Ukrainische IT-Szene im Krieg: "Die Ukraine ist das Zentrum Europas"

Unterstützung für die Ukraine

Inhaltsverzeichnis

Was kann deiner Meinung nach die IT-Community im großflächigen Krieg in der Ukraine tun?

Podavalkin Erstens mit ukrainischen Unternehmen zusammenarbeiten. Das sichert Arbeitsplätze, es können weiterhin Steuern bezahlt und die Wirtschaft gestärkt werden. Leider gibt es Fälle, in denen sich Firmen geweigert haben, mit ukrainischen Entwicklerinnen und Entwicklern zusammenzuarbeiten. Das ist deprimierend. Die Ukraine kämpft aktuell um ihre Demokratie und Werte und sollte daher jede mögliche Art von Unterstützung erhalten.

Zweitens finanzielle Unterstützung und drittens humanitäre Unterstützung bieten.

Die aktuelle Situation in der Ukraine

Ilia Podavalkin hat uns ein paar Fakten zur aktuellen Situation in der Ukraine geschickt:

  • Aktuell befinden sich über 100.000 IT-Spezialisten in Lviv. 2021 ist Lviv in der globalen Start-up-Rangliste um 99 Positionen hochgeklettert und befindet sich laut der Site StartupBlink auf Platz 255 von 1000 Start-up-Ökosystemen weltweit.
  • Innerhalb eines Monats hat die Ukraine mehr Starlink-Terminals erhalten als jede andere Region in Europa.
  • Der Informationstechnologie-Sektor nimmt Platz drei des ukrainischen Exportvolumens ein.
  • Die Ukraine hat Kryptowährungen legalisiert und nimmt bezogen auf die Zahl derer, die sie nutzen, weltweit den vierten Platz ein.
  • Innerhalb eines Monats wurden 100 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte eingenommen.
  • Die Ukraine ist eines der ersten Länder, die den digitalen Personalausweis für das Smartphone eingeführt haben. Er ist innerhalb der Ukraine genauso anerkannt wie der physische Personalausweis im Scheckkartenformat.
  • Die Ukraine nimmt Platz eins in Osteuropa ein, wenn es um die Anzahl an outgesourcten Aufträgen an Entwicklerinnen und Entwickler geht.

Was können ausländische Firmen und Einzelpersonen speziell aus dem IT-Umfeld tun, um die Ukraine zu unterstützen?

Podavalkin Neben den gerade genannten Punkten: Wirkt auch auf eure Regierungen ein, dass sie der ukrainischen Regierung das zur Verfügung stellen, was sie nachfragt. Seid proaktiv und nicht passiv. Das ist keine Fernsehserie, bei der man zusieht und abwartet, wie sie am Ende ausgeht. Die Ukraine kämpft seit Jahrzehnten, und viele Kriege haben sich auf diesem Territorium aufgrund ihrer geografischen Lage abgespielt. Sie ist das Zentrum Europas.

Was waren deine Gedanken und Gefühle, als der großflächige Krieg in der Ukraine begonnen hat?

Podavalkin Alle Menschen, die ich kenne, sind stark davon ausgegangen, dass es zu einer umfassenden Invasion durch Russland kommt. Auch ich habe entsprechend alles im Voraus geplant, nicht nur was die Firma betrifft.

"Die Obrigkeit der Russischen Föderation muss verrückt geworden sein", mit diesem Gedanken bin ich in den Tag gestartet. Ich habe meine Kraft zusammengenommen und meine Verwandten angerufen. Einige haben geweint, sodass ich sie erst einmal beruhigt habe. Da ich schon eine Art Ablauf vorbereitet hatte, was zu tun ist, habe ich einfach angefangen, den Ablauf abzuspulen.

