IT-Leiter der Stadt Schwäbisch Hall: "Unter Linux leidet die Produktivität"

Schwäbisch Hall nutzt in den Behörden überwiegend quelloffene Software. Mathias Waack berichtet im Interview allerdings von Problemen mit den Anwendungen.

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(Bild: 3Dalia / Shutterstock.com)

Von
  • Keywan Tonekaboni
  • Christian Wölbert

Die Stadt Schwäbisch Hall setzt für die Aufgaben der Behörden überwiegend auf quelloffene Software. Laut Mathias Waack, Fachbereichsleiter Organisation und IT, läuft dabei jedoch nicht alles glatt, der Verantwortliche berichtet im Interview von Problemen mit den Anwendungen und verlangt mehr Unterstützung von der Politik. Einen Wechsel zu Microsoft schließt er nicht völlig aus.

c’t: Herr Waack, nach dem Aus von Limux in München ist Schwäbisch Hall die einzige deutsche Stadt, die statt Microsoft Windows und Office vorwiegend quelloffene Software wie Linux und LibreOffice einsetzt. Wie kam es dazu?

Mathias Waack: Anfang der 2000er Jahre hat die Stadt auf einen Schlag hohe Steuereinnahmen verloren, weil die Bausparkasse Schwäbisch Hall ihre Zahlungen verlagert hat. Die Verwaltung musste von jetzt auf gleich mit erheblich niedrigeren Einnahmen auskommen und hat deshalb unter anderem entschieden, von Windows zu Linux zu wechseln, um die Lizenzgebühren einzusparen. Das hat funktioniert, und wir sind bis heute dabei geblieben.

Der Diplom-Informatiker Mathias Waack leitet seit November 2020 den Fachbereich "Organisation und IT" der Stadtverwaltung von Schwäbisch Hall. Er und sein Team betreuen dort rund 500 PC-Arbeitsplätze. Zuvor arbeitete Waack als IT-Manager und Softwareentwickler in der Wirtschaft.

(Bild: Stadt Schwäbisch Hall)

c’t: Sie sind erst vor eineinhalb Jahren nach Schwäbisch Hall gewechselt. Wollen auch Sie am Open-Source-Kurs festhalten?

Waack: Ja. Mir ist dabei das Thema Datensouveränität sehr wichtig. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass Microsoft bei Windows auf Daten zugreifen kann. Und dass wegen des proprietären Codes niemand kontrollieren kann, welche Daten abfließen. Meines Erachtens dürfte man so ein System gar nicht im öffentlichen Bereich einsetzen. Ich halte das für sehr problematisch. Und es gibt Datenschutzbeauftragte, die meine Auffassung teilen.

c’t: Welche Open-Source-Software setzen Sie ein?

Waack: Unser Basissystem ist Ubuntu, als Office-Paket nutzen wir LibreOffice, für E-Mail Open-Xchange und für Videokonferenzen Jitsi. Die speziellen Anwendungen der Verwaltung, die Fachanwendungen, laufen entweder im Browser oder unter Windows. Um auf die Windows-Anwendungen zuzugreifen, verwenden wir zum Beispiel RDP oder Citrix.

c’t: Wie zufrieden sind die Mitarbeiter der Stadtverwaltung nach Ihrem Eindruck mit der Open-Source-Software?

Waack: Die Anwender machen ihre Zufriedenheit nach meiner Erfahrung gar nicht so sehr an der Software fest, sondern eher am Service der IT. Sie wollen das Gefühl haben, dass da jemand ist, der sie unterstützt und sich wirklich Mühe gibt.

c’t: Und wie sieht es bei der Produktivität aus?

Waack: Das ist schwer zu messen und man kann das nicht verallgemeinern. Wenn man zum Beispiel nur im Browser arbeitet, ist es egal, was für ein System darunter läuft. Aber wenn ich einen Durchschnitt für die gesamte Verwaltung bilde, stelle ich fest: Unter Linux leidet die Produktivität an einigen Stellen gegenüber Windows. Wir unterstützen hier die Anwenderinnen und Anwender so gut wir können, damit diese effizient arbeiten können, doch an manchen Stellen setzt die Software einfach Grenzen.

Die einzelnen Tools können zwar fast mit der Windows-Welt mithalten, doch Linux hat Schwächen beim Zusammenspiel der Tools. Das ist ein Grundproblem in der Open-Source-Welt: Jeder werkelt vor sich hin und hat nicht die Zeit, nach links und rechts zu schauen. Der übergreifende Gedanke fehlt. Microsoft hingegen kann als Monopolist bequem die Standards vorgeben.

»Open Source hängt zum Beispiel bei der Verarbeitung von PDFs klar hinterher.«

c’t: Können Sie Beispiele für das schlechte Zusammenspiel zwischen Anwendungen nennen?

Waack: Anwender nutzen gern Dinge wie Drag & Drop, viele Open-Source-Applikationen unterstützen das aber nicht programmübergreifend. Zum Beispiel klappt es meistens nicht, eine Datei aus dem Dateimanager in den Browser zu ziehen. Da Open-Xchange im Browser läuft, kann man Dateien nicht einfach per Drag & Drop an eine Mail anhängen. Das nervt die Anwender, gerade bei Inkonsistenzen.

c’t: Ihre Aussage, dass Anwender in der Verwaltung mit Open-Source-Software weniger produktiv sind als unter Windows, ist eine steile These. Woran machen Sie das noch fest?

