Internet der Dinge: Zahlt sich Industrie 4.0 aus?

Industrie 4.0 soll die Wirtschaft revolutionieren. Auf den Hype folgt nun die Ernüchterung.

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(Bild: Collage: Technology Review; Fotos: Shutterstock)

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Kostengünstig und schnell produzieren einerseits, individuell und qualitativ hochwertig andererseits – das sollte die Rettung für Fabriken in Europa und den USA werden. Angesichts der Billigkonkurrenz aus Asien machten sie sich daran, das eigentlich Unmögliche zu schaffen: den Massenmarkt für Einzelstücke. Adidas etwa gründete zwei "Speedfactories" im fränkischen Ansbach und in Atlanta. Mit modernen, digital vernetzten Maschinen schaffte es der Sportartikelhersteller tatsächlich, für seine Kunden so schnell wie nie zuvor ganz individuelle Turnschuhe zu produzieren. Während es früher im Schnitt 18 Monate dauerte, bis aus einem Trend ein neuer Schuh wurde, konnten Kunden nun im Adidas-Store oder direkt im Werk ihren persönlichen Schuh entwerfen und bekamen ihn bereits 24 Stunden später geliefert. Doch nach vier Jahren, im November 2019, schloss das Unternehmen die beiden Speedfactories. Die Anlagen waren nicht ausgelastet, die Vollautomatisierung brachte nicht die erhofften Erträge.

Eine ähnliche Erfahrung machte die Munsch Chemie-Pumpen GmbH in Baumbach im Westerwald. Als Kunden aus der Stahl- und Chemieindustrie während der Finanzkrise 2008 wegbrachen, begann das Unternehmen, kundenindividuelle Pumpen zu produzieren. Mithilfe der Software eines sogenannten Produktionskonfigurators kann der Vertriebsmitarbeiter heute über zwei Millionen mögliche Pumpenvarianten in 200 wählbaren Farben erstellen. Dabei liegen die Herstellungskosten selbst für speziellste Produkte nur rund 15 Prozent über denen einer Massenfertigung. "Vorher hätte so was 200 Prozent mehr gekostet", sagt Stefan Munsch, Geschäftsführer des 130-Mann-Unternehmens. Doch selbst die relativ niedrigen Mehrkosten sind vielen Käufern offenbar zu viel. "Anders als gehofft, sind die Kunden nur bedingt bereit, für ihre Sonderwünsche entsprechend mehr zu bezahlen."

Von Beginn an waren viele deutsche Unternehmen skeptisch gegenüber dem Schlagwort "Industrie 4.0". Sie waren nicht überzeugt, dass Maschinen, die mit intelligenten und digital vernetzten Systemen ausgestattet sind und miteinander interagieren, wirklich eine lohnende Investition sind. Seit Jahren bekommen sie dafür mahnende Worte. Experten warnen davor, dass deutsche Unternehmen digital abgehängt würden. Tatsächlich rangieren sie in einem aktuellen Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit nur auf Platz 17. Aber gibt der Misserfolg von Adidas und Co. den Zögerern nicht recht? Sind viele Firmen nicht zu träge – sondern können einfach nur besser rechnen?

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