Ideen gehören allen!

Neue Technologien zwingen uns zu Grundsatzentscheidungen über das Copyright von Musik, Software oder Büchern. Solche Kulturgüter sollten frei verfügbar sein.

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Inhaltsverzeichnis

Wir betraten das Jugendlager an jenem Morgen durch ein Holztor, zu dem eine lange, weiße Schotterstraße führte. Zelte reihten sich aneinander, so weit das Auge reichte. Vor uns befanden sich einige Dutzend Duschen, um die sich Hunderte Jugendlicher scharten und darauf warteten, sich waschen zu können. Das Ganze wirkte wie ein Flüchtlingslager, und in gewisser Weise war es genau das.

Mehr als hunderttausend Menschen waren zum Weltsozialforum nach Porto Alegre in Brasilien geströmt, einer Konferenz, die als fortschrittliche Alternative zum viel kleineren und viel bekannteren Weltwirtschaftsforum in Davos gedacht ist. Gleich hinter den Duschen erstreckte sich ein Feld von Holzhütten, verbunden mit über die Dächer gespanntem Zelttuch: das Labor für freie Software. Rechts befand sich ein Übungsraum mit mehr als 50 PCs auf langen Tischen. Ganz hinten stand ein großer Bildschirm, an dem ein Lehrer 20 oder 30 jungen Menschen die Funktion von Video-Bearbeitungssoftware erklärte. Auf den Rechnern lief ausschließlich freie Software -- GNU/Linux als Betriebssystem, Mozilla als Browser und eine Sammlung von Medienprogrammen, von denen ich die meisten noch nirgends zuvor gesehen hatte.

Der Raum war offenbar für eine Art Disco vorbereitet. Drei Discjockey-ähnliche Gestalten standen über einen Tisch voller Geräte gebeugt, testeten Lautsprecher und fingerten an fantastisch komplizierten Reglern herum. Doch es waren keine DJs, sondern VJs: Videojockeys, die sich auf eine Demonstration ihrer Werkzeuge für - wie sie es nannten - die "Recyclingkultur" vorbereiteten. Die Musik hätte wohl auch in den coolsten New Yorker Tanzclub gepasst. Die Bilder jedoch waren Collagen aus Fernsehbildern und Farben, wie ich es in dieser Form noch nirgends zuvor gesehen hatte. Zur Musik wurden Fernsehmitschnitte über den Schirm gezerrt. Der VJ hantierte an einem Steuergerät ähnlich einem Plattenteller, mit dem er leistungsstarke Videogeräte zum Mischen von Bildstatt Tonaufnahmen bediente.

In einem anderen Raum standen weitere fünfzig Maschinen, getaucht in gelbes, vom Zelttuch gefiltertes Licht. John Perry Barlow, der frühere Liedtexter von Grateful Dead und Mitgründer der Electronic Frontier Foundation, saß über sein Powerbook gebeugt und unterhielt sich mit jemandem. Lächelnd sah er auf: "Es ist der ,New York Times‘-Redakteur John Markoff in Davos." Offenbar war der Raum auch in Wi-Fi-Wellen getaucht. Ich war dort, um etwas über das "freie Software-Labor" zu erfahren.