Emily Warren Roebling: "Ich weiß nicht, ob ich die erste Bauingenieurin bin"

Die Brooklyn Bridge wurde von ihrem Schwiegervater geplant und ihrem Mann begonnen, doch fertiggestellt wurde sie nur dank der Durchsetzungskraft von Emily Warren Roebling.

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  • Julia Tahedl

Die Brooklyn Bridge wurde von ihrem Schwiegervater geplant und ihrem Mann begonnen, doch fertiggestellt wurde sie nur dank der Durchsetzungskraft von Emily Warren Roebling,

Warren Roebling wird am 23. September 1843 in Cold Spring geboren. 1864 lernt sie Washington A. Roebling kennen, der im Bürgerkrieg unter ihrem älteren Bruder, General Joseph Warren, diente. 1865: Washington und Emily heiraten und bekommen später einen Sohn. Vier Jahre später stirbt Emilys Schwiegervater John A. Roebling an einer Tetanusinfektion, 1872 erkrankt Washington Roebling an der Taucherkrankheit. 1883 wird die Brooklyn Bridge nach 14 Jahren Bauzeit eröffnet.1896: Europareise auf Einladung Queen Victorias und Treffen mit dem russischen Zaren Nikolaus II. Drei Jahre später erfolgreicher Abschluss eines Jurastudiums. Am 28. Februar 1903 stirbt Emily Warren Roebling in Trenton, New Jersey. Ihr kranker Ehemann überlebt sie bis 1926.

Technology Review: Mrs. Roebling, gestern wurde die große Brücke von Manhattan nach Brooklyn eröffnet. Ich gratuliere.

Emily Warren Roebling: Vielen Dank. Ich finde, sie ist wirklich ein Schmuckstück.

TR: Das ist sie – und bald ein Wahrzeichen von New York. Mich wundert, dass ich für das Interview nicht Schlange stehen musste. Immerhin ist die längste Hängebrücke der Welt Ihr Verdienst.

Roebling: Ich habe sie nur vollendet. Geplant hat sie mein Schwiegervater, der berühmte deutsche Ingenieur John August Roebling, Gott hab ihn selig. Er hat so viele Beiträge zum modernen Brückenbau geleistet, wissen Sie. Zum Beispiel hat er die verdrillten Stahlkabel erfunden. Leider starb er völlig überraschend an Wundstarrkrampf, und sein Sohn, mein lieber Mann Washington, übernahm die Bauleitung.

TR: Auch sein Leben hätte der Brückenbau beinahe gefordert. Die Caisson-Krankheit ruinierte seine Gesundheit vollkommen. Wie in aller Welt holt man sich die Taucherkrankheit auf einer Brückenbaustelle?

Roebling: Er war Tag und Nacht auf dem Bau und hat ihn persönlich überwacht. Da war er auch ständig in den Caissons.

TR: Was genau sind Caissons?

Roebling: Die Technik haben John und Washington als Erste aus Europa mitgebracht. Das sind gigantische Senkkästen aus Holz und Stahl. Sie werden beschwert zum Flussbett hinabgelassen, um dann in ihnen das Fundament der Brückenpfeiler herzustellen. Damit kein Wasser eindringt, herrscht darin Überdruck. Das ist auf Dauer aber offenbar nicht gesund.

TR: Da haben Sie recht: Das Problem ist der fehlende Druckausgleich. War denn das Risiko der Taucherkrankheit nicht bekannt?

Roebling: Doch, sehr viele Arbeiter sind daran erkrankt. Aber wir dachten einfach nicht, dass sie auch einen so jungen und kräftigen Mann wie Washington ereilen könnte.

TR: Wessen Idee war es, dass Sie an seiner Stelle das Ruder übernehmen?

Roebling: Das hat sich einfach so ergeben. Anfangs ist Washington trotz seiner Krankheit immer wieder an die Baustelle zurückgekehrt und sogar wie-der in die Caissons gestiegen. Aber als er das Bett nicht mehr verlassen konnte, wurde ich zu seiner rechten Hand: Ich habe seine Instruktionen an die Leute auf der Baustelle übermittelt, alles inspiziert und ihm Bericht erstattet. Und irgendwann habe ich auch vor Ort eigenständig Entscheidungen gefällt, wenn es sein musste.

