Google Street View mit eigenen 360-Grad-Aufnahmen erweitern

Wer seine Stadt bei Google sehen will, muss selbst Hand anlegen: Für Panoramen reicht ein Handy, mit einer 360-Grad-Kamera kartografieren Sie ganze Straßenzüge.

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Von
  • Jan Mahn
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Mitte 2008 waren Googles Autos mit Rundumkameras zuletzt in Deutschland unterwegs, um massenhaft 360-Grad-Panoramen für Google Street View zu schießen. Die Begeisterung in Deutschland hielt sich damals in Grenzen, in vielen Medien wurde die Horrorgeschichte verbreitet, in Zukunft könne man in Echtzeit aus dem Internet alle Häuser überwachen, und so stellten viele einen Antrag auf Verpixelung ihrer Immobilien. Diebesbanden, so die Fiktion, könnten so aus der Ferne live ganze Straßenzüge ausspionieren und dann gezielt zuschlagen, wenn keiner zu Hause ist.

Eine Echtzeitüberwachung ist natürlich unmöglich – Street View zeigt ziemlich genau das von einem Haus, was auch ein vorbeifahrender Radfahrer sieht, und der Dienst besteht aus einmal aufgenommenen Standbildern, nicht aus weltweiten Echtzeitbildern. Doch die Geschichte hielt sich hartnäckig und Street View war hierzulande bei vielen untendurch.

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Google verlor wegen des Widerstands die Lust, Deutschland flächendeckend zu fotografieren, verlegte seine Autos lieber in den Rest Europas und beließ es in Deutschland bei einigen wenigen Großstädten. Zieht man das kleine gelbe Männchen heute über eine Europakarte, kann man die Grenzen Deutschlands sofort ausmachen – in ganz Europa ist das Straßennetz blau eingefärbt und mit Panoramen abgedeckt, nur in Deutschland bleibt es bei wenigen blauen Punkten.

Ganz Europa ist von Google Street View abgedeckt. Ganz Europa? Nein! Ein unbeugsames Land hörte nicht auf, dem Fotografieren Widerstand zu leisten. Heute vermissen viele Nutzer Street-View-Fotos ihrer Stadt.

Aktuell fahren die Google-Autos auch in Deutschland wieder. Googles Pläne für 2021 lassen sich über die Website abrufen. Parallel zu den eigenen Autos setzt Google aber auch auf eine Community-Idee: Hobby- und Profifotografen können selbst zu Street View beitragen. Entweder mit einzelnen 360-Grad-Aufnahmen, etwa von touristischen Aussichtspunkten, oder gleich mit Bildern von ganzen Straßenzügen. Wer nicht auf Googles Autos warten oder eine Region dokumentieren will, die so abgelegen ist, dass Autos sie ohnehin nicht erreichen, kann selbst zur Kamera greifen.

Geld gibt es für die Mühe freilich nicht und so könnte man sich zu Recht fragen, warum man einem milliardenschweren Tech-Unternehmen wie Google seine Arbeitszeit schenken und dessen Dienst mit eigenen Fotos aufwerten sollte. Gründe zum Mitmachen gibt es durchaus: Ferienhausvermieter und Geschäftsleute profitieren, wenn sich die Urlauber die Umgebung schon zu Hause ansehen oder Kunden vorab Parkmöglichkeiten sondieren können. Auch Makler und private Verkäufer und Vermieter sind gut beraten, zumindest die Straße zu dokumentieren, in der eine angebotene Immobile liegt, weil viele Interessenten die Lage schon online ausloten wollen, wenn sie eine Anzeige im Internet gefunden haben. Interessant kann es aber auch sein, Gebiete, die sich aktuell ständig verändern – zum Beispiel ein Neubaugebiet – regelmäßig zu knipsen. Bei Street View werden alte Bilder nämlich nicht überschrieben. In einer Street-View-Ansicht oben links können Nutzer in der Zeit zurückspringen und in Erinnerungen schwelgen. Ausprobieren können Sie das zum Beispiel am Brandenburger Tor in Berlin.

Für Hobbyfotografen ist Street View eine Möglichkeit, die Ergebnisse des Hobbys mit der Welt zu teilen und etwa die Bilder vom letzten Wanderausflug einem größeren Publikum vorzustellen. Eine Alternative zum heimischen Dia-Abend. Etwas Anerkennung gibt es auch: Wer etwas zu Street View beiträgt, wird auch als Urheber gekennzeichnet. Oben links in einem Bild steht bei Street View prominent der Name des Fotografen – für professionelle Fotografen und Unternehmen keine schlechte Werbung.

Ganz ohne zusätzliche Hardware kann jeder zu Street View beitragen, der ein Mobiltelefon mit iOS oder Android und halbwegs brauchbarer Kamera hat. Sie müssen nur die kostenlose App "Street View" aus dem Store herunterladen. Um Bilder hochzuladen, brauchen Sie ein Google-Konto und müssen sich in der App einloggen. Unten rechts finden Sie ein Kamera-Symbol und dort die Option "360°-Foto". An einer interessanten Stelle angekommen, starten Sie den 360-Grad-Modus und folgen den Anweisungen auf dem Display. Die App erklärt Ihnen, wie Sie sich zu drehen haben – nach etwa einer Minute haben Sie das Bild fertig und können es hochladen. Bevor es im Kartendienst für alle zu sehen ist, wird es von Google geprüft und nach etwa 14 Tagen freigeschaltet. Die Bilder, die mit einem halbwegs aktuellen Mobiltelefon geschossen wurden, sind recht ansehnlich, und das Stitching, also das Zusammenbauen von Einzelbildern zu einem Panorama, erledigt die Street-View-App sehr anständig.