Ukrainische IT-Szene im Krieg: "Die Ukraine ist das Zentrum Europas"

Softwareentwicklung im Krieg: Ilia Podavalkin, Inhaber von Scalamandra in Lwiw erzählt von den Zuständen in der Ukraine und den Auswirkungen auf die IT-Branche.

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(Bild: TanyaBV/Shutterstock.com)

Von
  • Andrea Maurer
Inhaltsverzeichnis

Während der Verteidigung gegen die russische Invasion in der Ukraine ist die dortige IT-Industrie eine der wichtigsten wirtschaftlichen Stützen des Landes. Viele industrielle Produktionsstätten sind zerstört, landwirtschaftliche Flächen durch russische Besatzung oder Verminung unbestellbar, aber das Entwickeln und Coden in den IT-Firmen der Ukraine geht weiter. heise Developer wollte unter anderem wissen, wie es den Unternehmen und Angestellten aktuell geht, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben und wie sie ihr Land unterstützen. Außerdem stellt sich die Frage, was IT-Spezialisten und -Spezialistinnen aus dem Ausland zur Unterstützung der Ukraine tun können.

Ilia Podavalkin

Ilia Podavalkin begeistert sich für Entrepreneurship, Startups und neue Technologien. Er hat einen Bachelorabschluss in Betriebswirtschaft der Ivan Franko National University in Lwiw. 2020, inmitten der COVID-19-Hochphase, gründet er die Softwareentwicklungsfirma Scalamandra mit. Seither arbeitet er dort als CEO. Vor seiner Zeit bei Scalamandra engagierte er sich in Social-Entrepreneurship-Projekten, die auf die Erreichung der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung abzielen, und entwickelte Projekte zur Arbeitssuche.

Im ersten von drei Teilen der Interviewreihe spricht heise Developer mit Ilia Podavalkin, der Inhaber und Mitgründer der Softwareentwicklungsfirma Scalamandra mit Sitz in Lwiw (Lemberg) ist.

heise Developer Ilia, wie war deine Woche bisher?

Ilia Podavalkin Persönlich betrachtet geht es meiner Familie und mir gut. Viel Arbeit in der letzten Zeit. Die IT-Welt steht nicht still und es braucht konstantes Lernen und Weiterentwicklung, ganz besonders, wenn man eine Firma leitet.

Du befindest dich in Lwiw. Wie ist die Lage momentan?

Podavalkin Es sind viel mehr Leute da. Die Stadt war vor dem Krieg schon überfüllt, insbesondere von September bis Juni, wenn viele zum Studieren nach Lwiw kommen. Momentan leben hier jede Menge Binnenflüchtlinge aus der Ukraine. Die Stadt ist ziemlich alt und das Stadtzentrum nicht für eine solche Menge an Menschen und Autos ausgelegt. Es gibt hier vermehrt Staus und die Parkplätze sind knapp.

Lwiw ist das ukrainische Silicon Valley mit dem größten IT-Cluster im Land. Aktuell befindet sich hier auch der Großteil der IT-Spezialisten des Landes, seit die meisten in die Region um Lwiw geflohen sind.

Von Zeit zu Zeit gibt es hier Luftalarm, und dann ist es schlau, sich in Sicherheit zu begeben. Viele Menschen arbeiten ehrenamtlich und engagieren sich in verschiedenen Fundraising-Initiativen und Initiativen für humanitäre Zwecke.

Auch kommen Politiker und Politikerinnen, Organisationen und Berühmtheiten zu uns in die Ukraine. Du hast wahrscheinlich mitbekommen, wie Angelina Jolie der Ukraine vor Kurzem einen Besuch abgestattet hat. Die Schauspielerin hat sich dazu entschlossen, die Binnenflüchtlinge zu unterstützen, insbesondere die Kinder.

Sonst: Das Leben geht weiter und die Menschen versuchen, so normal wie möglich zu leben.

Hat sich dein Arbeitsalltag seit der großflächigen russischen Invasion verändert?

Podavalkin Es hat sich nicht wirklich etwas geändert. Ich arbeite weiterhin und mache in meiner Freizeit Sport. Wir führen unsere laufenden Projekte fort und beginnen auch neue. Unser Service ist weiterhin stark nachgefragt und wir planen, in diesem Jahr zu expandieren.

