"Ich wollte mich ganz dem Erfinden widmen"

Eigentlich sollte er die großherzoglichen Wälder verwalten, doch der junge Baron interessierte sich mehr für Mechanik. Ein historisches Gespräch mit Karl Drais.

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Von
  • Wolfgang Stieler

TR: Herr von Drais …

Karl Drais: Drais bitte, nur Drais.

Wie bitte?

Ich habe meine Adelsprivilegien öffentlich abgelegt. Die "Karlsruher Zeitung" hat geschrieben, der Adelsstand in Deutschland sei "eine offene Wunde, aus der das Vaterland verblutet". Und sie hat recht damit.

Sie würden sich als Demokrat bezeichnen, obwohl Sie einem Adelshaus entstammen?

Ich bin zunächst einmal ein Wissenschaftler. Als denkender Mensch bin ich auf der Suche nach Wahrheit. Und die Wissenschaft ist dazu da, die Lebensumstände aller Menschen zu verbessern – nicht nur die einer kleinen, privilegierten Minderheit.

Nun gut, also, Herr Drais, …

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Aber ich sehe, Sie machen sich handschriftliche Notizen. Ich habe eine Maschine entwickelt, die Ihnen das Leben erheblich erleichtern könnte: Eine Schnellschreibmaschine, die Sie mit einiger Übung in die Lage versetzt, das gesprochene Wort auf einem Papierstreifen exakt zu protokollieren. Ein ähnliches Prinzip hatte ich auch für meinen Klavierrekorder benutzt.

Ein Klavierrekorder?

Eine Maschine, die Improvisationen des Musikers direkt in eine Art Kurzform der Notenschrift überträgt. Jeder, der in der Lage ist, diese Schrift zu lesen, kann so alles nachspielen. Die raffiniertesten Fantasien der größten Künstler – nichts geht mehr verloren. Aber zurück zur Schnellschreibmaschine: Ein geübter Schreiber schafft bestimmt 1000 Buchstaben pro Minute. Ich kann Ihnen die Bauanleitung zu einem Gulden das Stück überlassen.

Mehr Infos

Karl Drais – Meilensteine seines Lebens:

29. APRIL 1785: Karl Friedrich Drais wird in Karlsruhe geboren

1800 Der junge Drais wird Forstanwärter in Pforzheim

1803 Drais studiert Mathematik, Physik und Baukunst

1810 wird Drais zum Großherzoglich badischen Forstmeister ernannt

1811 Drais wird bei vollen Bezügen beurlaubt, um seinen Erfindungen nachzugehen

1813 Vorführung der ersten vierrädrigen Laufmaschine

1817 Vorführung der zweirädrigen Laufmaschine

1818 Drais wird zum Professor für Mechanik ernannt

1822 bis 1827 Drais geht als Landvermesser nach Brasilien

1849 Drais wird die Pension entzogen.

10. DEZEMBER 1851: Drais stirbt verarmt in Karlsruhe.

BIOGRAFIE:

Hans-Erhard Lessing: "Automobilität – Karl Drais und die unglaublichen Anfänge", Maxime
Verlag, 2003, 527 Seiten, 32 Euro

Sie müssen Bauanleitungen verkaufen, um sich Ihren Lebensunterhalt zu sichern? Sind Sie nicht Professor?

Professor ohne Lehrstuhl, ja das bin ich. Als junger Mensch wollte ich mich ganz dem Erfinden widmen und habe auf die Gnade und Gunst des Großherzogs gesetzt. Der hat mich tatsächlich zum Professor für Mechanik ernannt. Doch die kleingeistigen, eifersüchtigen Hofschranzen haben mich mit einem Hungerlohn abgespeist: 400 Gulden pro Jahr. Hätte ich weiter im Forstamt gedient, hätte ich das Fünffache bezogen.

Ihre Kritiker behaupten, Ihre Laufmaschine sei ein kolossaler Misserfolg. Nach viel Aufregung habe
sich die Drais’sche Laufmaschine als gänzlich unnütz herausgestellt.

