Grün gegründet: Carbonauten sehen in Pflanzenkohle eine Lösung zur Klimakrise

Die Kreislaufwirtschaft lebt von neuen Ideen und kreativen Köpfen. Jeden Dienstag stellen wir hier ein Greentech-Start-up mit seiner Geschäftsidee vor.

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Klimwandel, Kohlendioxid, Abgase, Abgas, CO2

(Bild: carbonauten GmbH)

Von
  • Manuel Heckel
  • Steffen Ermisch

Mitgründer: Torsten Becker

Start-up: Carbonauten

Gründung: September 2017

Mitarbeiter: 24

Sitz: Giengen a. d. Brenz

Geschäftsmodell: Betrieb von dezentralen Bioraffinerien zur Herstellung von Biokohlenstoffen, die zu neuen Produkten für verschiedene Branchen weiterverarbeitet werden sollen, sowie Biodestillaten und grundlastfähigen Ökostrom.

Herr Becker, Sie waren Inhaber einer Design- und Kommunikationsagentur. Jetzt wollen Sie mit Pflanzenkohle die Welt verbessern. Wie hat es Sie in diese Branche verschlagen?

Die drohende Klimakatastrophe hat mich als Vater von fünf Kindern immer stärker umgetrieben. Dass Pflanzenkohle eine Lösung sein kann, ist mir durch meinen Mitgründer Christoph Hiemer klar geworden, den ich 2013 über meine Agentur kennengelernt habe. Er befasst sich schon lange mit Biomasseströmen und hatte bereits eine größere Pyrolyseanlage gebaut. Vor vier Jahren haben wir Carbonauten gegründet.

Torsten Becker

(Bild: carbonauten GmbH)

In Pyrolyseanlagen wird Biomasse karbonisiert, indem sie unter Ausschluss von Sauerstoff erhitzt wird. Warum hilft das dem Klima?

Pflanzen holen CO2 durch Fotosynthese aus der Luft und speichern den Kohlenstoff ein. Aber wenn sie verrotten oder verbrannt werden, wird dieselbe Menge wieder freigesetzt. Bei der Pyrolyse entweicht nur ein Teil, der Rest wird in der Kohle gebunden. Konkret speichert jede Tonne Biokohle bis zu 3,3 Tonnen CO2. Und bei der Herstellung entsteht neunmal mehr Energie, als für die Erhitzung gebraucht wird. Eine Pyrolyseanlage liefert deswegen auch grundlastfähig Ökostrom.

Grün gegründet: Start-ups für die Zukunft

Pflanzenkohle ist als Bodenverbesserer bekannt. Mit Ihrem Unternehmen wollen Sie auch neue Anwendungsfelder erschließen. Welche sind das?

Tatsächlich sind die Eigenschaften als Dünger überragend. Aber Pflanzenkohle kann man auch mit anderen Materialien wie Polymeren, Silikaten und Mineralien mischen. So lässt sich der Anteil fossiler Rohstoffe in vielen Produkten um bis zu 80 Prozent reduzieren. Wir haben schon Dämmstoffe, biologisch abbaubare Pflanztöpfe, spritzgegossene Teile für den Automobilbau, Luftfilter, Folien und vieles mehr hergestellt.

Ist Pflanzenkohle nicht viel zu teuer für solche Einsatzzwecke?

Pflanzenkohle ist aktuell so teuer, weil bisherige Pyrolyseanlagen empfindlich sind und sie sehr hochwertige Biomasse brauchen. Das ist bei unseren Anlagen anders – unter anderem weil wir alle drehenden Teile verbannt haben. Da können neben Schadholz auch Altholz, Schalen, Kerne, Grünschnitt und Reste aus Kompostieranlagen hinein. Tests mit Altkunststoff und Faserkompositen waren erfolgreich. Das ist zum Beispiel für die Windbranche interessant, die nicht weiß, wie sie carbonfaserverstärkte Rotorblätter recyceln soll.

Den Beweis, dass das Vorhaben abseits des Labors funktioniert, sind Sie noch schuldig. Ihre Pilot-Produktionsanlage in Eberswalde läuft noch immer nicht, oder?

Wir werden die Anlage voraussichtlich in diesem Sommer in Betrieb nehmen. Ausgebremst haben uns mangelnde finanzielle Mittel sowie die Pandemie. Nach der Gründung waren wir drei Jahre lang auf Betteltour bei Investoren. Aber es hat sich niemand für die aktive Speicherung von CO2 interessiert. Das hat sich im vergangenen Jahr geändert. Wir bekommen nun nahezu täglich Anrufe von Firmen wie Nestlé, Audi, Daimler und Miele sowie KMUs und Kommunen. Die fragen sich gerade alle, wie sie ihre Klimaziele umsetzen und ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten können.

Sie haben den Waldinvestor Forest Finance und den Metallveredler Huehoco als Gesellschafter an Bord. Die Pilotanlage wird aber finanziert von einer Beteiligungsgesellschaft, die auch bei Kleinanlegern Geld eingesammelt hat. Wie wollen Sie die versprochenen Renditen erwirtschaften?

Der Schlüssel ist, dass wir nicht Biokohlenstoffe, sondern fertige Produkte und Materialien verkaufen. Da entsteht die Wertschöpfung. Der Energie-Verkauf ist ebenfalls eine Einnahmequelle. Und weil Biokohlenstoffe CO2 binden, erhalten wir künftig Klimazertifikate für diese CO2-Senken. Wir werden davon zeitnah große Mengen als Futures verkaufen, um unser Wachstum zu finanzieren. Sobald die Biokohlenstoffe hergestellt sind, erhalten die Käufer die Zertifikate und können damit eigene Emissionen ausgleichen oder verkaufen.

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(jle)