TR: Das lief doch bestimmt nicht ohne Protest ab, oder?

Roebling: Anfangs hatten sich die Männer auf der Baustelle schon sehr gewundert, Anweisungen von einer Frau zu bekommen. Aber dann haben sie gemerkt, dass ich sehr wohl wusste, wovon ich rede.

TR: Sie wurden also als stellvertretende Chefingenieurin akzeptiert?

Roebling: Nun ja. John hatte für die Brücke völlig neuartige Stahlteile entworfen, mit denen die Gießereien große Schwierigkeiten hatten. Ständig stand einer von denen bei uns daheim vor der Tür und wollte damit zu meinem Mann. Die Burschen haben ganz schön gestaunt, wenn ich sie dann nicht durchließ, sondern ihre Fragen im Wohnzimmer selbst beantwortete.

TR: Auch von politischer Seite wurden Sie unter Druck gesetzt.

Roebling: Allerdings. Seth Low, Kura-toriumsmitglied und seit drei Jahren Bürgermeister von Brooklyn, wollte Washington unbedingt absetzen lassen. Nur noch als Berater hätte er dann tätig sein sollen! Das konnte ich nicht zulassen, das Projekt musste mit dem Namen Roebling verbunden bleiben, so viel war ich Wa-shington und John schuldig.

TR: Aber mal ehrlich, Mrs. Roebling: Lows Einwände klingen plausibel, Ihr Mann ist schließlich so gut wie blind und sogar teilweise gelähmt.

Roebling: Aber mit meiner Unterstützung konnten die Arbeiten doch weitergehen. Schließlich habe ich ihm und John jahrelang über die Schulter geschaut: Ich wusste, wie die Drahtseile in Johns Fabrik produziert wurden, und über die Caissons haben wir uns damals auf unserer Hochzeitsreise gemeinsam informiert. Die theoretischen Grundlagen in Mathematik, Materialkunde und Statik habe ich mir dann nach und nach auch beigebracht.

TR: Sie haben elf Jahre lang allen Widerständen getrotzt. Wie haben Sie das geschafft?

Roebling: Ich bin die Schwester von General Warren! Nein, im Ernst, wenn ich eines gut kann, dann reden. Diese Poli-tiker habe ich schon immer wieder überzeugt. Zum Glück hatte ich auch einen guten Draht zum Kuratoriumsvorsitzenden, Senator Henry C. Murphy, der sich immer für mich eingesetzt hat.

TR: Gab es nicht doch mal Schreckensmomente?

Roebling: Doch, zum Beispiel als wir feststellten, dass die eingebauten Stahlseile nicht der von John geplanten Sicherheitsanforderung entsprechen. Aber ich habe dann nachgerechnet und festgestellt, dass die Kabel noch immer das Vierfache der auftretenden Last tragen können. Das sollte also ausreichen.

TR: Es ist sehr schade, dass die Öffentlichkeit so gut wie nichts über Sie weiß. Dabei gelten Sie für die Nachwelt als die erste Bauingenieurin.

Roebling: Ich weiß nicht, ob ich die Erste bin. Auf jeden Fall kenne ich keine andere, die sich so viel und gern auf Baustellen herumgetrieben hat wie ich. Aber im Ernst, ich hoffe inständig, dass sich durch mein Beispiel bald etwas ändert und es für Frauen nicht mehr unschicklich sein wird zu arbeiten. Doch genug von mir. Erlauben Sie mir auch eine Frage? Ich habe Washington versprochen, sie zu stellen.

TR: Natürlich, Mrs. Roebling.

Roebling: Unsere Brücke ist ein Meis-terwerk der Ingenieurskunst und mit einer Spannweite von 486 Metern länger als jede andere. Washington wird keine mehr bauen können, aber er hat immer von einer noch längeren Hängebrücke geträumt. Wird jemand anderes sie bauen?

TR: Zu meiner Zeit liegt der Rekord bei einer Spannweite von 1991 Metern. Diese Brücke steht in Japan.

Roebling: Du lieber Himmel, das wird ihn aus den Socken hauen.

TR: Vielen Dank für das Gespräch, Mrs. Roebling. Und grüßen Sie Ihren Mann. ()