Ich habe mich unsicher gefühlt und war enttäuscht darüber, dass ich nicht die Zeit gehabt habe, alles zu Ende zu bringen, was ich mir vorgenommen hatte. Um zehn Uhr morgens am 24. Februar ist die ganze Firma zum Stand-Up-Meeting zusammengekommen und wir haben die weiteren Schritte für alle von uns durchgesprochen. Danach wussten alle, was zu tun ist und haben sich an den Plan gehalten. Einige Mitarbeitende haben einfach weitergemacht und Vollzeit gearbeitet. Davon war ich überrascht.

Für den 24. Februar hatte ich einen Flieger in die Türkei gebucht, um dort einen Teil der Apartments für meine Mitarbeitenden anzumieten. Am 23. Februar hatten wir unseren Business Developer nach Polen geschickt, um alles für die Verlegung für einen Teil unseres Teams vorzubereiten.

Er war im Anschluss für einen Monat in Berlin und hat dort coole Start-ups kennengelernt. Er hat sich für ein kanadisches Visum beworben, das er bald darauf erhalten hat. Einige Wochen später ist er in Kanada angekommen, wo er mit seiner Freundin, die aus Kalifornien stammt, die Grenze in die USA überqueren wollte. Die beiden wollten bereits vor einem Jahr heiraten. Er hat im Endeffekt ein Visum für die USA bekommen und lebt nun in Sacramento.

Wir kennen die Geschichten von Kriegen aus den Medien. Aber das schien immer alles so weit weg, und wir dachten, dass uns das nie betrifft. Das war auch mein Eindruck. Es war hart zu erkennen, dass der Krieg in unserem Land real ist. An alle, die das lesen: Stellt euch vor, euer Land wird heute angegriffen und ein Krieg bricht aus. Klingt das nicht verrückt im 21. Jahrhundert und insbesondere, wenn das in einem Land in Europa geschieht?

Haben sich deine Gefühle seit Kriegsbeginn verändert?

Podavalkin Ich fühle mich jetzt ruhiger und vertraue in die Kompetenz der ukrainischen Streitkräfte und die Unterstützung unserer Verbündeten. Das mag komisch klingen, aber ich sehe, wie sich die Menschen an alles gewöhnen. Es ist hart, die Nachrichten zu lesen – besonders, wenn sie von den persönlichen Schicksalen handeln. Die Menschen wollen einfach leben, weiterhin zur Arbeit gehen, Kinder großziehen, sich entspannen, eine Ausbildung genießen und solche Dinge.

Was bereitet dir am meisten Sorgen?

Podavalkin Wie lange dieser Krieg noch andauern wird und wie viele Menschen im Laufe dessen getötet und verletzt werden.

Was sind deine Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft?

Podavalkin Ich wünsche mir, dass die Ukraine, wenn alles vorbei ist, eines der florierenden Länder der Welt wird. Mit seinen Ressourcen und Mineralverkommen ist es eines der reichsten Länder der Welt. Von 120 Mineralien, die weltweit industriell genutzt werden, kommen 117 in der Ukraine vor. Wir haben hier alles, Schwarzerde inbegriffen. Zusammen mit der Entwicklung im IT-Sektor gibt es alle Möglichkeiten für eine florierende Ukraine.

Einen herzlichen Dank an Ilia Podavalkin von Scalamandra für das Interview. Gerade in der schwierigen Situation in der Ukraine durch den Krieg ist das keinesfalls selbstverständlich.

Das Interview führte Andrea Maurer. Das Artikelhonorar kommt dem 24.02 Fund zugute, der ukrainische Journalistinnen und Journalisten unterstützt.

[Update 25.5. 7:00 Uhr] Die Schreibweise von Lwiw wurde angepasst und der deutsche Name Lemberg ergänzt.

Andrea Maurer
hat rund drei Jahre fehlerbehaftete Texte über IT-Hardware und Unterhaltungselektronik für Online- und Printmedien geschrieben, ehe sie auf die dunkle Seite der Macht wechselte und IT-Administratorin wurde. Sie hat seit kurzem einen Bachelorabschluss in Sozialinformatik, auf den sie sich mächtig was einbildet.

(rme)