikation noch neu ist, wird woanders längst praktiziert – nehmen Sie zum Beispiel Google“, sagt Bolot.

Da fast jeder Bürger ein Handy hat, ist die Datenmenge im Vergleich zu anderen Datenquellen gigantisch. Die so gefundenen Mobilitätsmuster könnten sowohl Immobilienpreise als auch Straßenwerbung auf eine ganz neue Grundlage stellen. Über dieser potenziellen Goldmine würden zurzeit wohl Mobilfunkdienste auf der ganzen Welt brüten, meint Bolot.

In einer anderen Studie hat die Gruppe um den MIT-Forscher Francesco Calabrese die Verbindungsdaten von rund einer Million Handys im Großraum Boston untersucht. Ziel war herauszufinden, wie die Besucher zu öffentlichen Ereignissen wie Baseballspielen oder Konzerten fahren. „Für künftige Veranstaltungen könnten wir nun grob vorhersagen, von wo die Besucher kommen werden“, schreiben die MIT-Forscher in ihrer Studie. Damit könnte man bei Großereignissen die Verkehrsplanung verbessern.

Grundlage dieser Forschungsprojekte seien neue Algorithmen, die Riesennetzwerke mit Millionen von Verbindungen effizienter als bisher analysieren können, sagt Vincent Blondel, Mathematiker an Katholischen Universität von Löwen in Belgien. Er selbst hat die Daten von zwei Millionen belgischer Handynutzer untersucht. Dabei fand er heraus, dass die französisch sprechenden und den niederländisch sprechenden Belgier kaum durch Anrufe oder SMS verbunden sind. Für politische Gruppierungen, die eine Teilung Belgiens in zwei Staaten, Wallonie und Flandern, fordern, dürfte dieses Ergebnis ein gefundenes Fressen sein.

Blondel betont, dass solche Studien sich nur für Muster in einem großen Ensemble interessieren, nicht für individuelle Datenpunkte. Aber natürlich gebe es hinsichtlich des Datenschutzes schon offene Fragen. Aus den Datensätzen, die an die Universitätsforscher gehen, werden zwar Namen und konkrete Telefonnummern entfernt. Durch einen Abgleich mit anderen Datenbanken könnte man aber aus Zeitpunkt und Ort in einem Datensatz auf einzelne Personen zurückschließen, sagt Blondel.

Eine Basisinformation zum Beispiel ist ganz leicht zu bekommen: In der Mobilfunkzelle, in der ein Handy zwischen 10 Uhr abends und 7 Uhr morgens am häufigsten zu finden ist, dürfte sein Besitzer wohl wohnen. Die MIT-Forscher betonen in ihrer Studie aber, dass sie einzelne Handys zu größeren Postleitzahlgruppen zusammengefasst hätten. „Die Forschungscommunity muss hier verantwortungsbewusst vorgehen und Datenschutz und erhofften Nutzen gegeneinander abwägen“, betont Blondel. Deshalb untersucht er nun, wie weit man Unschärfen in Orts- und Zeitdaten einführen kann und dennoch zu brauchbaren Ergebnissen kommt. (nbo)