Interview: Microsoft wollte nichts von Linux und Open-Source-Software wissen

Bill Hilf baute das Linux- und Open-Source-Labor von Microsoft auf. Mit c’t sprach er über die Skepsis und Hindernisse bei Microsoft gegenüber Open Source.

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, Albert Hulm

(Bild: Albert Hulm)

Von
  • Niklas Dierking
Inhaltsverzeichnis

Der Kampf zwischen Linux und Windows wird heute nur noch von Fans in Kommentarspalten ausgefochten und nicht mehr vor Gericht. Softwaregigant Microsoft, Linux-Distributoren und Open-Source-Entwickler arbeiten schon länger Hand in Hand, wenn es sich für die Beteiligten lohnt, und verwenden gemeinsame Standards.

Daran hatten auch Vorreiter wie Bill Hilf ihren Anteil. Er hat das Linux- und Open-Source-Labor von Microsoft aufgebaut und bis 2007 geleitet. Hilf hat Microsofts Open-Source-Strategie entscheidend geprägt. Im c’t-Interview erzählt er vom Aufstieg von Linux und Open Source bei Microsoft.

c’t: Sie haben eine wichtige Rolle für Microsofts Open-Source-Strategie gespielt. Wie hat Ihr Start in der Software-Branche ausgesehen?

Hilf: Es müsste um 1991 gewesen sein, als ich meinen Universitätsabschluss gemacht habe. Es waren die Frühzeiten des World-Wide-Web. Tim Berners-Lee hatte am CERN die erste Webseite veröffentlicht. Damals wusste niemand so richtig, wo die Reise hingeht, aber ich war mir sicher, dass es die Art, wie wir kommunizieren, fundamental verändern wird.

Bill Hilf leitete das Linux- und Open-Source-Labor und war von 2004 bis 2007 der General Manager für Open Source und Plattformstrategie bei Microsoft. Danach kümmerte er sich um Windows Server und später das Cloudangebot Azure. Heute führt er die Stiftung Vulcan, die der verstorbene Microsoft-Gründer Paul Allen gegründet hat.

(Bild: Vulcan)

Damals habe ich als Ingenieur und Entwickler bei einer Reihe von Start-ups in der San Francisco Bay Area gearbeitet. Das war noch vor Linux und wir haben klassische Unix-Tools in Solaris auf SPARC-Workstations eingesetzt. Wenn Leute heute zurückschauen, dann denken sie daran, wie Linux Microsoft verändert hat, es wird aber oft vergessen, dass es UNIX ausgelöscht hat. Kommerzielle UNIX-Systeme wie Solaris, HP-UX oder AIX existieren nicht mehr.

c’t: Wie hat das aufstrebende Web die Erfolgsgeschichte von Open Source befeuert?

Hilf: Das wachsende Web hat die Entwicklung von Open Source massiv beschleunigt. Ich denke, die Entwicklung wäre unvermeidbar gewesen, aber das Web war für die Verbreitung von Open Source wie Öl im Feuer. Als ich mich von UNIX verabschiedete und angefangen habe, verteilte Web-Systeme mit Open-Source-Software zu bauen, habe ich viel gelernt.

Damals war Perl die gängigste gehobene dynamische Programmiersprache. Es war so populär wie Python heute. Linux, Apache, MySQL und PHP bildeten den LAMP-Stack, der die Grundlage für dynamische Webseiten darstellte. Das letzte Start-up, für das ich gearbeitet habe, war ein E-Commerce-Unternehmen namens eToys, das Spielzeug über das Internet verkauft hat. Wir waren die Nummer Zwei hinter Amazon und haben eines der größten, verteilten Linux-Systeme im Netz gebaut.

Danach habe ich als Softwarearchitekt für IBM geholfen, so unterschiedliche Hardware wie die P-Serie, I-Serie, Z-Serie und X-Serie mit Linux zu vereinheitlichen. Ich war einmal in einem IBM-Lab in Böblingen und habe Linux auf einem Z-Serie-Server installiert. Ich war bei den Mainframe-Profis nicht sehr willkommen. Die hatten mehrere Jahrzehnte Expertise und dann kommt so ein junger Typ und setzt ihnen etwas komplett Neues vor. Stell dir vor, du bestellst über Jahrzehnte deine Lieblingssorte Eis und dann will dich jemand von einer neuen Geschmacksrichtung überzeugen. Nichtsdestotrotz gab es ein großes Interesse an Open Source bei IBM.

c’t: Wie sind Sie dann zu Microsoft gekommen?

