Hirnforschung: Medikament bringt vergessene Erinnerungen wieder zurück

Bei Labormäusen gelang es niederländischen Forschenden, durch Schlafmangel hervorgerufenen Gedächtnisverlust zu kompensieren.

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(Bild: metamorworks / Shutterstock.com)

Von
  • Gregor Honsel

Die Nacht vor einer Prüfung durchzulernen ist keine gute Idee: Schlafentzug schwächt erwiesenermaßen das Gedächtnis. Forschende um den Neurowissenschaftler Robbert Havekes von der University of Groningen haben nun herausgefunden, dass sich Erinnerungen, die durch Schlafmangel verloren gegangen sind, wiederherstellen lassen. Zumindest bei Mäusen.

Für die Studie erkundeten die Labormäuse zeitweise eine Umgebung mit vielen verschiedenen Gegenständen. Während ihrer Abwesenheit wurde die Position eines Gegenstands verändert. Ein paar Tage später kehrten die Mäuse zurück. Das natürliche Verhalten einer Maus ist es, den veränderten Gegenstand besonders intensiv zu untersuchen. Bleibt dies aus, gilt das als Indiz dafür, dass sie sich nicht mehr an den ursprünglichen Aufbau erinnern kann.

In der Tat zeigten Mäuse, die vor ihrer ersten Erkundungsphase nicht schlafen durften, deutliche Erinnerungslücken. So weit, so bekannt. Ebenfalls bekannt ist, wo solche räumlichen Erinnerungen gespeichert werden: im Hippocampus.

Das niederländische Forschungsteam machte sich nun daran, diese Zellen gezielt anzuregen. Dazu gibt es ein bewährtes Werkzeug – die Optogenetik. Die Nervenzellen der Mäuse werden dazu gentechnisch so verändert, dass sie ein lichtempfindliches Protein produzieren, welches mit einem Laser von außen, durch die Schädeldecke, aktiviert werden kann.

Kurz vor dem Wiedererkennungstest stimulierten die Forschenden so die einschlägigen Bereiche im Hippocampus. Und siehe da: Auch bei Mäusen mit Schlafentzug tauchten die vermeintlich vergessenen Erinnerungen wieder auf.

Für die Grundlagenforschung ist das ein spannendes Ergebnis. Für eine praktische Anwendung reicht das allerdings nicht, denn die dazu nötigen gentechnischen Eingriffe sind bei Menschen keine Option. Aber die niederländische Forschungsgruppe hat noch einen weiteren Weg gefunden, Erinnerungen zur reaktivieren: Die Gabe des Medikaments Roflumilast (Handelsname: "Daxas"). Es ist für Menschen zur Therapie der Lungenkrankheit COPD zugelassen. Bekamen Mäuse mit Schlafentzug es vor dem Wiedererkennungstest verabreicht, zeigte sich ein ähnliches Phänomen wie bei der optogenetischen Stimulierung: Sie erinnerten sich wieder.

Beide Ansätze führten nur zu einer temporären Auffrischung des Gedächtnisses. Kombinierten die Forschenden jedoch Stimulierung und Wirkstoff, verfestigten sich die Erinnerungen sogar. Auch mehrere Tage später konnten sich die Mäuse noch an die Anordnung der Objekte erinnern – auch ohne weitere Stimulation oder Medikamentengabe.

Damit wäre auch die Frage geklärt, ob Erinnerungen durch Schlafentzug wirklich verloren gehen oder nur unzugänglich abgelegt werden. Das Hirn speichert also offenbar mehr Informationen als zuvor angenommen. Dass diese auch mit einem bereits zugelassenem Wirkstoff wieder zugänglich gemacht werden können, eröffnet interessante Optionen. "Es könnte möglich sein, die Erinnerungen von Menschen mit altersbedingten Gedächtnisproblemen oder Alzheimer im frühen Stadium aufzufrischen", sagt Havekes. "Und vielleicht könnten wir bestimmte Erinnerungen auch permanent verfügbar machen." Im Moment seien dies natürlich alles Spekulationen. "Aber man wird sehen", so Havekes.

(grh)