Unnütz? Gescheitert? Guter Mann, ich habe mit meiner Laufmaschine 24 Poststunden des Weges – das sind in Ihrem Maßsystem glaube ich rund 80 Kilometer – in nur zwölf Stunden zurückgelegt. Hernach war ich noch immer so frisch, dass ich direkt den Heimweg hätte antreten können – wenn nicht der Tag sich dem Ende zugeneigt hätte. Es gibt zahllose Zeugnisse davon, wie man mithilfe meiner Maschine bald schneller vorankommt als in einer Kutsche. Und das zu einem Bruchteil der Kosten.

Sie hatten bei Ihrer Erfindung also eine Art Pferde-Ersatz für den gemeinen Mann im Sinn?

Sie sagen es! Erinnern Sie sich an die Hungerjahre 1816 bis 1818? Das waren schlimme Zeiten. In einem Jahr fiel der Sommer fast vollständig aus. Wir hatten schlimme Missernten, und die Getreidepreise stiegen unendlich an. Die Leute haben ihre Pferde geschlachtet, nicht nur, weil sie Hunger hatten, sondern weil das Futter zu teuer war. Da dachte ich, so könne das nicht weitergehen.

Dennoch ist heute kaum mehr eine von Ihren Maschinen zu sehen.

Ha! Das liegt nicht an mangelnder Nützlichkeit, sondern am Fahrverbot. Meine Feinde bei Hofe hatten meine Abwesenheit schmählich genutzt, als ich 1822 nach Brasilien gereist bin, um dort als Landvermesser zu arbeiten. Was für eine närrische, romantische Idee – mein Vater war erblindet, die Stellung bei Hofe in Gefahr und ich wollte in der neuen Welt noch einmal von vorn beginnen.

Zurück zur Fahrmaschine: Ihr erstes Modell hatte vier Räder und wurde von einer Welle angetrieben, die mit den Füßen getreten wurde. Warum sind Sie später davon abgewichen?

Das Gewicht, junger Mann. Die Welle muss aus Eisen geschmiedet werden. Ein solches Gefährt ist sicherlich mit einer Kutsche vergleichbar. Nun nehmen Sie die zweite Version der Fahrmaschine
mit nur zwei Rädern: Sie wiegt nicht mehr als fünfzig Pfund. Außerdem steigt der Aufwand der Kraft, je mehr Räder man bewegen muss. 1843, also vor fünf Jahren, habe ich das Prinzip aber noch einmal aufgegriffen und ein muskelbetriebenes vierrädriges Schienenfahrzeug für die Badische Staatsbahn entworfen. Das war den Herren aber nicht gut genug. Es muss mit Dampf und Kohle gefahren werden. Obwohl die teuer nach Baden importiert werden muss.

Apropos Brennstoff. Sie sollen auch einen sagenhaften Ofen erfunden haben.

Ach, schweigen Sie davon. Wenn man die Natur genau beobachtet, sieht man, dass alles mit äußerster Sparsamkeit bewirkt wird. Wenn nun aber die Frau des Hauses wie gewohnt kocht, verschwendet sie einen großen Teil der Hitze des Feuers – der heiße Dampf entweicht ja in die Luft. Wir sorgen also dafür, dass der Dampf seine Wärme wieder an das Kochgut abgibt, bevor er in die Umgebung entweicht. Schließlich überlassen wir das Gekochte gut isoliert für einige Stunden sich selbst. Die Sache funktioniert vortrefflich. Allein, auch hier ist mir das Preisgeld, das der Markgraf Wilhelm für die Erfindung eines solchen Holzsparofens ausgeschrieben hatte, vorenthalten worden.

Ihre Erfindungen scheinen ja durchaus nützlich zu sein, können sich aber offenbar aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen. Verbittert Sie das?

Wieso scheinen? Sie funktionieren doch. Was die Verbitterung angeht, kann ich nur sagen: Sehen Sie nach England: Dort ist die wissenschaftliche und technische Entwicklung schon viel weiter als hier. Ich bin sicher, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten ist.

Herr Drais, was planen Sie für die Zukunft?

Die Zukunft ist ungewiss. Sie sehen ja, die Situation ist aufs Äußerste gespannt: Am 11. Mai haben die Soldaten in Raststatt und Karlsruhe rebelliert. Der Großherzog ist geflohen – hier in Karlsruhe gibt es eine provisorische bürgerliche Regierung. Aber ich fürchte, die Kräfte des Volkes werden nicht ausreichen: Der badischen Volksarmee stehen fast doppelt so viele preußische Soldaten gegenüber.

(wst)