Googles große Körperdatenbank

Mit dem Projekt Baseline will der Internetriese den menschlichen Organismus vermessen. Es ist nicht das erste ambitionierte Medizinvorhaben bei Google.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
Von
  • Ben Schwan

Mit dem Projekt Baseline will der Internetriese den menschlichen Organismus vermessen. Es ist nicht das erste ambitionierte Medizinvorhaben bei Google.

Wie kaum ein anderer Internetkonzern steht Google für Big Data. Erst hat sich der Suchmaschinenkonzern die Katalogisierung des Internets vorgenommen, dann alle Bücher dieser Welt, dann mit Maps und Street View die Welt selbst.

Mit Project Baseline will das hauseigene Experimentierlabor Google X nun die bislang umfangreichste Informationssammlung zum menschlichen Körper schaffen. Insgesamt 175 Personen sollen vermessen werden, auf im Wortsinn Herz und Nieren. Sie müssen regelmäßig Blut- und Urinproben abgeben und Sensoren tragen, die ihre Herztätigkeit permanent messen. Ihre Genome wandern in eine Datenbank.

Ein anderes Google-Medizinprojekt: Kontaktlinse mit Sensor.

(Bild: Google)

Ziel des Forschungsvorhabens ist es herauszufinden, welche Werte ein gesunder und welche ein kranker Körper überhaupt aufweisen – und das in bislang ungekannter Breite. Sind diese Daten einmal da, ließen sich Vorsorgemaßnahmen leichter treffen, hoffen die Google-X-Wissenschaftler.

Wenn es nach Forschungsleiter Andrew Conrad geht, der zu den Pionieren der Entwicklung kostengünstiger medizinischer Massentests gehört, sollen die 175 Probanden nur der Anfang sein. Später könnten Tausende weitere Personen ihre Daten abgeben, hofft er.

Neben dem Molekularbiologen gehören rund 100 weitere Forscher aus den unterschiedlichsten Bereichen zum Team, darunter auch Physiologen, Chemiker und Experten für bildgebende Verfahren.

Google-Hauptquartier in Mountain View.

(Bild: Shawn Collins / Flickr / cc-by-2.0)

Google Baseline soll für den Internetriesen ein neues "Moonshot"-Projekt (angelehnt an den "Schuss zum Mond" bei der amerikanischen Mondlandung) werden, das zunächst für die Öffentlichkeit eher verrückt klingt – ähnlich wie seine selbstfahrenden Autos oder die Computerbrilel Google Glass. All diese Ideen befinden sich mittlerweile in einem mehr oder minder fortgeschrittenen Stadium der Umsetzung – oder sie werden zumindest von Forschern auf auf der ganzen Welt ernstgenommen. Bei Baseline soll das bald genauso sein.

Lange waren breitangelegte Genom- und Molekularstudien teuer und zeitaufwendig. Doch die Kosten für das Gewinnen der notwendigen Daten sind in den letzten Jahren stark geschrumpft. So zahlt man heute für die Sequenzierung des menschlichen Genoms rund 1000 Dollar, Anfang des Jahrtausends waren es noch 100 Millionen, berichtet das "Wall Stret Journal", das erstmals über Google Baseline berichtet hatte. Schnellere Computer und spezielle Software erlaubten zudem eine beschleunigte Auswertung und die Suche nach interessanten Mustern in den gewaltigen Datenbergen.

Vitruvianischer Mensch von da Vinci: Google will möglichst viele Körperdaten sammeln.

Forschungsleiter Conrad hat mit dem Thema Alterungs- und Krankheitsprozesse einige Erfahrung. Er ist Mitbegründer des California Health & Longevity Institute, das untersucht, wie Menschen gesünder alt werden können. Zahlungskräftige Kunden können hier unter anderem enorm detailreiche Computertomografiebilder aufnehmen lassen, um Probleme frühzeitig zu erkennen.

Wie viel Geld Google in Baseline investieren wird, ist nicht bekannt. Zur Einordnung: In den vergangenen acht Jahren steckte die Firma rund 36 Milliarden Dollar in den Bereich Forschung und Entwicklung. Doch sind hiermit nicht nur Google X und andere eher "verrückte" Vorhaben erfasst, sondern auch der Aufbau des Mobilbetriebssystems Android oder die Tüftelei an der Suchmaschine des Konzerns.

Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin gelten als medizininteressiert. So ist Brins Frau Anne Wojcicki, von der er mittlerweile getrennt lebt, Chefin des Genomanalyse-Start-ups 23andMe und Page setzt sich dafür ein, dass sich die digitale Gesundheitsakte endlich durchsetzt. Auf der TED-Konferenz in Vancouver im vergangenen März sagte der Google-Chef, er träume davon, jedes Jahr 100.000 Menschen nur dadurch zu retten, dass anonyme Patientendaten allen Forschern zur Verfügung stünden. "Da sieht man, wie viel Gutes durch den Austausch von Informationen mit den richtigen Leuten kommen könnte." Bei Baseline setzt der Konzern das jetzt um – auch wenn es immer mehr Datenschutzbedenken gegenüber Google gibt. (bsc)