Waack: Open Source hängt zum Beispiel bei der Verarbeitung von PDFs klar hinterher, da gibt es im Moment keine vernünftigen Tools. Wir erhalten viele PDF-Formulare, die unter Linux nicht richtig lesbar und bearbeitbar sind, besonders bei dynamischen Formularfeldern. Wir stellen unseren Anwendern deshalb schon den Acrobat Reader per RDP zur Verfügung. Da muss die Open-Source-Community echt mal Gas geben. Was auch immer Zeit und Nerven kostet, ist die Kommunikation mit der Windows-Welt. LibreOffice ist zwar stolz darauf, wie gut sie MS-Office-Dokumente importieren können, aber in der Praxis haben wir damit viele Probleme.

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Wir haben auch zunehmend Probleme mit Firefox, zum Beispiel werden dynamische Inhalte nicht richtig aktualisiert. Wir gehen deshalb in Richtung Chromium, aber auch der ist nicht hundertprozentig zuverlässig, zum Beispiel macht Jitsi darin immer mehr Probleme. Anfangs haben wir den Anwendern dringend ans Herz gelegt, Jitsi nur in Chromium zu nutzen, weil Firefox Probleme mit WebRTC hatte. Im Moment sagen wir, halt zurück, Jitsi funktioniert im Firefox jetzt besser als im Chromium. So etwas ist immer sehr unglücklich.

c’t: Melden Sie Bugs den Entwicklern? Und welches Feedback erhalten Sie?

Waack: Wir schauen nach Bug Reports und machen auch selbst welche auf. Aber das ist ein zunehmend frustrierender Job. Man läuft häufig ins Leere. Nach meinem Eindruck haben viele Open-Source-Entwickler eher die Sicht von Privatanwendern, ihnen fehlt das Verständnis für Business-Prozesse. Zum Beispiel haben wir mal den Cinnamon-Desktop ausprobiert. Da gibt es schon seit ewigen Zeiten das Problem, dass der Desktop nach dem Aufwachen aus dem Standby manchmal direkt offen ist, ohne Bildschirmsperre. In der Microsoft-Welt wäre das eine riesige Sicherheitslücke. Bei Cinnamon rangiert dieser Bug unter "ferner liefen".

c’t: Cinnamon ist ein Projekt einer kleinen Gruppe von Hobbyentwicklern. Müssten Sie nicht eher Enterprise-Open-Source-Software samt professionellem Support einkaufen?

Waack: Natürlich haben wir in vielen Bereichen Supportverträge, wie sich das gehört. Da werden wir auch entsprechend unterstützt. Aber wenn ein Bug dahintersteckt, machen die Dienstleister auch nicht mehr als einen Bug Report bei der Community. Die haben auch nicht die Ressourcen, da tiefer einzusteigen.

Und man muss im Hinterkopf behalten: Die Dienstleistungen rund um Open Source liegen im Allgemeinem im gleichen Preisbereich wie die entsprechenden Windows-Angebote. Wenn man das Gleiche zahlt für deutlich geringere Produktivität, dann hinterfragt man als professionelle Organisation natürlich den Sinn des Ganzen.

c’t: Wenn man Ihnen folgt, hat die Verwaltung mit Linux ein Produktivitätsproblem, aber Windows scheidet wegen der mangelnden Datensouveränität aus. Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?

Waack: Mein Lösungsvorschlag ist, dass Deutschland sich endlich aufrafft, über die föderalen Grenzen springt und einen bundesweit einheitlichen Behördendesktop auf Open-Source-Basis schafft. Ein Vorteil wäre, dass die Software den Anwendern immer vertraut ist, auch wenn sie zwischen Verwaltungen wechseln. Außerdem würden wir damit einen riesigen Markt schaffen. Wir haben Millionen von Arbeitsplätzen in der Verwaltung. Open Source wäre dann für Softwarehersteller plötzlich interessant, denn dann müssten sie ihre Anwendungen nicht mehr auf zig Distributionen und Paketformate verteilen. Gleichzeitig wäre der Betreuungsaufwand für die IT-Abteilungen der Behörden deutlich geringer. Ein standardisierter Arbeitsplatz wäre auch ein gutes Rezept gegen den riesigen Fachkräftemangel in der Verwaltung.

c’t: Die Bundesregierung und die Bundesländer haben im November genau das angekündigt, einen einheitlichen Open-Source-Desktop für Behörden. Müssten Sie die Politik nicht für den Ansatz loben?

Waack: Das würde ich machen, wenn ich nicht so viele schlechte Erfahrungen mit Ankündigungen aus der Politik in dem Bereich gemacht hätte. Mir ist kein größeres Open-Source-Projekt bekannt, das am Ende wirklich umgesetzt wurde.

»Wenn unsere Nachbarn uns bei Innovation und Produktivität gnadenlos überholen, dann müssten auch wir zu Microsoft wechseln.«

c’t: Eine Grundlage dieses Open-Source-Desktops existiert immerhin schon, und zwar die browserbasierte Office- und Kommunikations-Suite Phoenix von Dataport. Wäre das eine Alternative für Sie?

Waack: Das ist durchaus der richtige Ansatz. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in zwei, drei Jahren reif für einen Umstieg auf Phoenix wären, wenn sich das etabliert und gut funktioniert. Aber wir müssen uns in vielen kleinen Schritten in diese Richtung bewegen. Die Anwender wollen nicht experimentieren, sondern ihren Job machen.

c’t: Können Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem Sie doch zu Microsoft wechseln?

Waack: Ja, leider durchaus. Ich bin kein Linux-Fanatiker. Mir ist wichtig, dass unsere Anwender ihre Arbeit erledigen können. Im Moment hakelt es an einigen Stellen, aber das ist in den Nachbarkommunen mit Windows auch so. Wenn ich mitkriege, dass unsere Nachbarn uns bei Innovation und Produktivität gnadenlos überholen, dann müssten auch wir zur Microsoft-Welt wechseln. Das würde ich persönlich schade finden, aber es wäre nicht zu vermeiden.

c't Ausgabe 12/2022

(Bild: 

c't 12/22

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(cwo)