"Hackathons sind Selbstausbeutung"

Hackathons, wo Teams junger, technikbegeisterter Menschen innerhalb kürzester Zeit Projekte vollenden sollen, gelten als fröhliche Festivals idealistischer Geeks. Die New Yorker Soziologin Sharon Zukin hat sich die Hacking-Marathons genauer angeschaut und kam zu einem ernüchternden Ergebnis.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 13 Beiträge

(Bild: Fall 2010 hackNY Student Hackathon / Elena Olivo / cc by-sa 2.0)

Von
  • Gregor Honsel

TR: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Hackathons zu untersuchen?

Zukin: Als Soziologin versuche ich zu verstehen, wie sich neue Formen der Wirtschaft und der Kultur in einer Stadt etablieren. Dieser Ansatz fehlt bei den meisten Studien zu digitaler Technologie. Dabei bin ich auf Hackathons gestoßen. Wir haben von 2015 bis 2016 sieben Hackathons in New York ausgewählt, die von kommerziellen Firmen gesponsert wurden. Mein Mitarbeiter Max Papadantonakis, damals PhD-Student, ist mit Erlaubnis der Veranstalter dort hingegangen und hat mit den Teilnehmern gesprochen.

Was waren Ihre Ergebnisse?

Wir haben festgestellt, dass Hackathons eine wichtige Form der Sozialisation von Mitarbeitern in der digitalen Wirtschaft sind. Sie reflektieren den kulturellen Rahmen des Silicon Valleys, definieren prekäre Arbeit zu einer großartigen Gelegenheit um und schaffen die Fiktion von Innovationen, die allen zugutekommen. Die Teilnehmer werden darin sozialisiert, digitale Technologie auch außerhalb der normalen Arbeitsplätze und Arbeitszeiten zu nutzen, wovon vor allem die Sponsoren profitieren. Zu einem gewissen Grad beuten sich die Teilnehmer selbst aus – schließlich bekommen sie keine materielle Belohnung.

Gina Neff, eine frühere Doktorandin von mir, hat diese Form der freiwilligen Selbstausbeutung "Venture Labor" genannt, in Anlehnung an Venture Capital. Man findet das häufig auch in der Kulturbranche: Die Leute engagieren sich außerhalb ihrer Arbeitszeit, um dazuzulernen. Das hat nichts mehr mit einer richtigen Ausbildung zu tun, wo die Menschen immerhin noch auf irgendeine Art bezahlt werden.

Aber dafür bekommen sie andere Formen der Belohnung: Sie haben Spaß, lernen neue Techniken und neue Leute kennen, und vielleicht würden sie in ihrer Freizeit sowieso hacken – warum also nicht in netter Gesellschaft? Wo ist das Problem?

Wir sprechen ja nicht von Ausbeutung, sondern von Selbstausbeutung. Vielen macht die intensive Zusammenarbeit tatsächlich Spaß. Andere wollen den Hackathon gewinnen und das dann in ihren Lebenslauf schreiben. Außerdem hoffen viele auf materielle Belohnung in Form eines Jobs. Es stimmt übrigens nicht, dass sich niemand ausgebeutet fühlt. Eine Minderheit der Teilnehmer, mit denen wir gesprochen haben, fühlt sich von den Unternehmen übervorteilt. Außerdem gibt es auch viele Firmen, die ihre eigenen Angestellten von Zeit zu Zeit zu internen Hackathons einladen. Das könnte man schon eher als Ausbeutung bezeichnen als die freiwilligen Wochenend-Hackathons.

Inwiefern profitieren denn die dahinterstehenden Unternehmen?

Die Sponsoren haben uns gesagt, dass sie nur selten jemanden wegen eines Hackathons einstellen. Außerdem bekommen sie durch Hackathons selten ein marktfähiges Produkt und nicht einmal einen funktionierenden Prototyp.

Warum machen sie es dann?

Einige Antworten der Sponsoren fand ich sehr interessant: Sie sagten, dass sie das Gefühl haben, Hackathons veranstalten zu müssen, um eine Reputation als cooles Unternehmen zu bekommen, für das die Leute gern arbeiten wollen. Amazon zum Beispiel sagte: Die Leute finden uns nicht so cool wie Facebook. Aber wenn wir einen Hackathon sponsern, dann halten uns die jungen Leute vielleicht doch für cool. Andere Sponsoren hoffen auf interessante Ideen, die sie an ihre eigenen Angestellten weiterleiten können.

(grh)