Große Pläne für kleine Rotoren

Windräder für Haus und Garten sind die Stiefkinder des deutschen Energiemix. Dabei können sie wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein. Doch die rechtlichen Rahmenbedingungen bremsen sie aus.

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  • Christine Jurgeit-Körner
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Windräder für Haus und Garten sind die Stiefkinder des deutschen Energiemix. Dabei können sie wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein. Doch die rechtlichen Rahmenbedingungen bremsen sie aus.

Die Windkraft kennt, so scheint es, nur eine Richtung: höher, größer, stärker. Die Naben der größten Anlagen überragen den Kölner Dom, ihre Rotorblätter sind länger als die Tragflächen vieler Verkehrsflugzeuge, mit bis zu 7,5 Megawatt leisten sie mittlerweile etwa 15-mal so viel wie ihre Vorgänger aus den neunziger Jahren.

Doch die Windenergie hat auch noch Raum nach unten: Kleinwindanlagen mit Leistungen zwischen einem halben und ein paar Dutzend Kilowatt (kW) sind mittlerweile so gefragt, dass die renommierte Windmesse "new energy husum" im vergangenen Jahr einen eigenen Bereich für dieses Marktsegment geschaffen hat.

Allein in China sind nach Angaben der Messe bereits rund eine halbe Million Anlagen installiert. In Dänemark und Großbritannien boomt die Windkraft für Dach und Garten ebenfalls. Laut aktueller Marktstudie des Bundesverbandes Windenergie (BWE) wurden in Großbritannien von 2005 bis 2009 über 10000 Kleinwindanlagen mit einer Kapazität von insgesamt 20 Megawatt aufgestellt. In Dänemark trägt die Windkraft schon zu 24 Prozent an der gesamten Stromerzeugung bei – Daten über den Anteil der Kleinwindanlagen gibt es allerdings nicht. Der US-amerikanische Branchenverband AWEA beziffert die installierte Gesamtleistung von Kleinwindanlagen in den Vereinigten Staaten auf immerhin 80 Megawatt. Bis 2015 soll sich die Leistung bis auf ein Gigawatt mehr als verzehnfachen.

In Deutschland hingegen kamen die kleinen Windräder bisher nicht recht in Schwung. Von den knapp 22000 hierzulande aufgestellten Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 27000 Megawatt entfallen lediglich 4000 Stück auf das Segment unter fünf kW. Doch neuerdings rennen Kunden auch in Deutschland den Kleinwindrad-Produzenten die Türen und Messestände ein. Das behauptet zumindest Thomas Endelmann, Sprecher des Anfang 2009 gegründeten Bundesverbands Kleinwindanlagen (BVKW).

Dabei haben kleine Windanlagen zunächst einmal handfeste physikalische Nachteile gegenüber ihren großen Geschwistern. Als Faustregel für Windräder gilt: Wird ihr Rotordurchmesser verdoppelt, vervierfacht sich ihre Leistung. Große Anlagen arbeiten also weitaus effizienter als kleine. Zudem müssen die auf niedrigeren Masten montierten Kleinanlagen mit turbulenteren Luftströmungen in Bodennähe fertig werden, während sich turmhohe Turbinen ungestörten Wind um die Nabe wehen lassen können. Werden Rotoren auf Dächern oder an Giebeln montiert, sind die Windverhältnisse noch schwieriger.

Eine vom BWE bei der TU Berlin in Auftrag gegebene Studie hat berechnet, unter welchen Umständen sich eine Kleinwindanlage dennoch lohnt. Das Fazit: Kleinwindräder seien "potenziell wirtschaftlich" – ihre Stromgestehungskosten betragen je nach Standort und Anlagentyp 11,3 bis 32,6 Cent pro Kilowattstunde. Das ist zwar noch weit entfernt von den 4,5 bis 8,5 Cent ausgewachsener Windkraftanlagen, aber oft bereits günstiger als der Strom einer Photovoltaik-Dachanlage.

Doch das allein nutzt einem privaten Windmüller zunächst wenig. Bei Sonnenstrom ist das Einspeise-Entgelt nämlich nach Größe der Photovoltaik-Anlage gestaffelt und kann bis zu 28,74 Cent betragen. Bei der Windkraft hingegen wird der Strom einer wenige Kilowatt starken Anlage genauso vergütet wie der eines Multi-Megawatt-Windparks: mit zunächst 9,2 Cent, nach fünf Jahren mit 5,5 Cent. Die Autoren der BEW-Studie fordern deshalb, das Einspeise-Entgelt auch bei der Windkraft von der Größe der Anlage abhängig zu machen. Für bis zu 20 Quadratmeter Rotorfläche schlagen sie 30 Cent vor, für bis zu 80 Quadratmeter 25 Cent und 15,6 Cent für bis zu 200 Quadratmeter.

In Dänemark können Kleinwindkraftanlagen heute schon lukrativ sein – und das liegt nicht nur an den guten Windverhältnissen. Dort bekommt der Betreiber eines Windrads genauso viel für seinen eingespeisten Strom, wie er für dessen Bezug aus dem Netz zahlen würde. "Bilanzierte Stromrechnung" nennen Fachleute das. Steigende Strompreise führen also automatisch zu einer höheren Einspeisevergütung. Großbritannien schlug in den letzten Jahren einen anderen Weg ein: Dort wurde nicht die Stromeinspeisung, sondern die Anschaffung von Kleinwindrädern finanziell unterstützt. Dieses Gießkannenprinzip trieb allerdings die Herstellerpreise in die Höhe und führte zur Verbreitung minderwertiger Anlagen. Hier hat die Regierung inzwischen nachgebessert und die Fördergelder von qualitativen Mindeststandards abhängig gemacht. Im März 2010 wurde zusätzlich eine Einspeisevergütung für Kleinwindanlagen festgelegt, sie beträgt zurzeit umgerechnet bis zu 32 Cent pro Kilowattstunde.

Doch auch ohne nennenswerte Förderung können sich Kleinwindanlagen unter bestimmten Umständen rechnen. "Kleine Windräder können den Wind zwar nicht so gut abgreifen wie die großen", sagt Hartwig Schwieger, Geschäftsführer des Kleinwindrad-Herstellers PSW-Energiesysteme im niedersächsischen Celle. Aber dafür werde die Energie auch dort erzeugt, wo sie gebraucht werde. Vor allem für Insellagen ohne Netzanschluss sei das wichtig – etwa bei Handymasten, Segelbooten, Wohnmobilen oder abgelegenen Ferienhäusern. An windigen Standorten nahe der Küste beispielsweise könne ein Windrad mehr elektrische Energie erzeugen als eine Solaranlage mit gleicher Nennleistung.