Hyperlinks in die Realität

Forscher bei Nokia arbeiten an einem System, mit dem sich Orte per Handy identifizieren und mit dem Internet vernetzen lassen.

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  • Kate Greene

Die Verbindung zwischen Computerdaten und Realität mittels Mobiltelefon wird derzeit beim finnischen Handy-Hersteller Nokia vorangetrieben. Das Forschungsprojekt namens "Mobile Augmented Reality Applications" (MARA) soll reale Orte mit Hilfe einer im Telefon eingebauten Kamera identifizieren und auf dem Bildschirm dann mit Zusatzdaten versehen – Internet-Links inklusive.

Ein Prototyp-Handy mit passender Software, GPS-Empfang, Beschleunigungsmesser und Kompass kann bereits Restaurants, Hotels oder Sehenswürdigkeiten erkennen und dann Web-Seiten sowie Basisinformationen auf seinem Bildschirm darstellen. Außerdem ließen sich damit Freunde in der Nähe auffinden, die ebenfalls ein GPS-fähiges Handy mit passender Software bei sich trügen, wie Ingenieur David Murphy vom Nokia Research Center in Helsinki erklärt.

Das Forschungsgebiet der "Augmented Reality", bei der Zusatzinformationen aus einer Datenbank oder dem Internet "über" die reale Welt gelegt werden, wird nicht nur in der Scienceficition-Literatur eine große Bedeutung beigemessen – an den Universitäten und beim Militär forscht man bereits seit Jahren daran. Traditionell benötigten die bisherigen Prototypen aber mindestens einen kleinen Rucksack mit passender Hardware, ergänzt durch ein Display, das etwa in einer Brille saß. Nokia und Co. arbeiten nun an einer kundenfreundlicheren Lösung.

Handys könnten sich dabei als durchaus gut geeignet erweisen. Ihre eingebaute Computertechnik wird immer leistungsfähiger, gleichzeitig werden GPS-Empfänger zur Positionsbestimmung immer häufiger eingebaut. High-Speed-Funknetze für den Zugriff auf das Internet sind zudem in immer mehr Regionen verfügbar.

Beim MARA-Projekt verwendeten Murphy und sein Kollege Markus Kähäri ein Nokia 6680, das an eine kleine Kiste mit Zusatzhardware angeschlossen wurde: Mit GPS-Sensor, dreifachem Beschleunigungsmesser zur Ausrichtungsbestimmung der Kamera (die z. B. auf den Boden oder auf ein Gebäude zeigen kann) und einem Kompass.

Sobald das Handy im Kameramodus arbeitet und das Videobild verarbeitet, zieht die MARA-Software die Sensoren zu Rate, um herauszufinden, wo sich das Gerät befindet und wie es ausgerichtet ist. Dann werden diese Informationen mit einer Datenbank abgeglichen, die entweder im Handy selbst sitzt oder über das Internet angezapft werden kann. Wird ein Objekt erkannt, erfolgt eine grafische Markierung auf dem Display, die mit Zusatzinformationen und gegebenenfalls Web-Links ergänzt wird. Befindet sich dann beispielsweise ein nahe gelegenes Restaurant in der Datenbank (und im Blickfeld) kann die Software sofort das abendliche Menü einblenden und eventuelle Reservierungswartezeiten nennen. Mit einem Klick auf einen Hyperlink gelangt man zur Website des Etablissements.

Nicht nur Gebäude, sondern auch Menschen lassen sich in die Datenbank eintragen: Wer mit seinem GPS-Empfänger bereit ist, seine Position öffentlich preiszugeben, kann Nutzern in seiner Umgebung dann ermöglichen, auf das eigene Weblog zu klicken. Auch Sportereignisse würden dank MARA interaktiver: Bei einem Fußballspiel könnte man das Handy dann aufs Feld richten, um Informationen über Spieler oder Taktik zu erhalten. Eine weitere interessante Funktion: Die Software integriert auch Satellitenbilder. Dazu muss man einfach die Kamera auf den Boden richten. Die Software erkennt dies dann und zeigt eine Karte.

Nokia sei allerdings nicht der einzige Entwickler einer solchen Technik, wie Murphy zugibt. Das japanische Unternehmen Geovector vertreibe einen ähnlichen Ansatz bereits kommerziell. Die Geovector-Software zeigt Geschäfte und Cafes in der Nähe des Nutzers an und weist dann mit Pfeilen auf dem Bildschirm den Weg. Die Technik gibt allerdings keine Zusatzinformationen zu erkannten Objekten aus. Bei MARA ergänzen sich Realdaten hingegen tatsächlich mit virtuellen: Die Kamera zeigt das Objekt, während die Software gleichzeitig Markierungen und Zusatzinformationen einblendet. So könnte man etwa "virtuelle Kunst" auf ein Gebäude auftragen, meint Murphy, die nur Nutzer sähen.

Salil Pradan, für den RFID-Bereich zuständiger Cheftechnologe bei HP, hält das Nokia-Projekt für ermutigend. Es sei gut, dass ein wichtiger Handy-Hersteller sich in diesem Forschungsbereich engagiere. Pradan selbst versuchte bei HP mit dem Projekt "Websign" Ähnliches – das vor sechs Jahren angestoßene Vorhaben ist aber nicht mehr aktiv. "Wir glaubten immer, dass Augmented Reality vor allem in Verbindung mit Handys die Zukunft sei. Mich freut, dass Nokia hier jetzt mitzieht." Pradan glaubt, dass sich noch interessante Anwendungen ergeben könnten, sobald sich die Technologie für unabhängige Software-Enwickler öffne.

Murphy hält es für durchaus möglich, dass man Entwickler mit einer kommerziellen Variante der MARA-Technik "spielen" lassen könne. Entsprechende Werkzeuge und Schnittstellen für "Location-based"-Anwendungen mittels GPS steckten bereits im Series60-Handy-Betriebssystem: "Zumindest hypothetisch ist es vorstellbar, auch Orientierungs- und Richtungssensoren für Entwickler zu öffnen, wenn diese in die Plattform integriert werden."

Bis dato hat Nokia allerdings noch keine Pläne, aus dem MARA-Prototyp ein echtes Produkt zu machen: "Prototypen und Produkte sind ganz verschiedene Dinge." Einige der Herausforderungen seien dabei technologischer Natur, so Murphy, etwa beim Stromverbrauch durch den Dauereinsatz von Kamera und Sensoren. Gleichzeitig müsse man sich aber auch einig werden, wie man den Schutz der Privatsphäre sicherstelle und welche Objekte man denn überhaupt in die Datenbank aufnehmen wolle.

Sollte das Forschungsprojekt tatsächlich in einem Nokia-Produkt münden, erwartet Murphy spannende Anwendungen: "Es gibt so viele Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, wenn man das Internet heraus in die echte Welt holt. Man kann dann plötzlich Menschen miteinander "verlinken" wie im Web."

Übersetzung: Ben Schwan. (nbo)