Kannst du deine Firma Scalamandra in ein paar Sätzen vorstellen?

Podavalkin Wir sind eine internationale, von Anfang an auf Remote ausgelegte Firma mit Vertretungen in den USA und der EU. Wir bieten auf Abruf Teams aus Developern für IT-Unternehmen an. Unser Merkmal ist die enge Spezialisierung auf Scala, React.js und Node.js. Spezialistinnen und Spezialisten in diesen Bereichen sind ziemlich rar, aber unser Unternehmen hat sie. Wir betreiben auch ein eigenes Trainingszentrum für Schulungen und Re-Zertifizierungen in diesen Technologien.

Die beiden Scalamandra-Gründer Ilia Podavalkin (rechts im Bild) und Svyatoslav Shilkov

Was war dein Anreiz, Scalamandra mitzugründen?

Podavalkin Ich bin ein Entrepreneur und wollte ein Unternehmen im IT-Umfeld aufbauen. Ich mag diesen Bereich: Start-ups und neue Technologien. So kam es, dass mein engster Freund und ich lange Zeit in diesem Umfeld als Angestellte gearbeitet haben. Ich habe ihn dann gefragt, ob er mit mir eine eigene Firma gründen will, und er hat meinem Plan zugestimmt. Interessant ist auch, dass wir die Firma in der Corona-Hochphase gegründet haben – viele unserer Freunde und CEOs haben uns davon abgeraten, weil es dem Markt zu dieser Zeit schlechter ging und keiner wusste, was als Nächstes passieren wird. Aber wir sind gewachsen und haben unsere Nische gefunden. Am Anfang haben wir viele verschiedene Services angeboten, aber dann haben wir unsere Zielgruppe ausgemacht und die Anzahl an Services entsprechend reduziert. Das war eine gute Entscheidung und hat unserer Firma geholfen mehr Einnahmen bei weniger Ausgaben zu erwirtschaften.

Wie viele Festangestellte arbeiten bei Scalamandra? Wie viele Freiberufler sind für euch tätig?

Podavalkin Wir haben 21 Angestellte. Wir arbeiten auch mit Auftragsnehmern zusammen und haben etliche freiberuflich tätige Mitarbeitende. Wir befinden uns in der aktiven Phase des Wachstums und stellen aktuell Business- und Software-Developer sowie Recruiter ein.

Auf Eurer Website zeigt ihr verschiedenartige Software-Projekte, die ihr umgesetzt habt. Wie stemmt ihr das?

Podavalkin Wir arbeiten hauptsächlich mit Scala und Node.js fürs Backend und mit React.js im Frontend. Wir haben unsere eigenen Templates. So sind wir in der Lage, schnell in Projekte zu starten und frühzeitig erste lauffähige MVPs zu generieren.

Ihr habt die NFT-Plattform Futurent erstellt. Kunden und Kundinnen können dort Dinge wie Häuser oder Autos als NFTs mieten. Was ist der Sinn dahinter?

Podavalkin Futurent tokenisiert und fraktionalisiert Immobilien- und Grundeigentum sowie andere Kapitalanlagen, inklusive Eigentum im Metaversum. Nutzer und Nutzerinnen können in diese Kapitalanlagen über NFTs investieren, was ihre (Mit-)Eigentümerschaft an diesen Kapitalanlagen repräsentiert. Über das Halten der NFTs erhalten sie passives Einkommen über Mieteinnahmen sowie durch die im Laufe der Zeit entstehenden Wertsteigerungen.

Warum heißt eure Firma Scalamandra? Hat das etwas mit der von euch verwendeten Programmiersprache Scala zu tun?

Podavalkin In dem Namen stecken zwei Grundideen. Zum einen ist Scala unsere präferierte Programmiersprache, zum anderen steht speziell der Feuersalamander unter den Salamandern (auf Lateinisch: Salamandra) auf der Roten Liste der bedrohten Spezies. Auch Scala ist wenig verbreitet im Vergleich zu anderen Programmiersprachen. So entstand der Name Scalamandra.