Im Test: Der selbstfahrende Snack-Bus auf Rädern

Die Lebensmittelkette REWE testet ein System, das autonom Umsatz auf die Straße bringen soll. Wir haben das REWE Snack Mobil ausprobiert.

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Lecker snacken, ganz mobil? Das REWE Snack Mobil.

(Bild: REWE Digital)

Von
  • Hans Dorsch

Nachmittags um zwei ist im Carlswerk in Köln-Mühlheim ganz schön was los. In den mehr als 20 teilweise denkmalgeschützten Gebäuden wurden von 1874 bis Mitte der 2000er-Jahre großindustriell Metallkabel und -seile produziert. Heute ist es ein belebtes Gewerbequartier mit unterschiedlichsten Unternehmen, von der TV-Produktionsfirma Brainpool bis zu Eurowings. Dazu gibt es Restaurants, Cafés, eine Boulderhalle und eine Spielstätte des Kölner Theaters. Auf den schmalen Straßen sind viele Beschäftigte, Passanten und Autos unterwegs – und mittendrin fährt ein rotweißer Mini-Bus, auf dem "Winke, winke!" steht.

An einer Kreuzung hält das kleine Fahrzeug und setzt den Blinker links. Es wartet, bis die Straße frei ist, macht eine 180-Grad-Wende und fährt auf der Straße in Schrittgeschwindigkeit in meine Richtung. Als es ein paar Meter entfernt ist, hebe ich den Arm. Als es meine Geste als Stoppzeichen erkennt, spielt es einen Dreiklang, blinkt mit den farbigen LEDs an der Front und hält neben mir an.

Auch REWE Digital, zuständig für die Digitalisierung bei REWE, hat seinen Sitz im Carlswerk und testet hier mit dem "Rewe Snack Mobil" den ersten autonom fahrenden Kiosk in Deutschland und wahrscheinlich auch in Europa. Bis Ende September ist das Fahrzeug jeden Tag von 10 bis 15 Uhr auf einer knapp 600 Meter langen Route im Quartier unterwegs. Die Route ist als digitale Karte hinterlegt, Rewe nennt sie "virtuelle Schienen". Die Kombination verschiedener Sensoren wie GPS, Lidar, Kameras, Ultraschall und 5G-Mobilfunk sorgt dafür, dass es erstens auf der Spur bleibt und zweitens ständig auf Veränderungen in der Umgebung reagieren kann. Zum Beispiel auf mein Winken.

Snack Mobil im Carlswerk (6 Bilder)

Das Snack-Mobil rollt ohne Fahrer durch das Carlswerk in Köln.
(Bild: Rewe digital
)

Das Snackmobil ist nur knapp drei Meter lang und nicht mehr als 1,6 Meter hoch. Statt Sitzen sind hinter den Scheiben Fächer mit Lebensmitteln eingebaut, wie man sie zum Beispiel vom Snackautomaten am Bahnhof kennt. Ich schau’ mir die Auswahl an: Es gibt Herzhaftes wie Bifi, Wasa Sandwich oder Nussmischung, aber mir ist nach Süßem: ein Snickers, dazu Haribo Goldbären und einen Eistee. Zum Kaufen muss ich den Bildschirm auf dem Dach nutzen. Darauf ist das ganze Angebot noch mal digital dargestellt. Auswählen geht per Touch wie im Online-Shop am Tablet. Dann drücke ich "Pay now" und eine Stimme sagt: "Please select a payment method". Ich wähle die einzige Option "Contactless payment" und aus dem Mobil tönt laut "Good choice! Please proceed with the contactless payment" – als ob ich eine Wahl gehabt hätte. Und jetzt?

Der Sensor fürs kontaktlose Zahlen ist neben dem Fenster rechts am Wagen. Mit dem Telefon oder der Karte hätte ich ihn wahrscheinlich erreicht und gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen können, was passiert. Weil ich aber mit der Apple Watch an meinem linken Arm zahlen möchte, muss ich mich ein wenig verrenken. Na gut. Ich halte meine Uhr davor, sie klingelt und das Snackmobil vermeldet: "Payment is successful, please take your stuff".

Jetzt drehen sich die Spiralen in den Regalfächern, der Eistee und das Snickers fallen aufs Transportband und die Gummibärentüte – verklemmt sich im Regal. Aber zum Glück wird mir geholfen: Ein Mann mit rotem T-Shirt kommt zu mir, öffnet die Tür des Automaten und befreit meine Süßigkeit.

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Er ist nicht zufällig da. Das Snackmobil darf nämlich auf öffentlichen Straßen nur mit einer Begleitperson unterwegs sein, die es im Blick hat und in kritischen Situationen eingreifen kann. Dazu hat er einen gelben Kasten mit zwei Knöpfen. Einen zum Stoppen und einen zum Weiterfahren. Dazu hängt noch eine Funkfernsteuerung um seinen Hals, um das rollende Büdchen von Hand zu steuern, zum Parkplatz oder wenn es irgendwo im Weg ist.

Nachdem ich meine Sachen herausgenommen habe, fährt das Mobil wieder los. Es kommt aber nicht weit, denn aus der Boulderhalle nebenan kommt eine junge Frau und hält es gleich wieder an. Sie wählt eine Cola Zero und bezahlt kontaktlos mit Karte. Alles funktioniert.

Der fahrende Kiosk scheint beliebt zu sein. Frank Schmitz, Innovation Manager bei REWE Digital und verantwortlich für das Projekt, bestätigt das. "Am meisten Andrang ist zwischen 11 und 14 Uhr", sagt er, und "am beliebtesten sind Cola, Snickers und Mate-Tee, aber auch Bio-Produkte von Share".

Um 15 Uhr ist Feierabend. Der Begleiter lenkt das Snackmobil in eine Seitenstraße. Dort ist das Lager, wo er es für den nächsten Tag wieder befüllen möchte. Das muss aber noch warten, denn zwei Frauen mit gezücktem Smartphone kommen hinterher.

Sie haben das Snackmobil mit der dazu gehörenden App gefunden. Mit ihr kann man in Echtzeit den Standort des Fahrzeugs auf der Karte verfolgen und warten, bis es an der Bürotüre vorbeikommt oder eben hinterhergehen. Leider klemmt bei ihrem Kauf wieder der Automat. Die Coke Zero will sich nicht nach vorne bewegen. Aber zum Glück ist ja ein Mensch da, um zu helfen.

Nachdem das autonome Fahren in Schrittgeschwindigkeit jetzt tatsächlich zu funktionieren scheint, wird es Zeit sich um ein echtes Problem der Menschheit zu kümmern: klemmende Snackautomaten.

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(jle)