Grün gegründet (Teil 4): Formo verspricht Käse-Genuss ohne Umweg über eine Kuh

Gegen den Klimawandel lässt sich an ganz verschiedenen Stellen vorgehen. Jeden Dienstag stellen wir hier ein Greentech-Start-up mit seiner Geschäftsidee vor.

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(Bild: Formo)

Von
  • Steffen Ermisch

Mitgründerin: Britta Winterberg

Start-up: Formo

Gründung: 2019 (unter dem Namen Legendairy Foods)

Mitarbeiter: 21

Geschäftsmodell: Produktion und Vertrieb von Milchprodukten, die ohne Tierhaltung auskommen. Der Schlüssel dafür sind genetisch veränderte Hefepilze.

Grün gegründet: Sechs Start-up-Ideen für die Zukunft

Technology Review präsentiert seine aktuelle Klima-Ausgabe (seit dem 30.09.2021 im Handel sowie direkt im heise shop erhältlich). Darin stellen wir sechs Start-ups mit ihren Ideen für eine grüne Zukunft vor. Jeden Dienstag veröffentlichen wir an dieser Stelle ein Interview aus dem Heft.

Technology Review: Vegane Ersatzprodukte für Milch, Joghurt oder Käse gibt es längst. Braucht es da noch eine Alternative?

Britta Winterberg: Wenn es darum geht, die Milch im Kaffee oder im Müsli zu ersetzen, findet man wunderbare pflanzliche Produkte wie Hafer- oder Mandelmilch. Aber beim Käse gibt es keine Alternative, die ebenso nahrhaft ist oder auf einer Pizza so schöne Fäden zieht. Die Milch von Säugetieren ist ziemlich einzigartig – die entsprechenden Proteine kommen in Pflanzen nicht vor.

Mitgründerin von Formo: Britta Winterberg

(Bild: LegenDairy Foods GmbH)

Sie wollen genau diese Proteine in Bioreaktoren herstellen. Wie funktioniert das?

Wir haben im Genom der Kuh die Abschnitte identifiziert, die für die Produktion des Milchproteins Casein verantwortlich sind. Diese Gene bringen wir in Mikroorganismen ein – mit dem Ziel, dass diese Casein herstellen. In kleinem Maßstab gelingt uns das schon. Wir haben mithilfe von Hefepilzen bereits Käse hergestellt.

Formo hat angekündigt, ab 2023 erste Produkte wie Mozzarella zu verkaufen. Was sind die Hürden auf dem Weg zum Massenmarkt?

Die große Herausforderung ist die Skalierung. Die Fermentationsanlagen müssen eine ganz andere Größe haben als etwa in der Medikamentenproduktion. Es braucht Millionen-Investitionen, um in einem so großen Maßstab zu produzieren, dass die Produkte auch preislich konkurrenzfähig sind. Und wir werden eine EU-Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung brauchen.

Gibt es keine Vorbehalte vonseiten der Verbraucher?

Genau dazu haben wir zusammen mit der Universität Bath 5000 Menschen in fünf Ländern befragt. Die große Mehrheit kann sich demnach vorstellen, tierfreien Käse zu probieren und zu kaufen. Durch Fridays for Future aber auch durch die Coronakrise hat das Bewusstsein für Nachhaltigkeitsaspekte in vielen Bereichen stark zugenommen. Es sind nicht mehr nur überzeugte Veganer, die sich alternative Produkte wünschen.

Wecken Begriffe wie Gentechnik und Biotechnologie nicht Ängste?

Aufklärung ist da unglaublich wichtig. Man muss sich vor Augen führen, dass uns die Technologie längst umgibt. Rund ein Viertel aller Medikamente beispielsweise haben einen biotechnologischen Hintergrund. Und dass Hefepilze für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden, ist ein uralter Hut – man denke nur an Bier, Wein oder Brot.

Was treibt Sie persönlich an?

Zum einen die wissenschaftliche Begeisterung. Ich finde es faszinierend, Mechaniken der Biotechnologie auf eine ganz traditionelle Branche anzuwenden. Zum anderen sorge ich mich tatsächlich darum, wohin wir als Menschheit mit unserem Planeten steuern. Es kann nicht gut gehen, wenn wir an der traditionellen Tierhaltung festhalten und damit eine wachsende Erdbevölkerung ernähren wollen. Wir müssen endlich umdenken.

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Für Ihre Produkte mag es keine Tierhaltung brauchen – aber auch für Ihren Produktionsprozess braucht es doch Rohstoffe?

Wir müssen die Mikroorganismen mit Nährstoffen wie Kohlenhydraten und Stickstoff füttern. Aber die Hefepilze sind da relativ anspruchslos. Wir gehen davon aus, dass wir viele Abfallprodukte verwenden können – etwa Sud-Reste aus der Brauerei oder von der Fruchtsaftproduktion. Selbst wenn für die Fermentation Pflanzen extra angebaut werden müssen, ist die Bilanz noch positiv. Der Prozess der Proteinherstellung ist im Labor 70-mal effizienter als der Umweg über die Kuh.

(bsc)