"Ich will wissen, was die Leute mit meinen Produkten anstellen"

Der Autor, Unternehmer und Internet-Aktivist Andrew "Bunnie" Huang spricht im TR-Interview über die Frage, warum Firmen ihre Geräte so selten für Bastler freigeben.

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Wenn es nach dem Hacker und Seriengründer Andrew "Bunnie" Huang geht, sollten Hersteller von Consumer-Produkten künftig ihre kompletten Baupläne offenlegen, damit die Kunden sie sich genau ansehen und gegebenenfalls auch modifizieren können. Das sei schon im Sinne der Reparierbarkeit ein wichtiger Schritt.

Er selbst hat das bei einer Reihe seiner Start-ups – etwa Chumby, Novena und Chibitronics – bereits getan. In seinem neuen Buch "The Hardware Hacker" stellt er zudem das Konzept von Open-Source-Hardware vor. Im Interview mit Technology Review erläutert Huang, wie er sich die große Bastlerzukunft vorstellt.

Technology Review: Herr Huang, Sie haben über das letzte Jahrzehnt drei offene Hardware-Plattformen entwickelt, darunter ein Inhaltegerät mit WLAN-Anbindung, einen Open-Source-Laptop und einfach zu nutzende elektronische Schaltkreise, die sich für das Basteln und den Bildungsbereich eignen. Warum setzen Sie bei Ihren Geräten auf das Open-Source-Prinzip und machen Quellcode und Baupläne kostenlos online öffentlich?

Andrew "Bunnie" Huang: Ich sehe einen Wert darin, daraus lernen zu können, was andere Menschen über mein Produkt zu sagen haben – und zu sehen, was sie mit ihm anstellen. Die Kosten eines Bauplans und einer Platine sind eigentlich nur ein sehr kleiner Teil der gesamten Produktionskette. Teile ich Baupläne, Hauptplatine und Quellcode, lade ich die Kunden ein, an einer Unterhaltung teilzunehmen, wie das Produkt sein sollte.

Ich bin kein Genie, ich bin kein Marketingmensch – warum sollte ich dann sagen, dass dies der einzige Weg sein sollte, ein Produkt zu nutzen? Öffne ich es und beziehe die Kunden in die Unterhaltung mit ein, können sie ganz neue Anwendungen finden, an die ich nie gedacht hätte – und das ist toll. Ich lerne davon und das hilft mir dabei, das Produkt in die Richtung derjenigen Kunden zu lenken, die es wirklich annehmen und nutzen. Das ist ein netter Weg, ein Ökosystem wachsen zu lassen und wirklich leidenschaftliche Kunden einzubeziehen, die den Kern eines Geschäftes bilden.

TR: Nicht viele Firmen öffnen ihre Produkte auf diese Art. Sie glauben aber, dass sich das ändern wird und die gesamte Branche letztlich Open-Source-Hardware bevorzugen wird – zumindest in manchen Bereichen. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Und warum führt die Verlangsamung des Mooreschen Gesetzes Ihrer Meinung nach zu besseren Bedingungen für offene Hardware?

Huang: Die Verlangsamung des Mooreschen Gesetzes bedeutet, dass wir mehr auf Infrastrukturen treffen werden, die sich nicht verändern. In den letzten zwei oder drei Jahrzehnten hat sich Technologie so schnell verändert, dass viele Firmen mehrere parallel arbeitende Teams benötigten, nur um mit dem Mooreschen Gesetz mitzuhalten. Es war einfacher, ihm einfach hinterher zu rennen, anstatt richtig in den Aufbau einer Gemeinschaft zu investieren.

In den Neunzigern wäre es verrückt gewesen, einen Laptop fünf Jahre lang zu behalten, aber ich habe heute hier ein solch altes Gerät und es funktioniert ohne Probleme. Das gibt den Leuten Zeit dafür, eine Open-Source-Gemeinscahft wachsen zu lassen, weil man nicht ständig einem sich bewegenden Ziel hinterher hetzt. Gleichzeitig tut es einer Firma nicht mehr so weh, falls ein paar Monate nach der Freigabe jemand anfängt, die eigene Technik zu klonen. Dann kann man sagen: "Okay, gut, aber wir werden das eh für viele Jahre produzieren." Und Klone geben einem ja auch neue Ideen zurück, die man dann zur Verbesserung des eigenen Produktes nutzen kann. Das ist dann viel mehr wert als der Versuch, einen Nachahmer in Grund und Boden zu klagen.

TR: Lassen Sie uns über die chinesische Open-Source-Gemeinschaft reden, die Sie selbst als "Gongkai" bezeichnen, die chinesische Transliteration des englischen Begriffes "Open". In Ihrem Buch beschreiben Sie diese Community als eine Gruppe von Personen, die urheberrechtlich geschützte Dokumente miteinander teilt, etwa Baupläne für neue Gadgets, ohne dass sie sich dabei nötigerweise an das Gesetz halten. Wie anders ist Open Source in China im Vergleich zum Westen?

Huang: Ich habe den Begriff "Gongkai" geprägt, weil es bereits ein richtiges chinesisches Wort für "Open Source" gibt, das aber spezifisch auf das rechtliche Konstrukt verweist. Ich verwende "Gongkai" gerne, weil es die Tatsache hervorhebt, dass diese Leute etwas teilen, sich dabei aber nicht unbedingt an die Buchstaben des Gesetzes halten. Ich denke, die interessante Tatsache an dem Gongkai-Ökosystem in China ist, dass es sich mit dem Internet entwickelt hat – insbesondere im Elektronikbereich. Viele Leute in China, die Handys und andere Sachen entwickelt haben, wurden nicht davon indoktriniert, wie westliches geistiges Eigentum funktionieren sollte. Sie mussten also ein System herausfinden, das ihnen die Möglichkeit gab, innovativ zu sein. Dafür haben sie dann das Internet genutzt.

Das Patentsystem in Amerika ist ein sehr altes System, bei dem man davon ausgeht, dass eine einzelne Person auf der ganzen Welt auf eine bestimmte Idee gekommen ist, für die es dann ein 20 Jahre andauerndes Monopol gibt. Das fühlt sich nicht sehr Internet-mäßig an.

Ein zentrales Element, dass das Gongkai-Ökosystem und seine Behandlung geistigen Eigentums möglich macht, ist die Tatsache, dass in China im Grunde jeder eine Fabrik hat oder mit jemandem verwandt ist, der eine Fabrik hat oder jemanden kennt, der eine Fabrik hat. In China macht man Dinge nicht zu Geld, indem man eine Lizenz auf geistiges Eigentum aushandeln und Leute dann verklagt. Man macht sie zu Geld, indem man sie auf Tabobao stellt, der chinesischen Version von Amazon.com – und sie dann schneller verkauft als jeder andere. (bsc)