Hongkong: Mesh-Netzwerk ermöglicht Demonstranten die Kommunikation

Auch wenn die Behörden zwischenzeitlich die Mobilfunknetze abdrehten, blieben die Protestierenden in der chinesischen Sonderverwaltungszone untereinander in Verbindung. Apps wie FireChat machten es möglich.

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  • David Talbot

Auch wenn die Behörden zwischenzeitlich die Mobilfunknetze abdrehten, blieben die Protestierenden in der chinesischen Sonderverwaltungszone untereinander in Verbindung. Apps wie FireChat machten es möglich.

Die Großdemonstrationen in Hongkong, die tagelang von der chinesischen Regierung mehr Demokratie forderten, sind nicht nur politisch bedeutsam, sondern auch eine kleine technische Revolution. Ein großes mobiles Messaging-Netzwerk hatte sich unter den Protestierenden gebildet, das unabhängig von bestehenden Mobilfunknetzen arbeitet. Es erlaubte die Kommunikation unter den Menschen auch dann, wenn das Handynetz überlastet war – oder von den Behörden abgeschaltet wurde, um Absprachen unter den Demonstranten zu erschweren.

Ähnlich wie im Rahmen des Arabischen Frühlings soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook wichtige Informationsquellen unter den Aktivisten wurden, erfreute sich nun die Messaging-App FireChat unter den protestierenden Hongkongern großer Beliebtheit. Die Anwendung erlaubt eine direkte Kommunikation von Telefon zu Telefon. Dabei wird entweder der Kurzstreckenfunk Bluetooth oder die WLAN-Variante WiFi Direct verwendet. Mit einer Mobilfunk- oder WLAN-Basisstation muss niemand verbunden sein.

Öffnet man FireChat, kann man Text-Chat-Räume mit Menschen betreten, die sich in einem Umkreis von bis zu 60 Metern befinden. Das Netz kann aber auch deutlich größere Ausdehnungen haben, denn jeder Nutzer ist gleichzeitig ein weiterer Knoten. Alle Nachrichten sind für alle Menschen in einem Raum sichtbar.

Die Menge in Hongkong protestierte gegen das Vorhaben der chinesischen Regierung, bei den für 2017 vorgesehenen Wahlen zum Regierungschef der semiautonomen Region die Kandidaten vorauszuwählen. Die Bürger hatten gehofft, dass es eine freie Wahl geben würde.

Bislang zensiert die Regierung Nachrichtenberichte und Diskussionen zu den Protesten in den sozialen Netzwerken des Festlandes. Doch auch in Hongkong werden verschärfte Eingriffe in die Kommunikationsfreiheit erwartet. Dazu gehört das Abschalten des Mobilfunknetzes.

Die schnelle Verbreitung von FireChat begann erst am vorvergangenen Samstag. Ein Teenager habe in verschiedenen Social-Media-Postings andere Nutzer dazu aufgefordert, die App herunterzuladen, berichtet Christophe Daligault, Vizepräsident von Open Garden aus San Francisco, der jungen Firma hinter der App.

Von jenem Samstag bis zum Montag letzter Woche war die Anwendung die beliebteste App Hongkongs sowohl in Apples App Store für das iPhone als auch Googles Play Store für Android. Twitter, Facebook oder WhatsApp wurden dabei locker überrundet.

In diesem Zeitraum luden mehr als 200.000 Menschen in der Sonderverwaltungszone die App aus einem der beiden Stores herunter. Nutzer in der Stadt sendeten rund zwei Millionen Nachrichten in diesen Tagen, bis zu 33.000 User kamen gleichzeitig zusammen, wie Daligault sagt.

FireChat werde vor allem für einfache Formen der Organisation genutzt. "Man konnte Leute sehen, die "Räume" für einen bestimmten Ort eröffnet haben, beispielsweise eine Straßenkreuzung oder ein bekanntes Gebäude", sagt Daligault. Die fragten da dann untereinander, wie viele Schutzmasken man brauche, wo man Wasser herbekomme und welche Angriffe der Polizei zu erwarten seien. "Heute gab es Tränengas, morgen kommen vielleicht die Wasserwerfer."

Die App wird seit der Internet-Abschaltung im Juni und den zunehmenden Zensurbemühungen der Regierung auch im Irak verstärkt genutzt. Allerdings ist FireChat derzeit nicht verschlüsselt. Zudem konnte Daligault die Inhalte von Chats nur deshalb sehen, weil einige Mobiltelefone in Hongkong noch mit dem Internet verbunden waren und die Nachrichten auf die FireChat-Server überspielten. Das bedeutet aber auch, dass die chinesischen Behörden mitlesen könnten. Entsprechend eignet sich FireChat nicht für sensible Kommunikation. Open Garden arbeitet derzeit aber an einer Verschlüsselung.

Hal Roberts, Fellow am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University und Experte für Internet-Zensur und Überwachung, meint, die App helfe zudem nicht gegen die Verfolgung einzelner Nutzer. "Aktivisten in autoritären Staaten sollten ihr Handy nicht nur ausschalten, sondern auch die Batterien entnehmen, wenn sie über Dinge sprechen, die nicht nach außen dringen dürfen."

Die Behörden könnten zudem nicht nur Gespräche belauschen, sondern Nutzer orten. In einigen Fällen sei es sogar möglich, auf anscheinend ausgeschaltete Geräte zuzugreifen und das Mikrofon zu aktivieren.

Und dennoch: Ad-Hoc-Netzwerk-Programme wie FireChat dürften künftig noch mächtiger werden, wenn die Mesh-Vernetzungstechnik weiter verbessert wird und sich über größere Distanzen ausdehnen kann. Ganz verschwinden wird die zentrale Kontrolle der Mobilfunkanbieter aber kaum, glauben Roberts und andere Experten. Und die könnten wiederum von den Behörden kontrolliert werden. (bsc)