Hilf: Ich habe viel mit Kunden über Open Source diskutiert und Vorträge auf Konferenzen gehalten. Es hat sich herumgesprochen, dass ich der "Linux- und Open-Source-Typ" bin. Auf Veranstaltungen wie der Linux-World habe ich darüber berichtet, wie man all seine Microsoft-Produkte durch Open-Source-Alternativen ersetzen kann. Mitarbeiter von Microsoft haben sich meinen Namen aufgeschrieben und mich angerufen. Ich hatte erst Angst und dachte, die verklagen mich wahrscheinlich; aber nein, sie haben mir einen Job angeboten.

"Wir müssen dieses Open-Source-Ding besser verstehen"

Das Argument, dass ich seit Jahren kein Microsoft-System benutzt habe und mich für Open Source einsetze, hat nicht verfangen. Sie sagten: "Genau deswegen wollen wir mit dir sprechen. Wir müssen dieses Open-Source-Ding besser verstehen. Wir glauben nicht, dass das nur ein Trend ist." Microsoft hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Interoperabilität zu verbessern und dabei sollte ich helfen.

c’t: Was war die Einstellung von Microsoft zu Linux und Open Source in den frühen 2000ern? Steve Ballmer, damals der CEO, hat öffentlich gesagt "Linux ist ein Krebsgeschwür". Das scheint mir sehr feindselig zu sein?

Hilf: Viele dieser Zitate wurden von den Medien aufgebauscht. Die Führungsriege hat Open Source als Konkurrenz gesehen. Die Programmierer und Ingenieure waren größtenteils neugierig. Sie wollten verstehen, warum es UNIX so schnell ersetzt, beispielsweise auf Datei- und Druckservern. Meine Rolle war, mit der Führungsriege zusammenzuarbeiten. Mit der Zeit haben sie angefangen, die Lage anders zu beurteilen und einen anderen Weg eingeschlagen.

c’t: Lag die Skepsis hauptsächlich an der drohenden Konkurrenz oder gab es auch Vorbehalte gegenüber der GPL und dem Prinzip, Software als verteilte Community zu entwickeln?

Hilf: Das hat alles eine Rolle gespielt. Es gab die Debatte "Freie Software versus kommerzielle Software" und es wurde darüber beraten, ob die GPL eine existenzielle Gefahr für kommerzielle Software darstellt. Das betraf nicht nur Microsoft. Alle Softwaregiganten wie Sun Microsystems und Oracle haben Software hinter verschlossenen Türen entwickelt. Und plötzlich schließen sich Leute zusammen und entwickeln gemeinsam Programme über das Internet. Software-Entwicklung als globale Community war ein völlig neues Konzept für all diese Firmen.

Im Jahr 2003 hat man Entwickler angestellt, die in einem Büro saßen und für dich Software geschrieben haben. Wenn das Produkt fertig war, dann wurde es auf CD oder DVD ausgeliefert. Microsoft wollte wissen, welche Tools in einem verteilten Entwicklungsprozess eingesetzt werden. Damals gab es weder Slack noch GitHub. Von außen wirkte es wie ein Kampf zwischen Microsoft und der Open-Source-Welt, aber tatsächlich war es nicht so schwarz-weiß. Als ich bei Microsoft angefangen habe, wollte ich Dinge näher zusammenbringen, anstatt sie gegeneinander zu stellen.

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c’t: Sie haben das "Linux- und Open-Source-Labor" bei Microsoft aufgebaut. Wie sollte das Labor Interoperabilität voranbringen?

Hilf: Es war sehr interessant das Labor aufzubauen, auch weil es damals auf dem gesamten Microsoft-Campus in Redmond kein einziges Linux-System gab. Ich habe dem IT-Team eine zweistündige Präsentation gegeben, um ihnen zu erklären, was ich alles für das Labor brauche. Sie haben mir gesagt: "Pass auf, wir legen dir ein Glasfaserkabel durch die Wand, der Rest liegt bei dir." Mit meinem Budget habe ich viele Rechner gekauft und sobald die im Netz aufgetaucht sind, gab es Panik unter den Admins, weil sie nicht wussten, was das war.

Zur Verwaltung des bunten Serverparks im Open-Source-Labor wurde Microsofts SMS-Interface (System Management Server) eingesetzt.

(Bild: Bill Hilf, Open Source Jahrbuch 2006 (CC BY-ND 2.5))

Wir haben dann eine extrem durchmischte Umgebung von Hard- und Software zusammengestellt, um zu prüfen, ob und wie Microsoft- und Open-Source-Technik zusammenarbeiten kann. Das sollte zeigen, was möglich ist. Das Labor wurde auch das "Interoperabilitäts-Labor" genannt. Ich habe später eine Menge Leute aus der Open-Source-Community eingestellt und wir haben Systeme zusammengebracht, die so nie in einem Netz im Einsatz waren, einfach um zu gucken, ob es einen Ansatzpunkt gibt, wie die Systeme miteinander funktionieren können. Wir nannten es den "Mixer" und hatten ziemlich viel Spaß dabei.

»In C zu programmieren, während Bill Gates zusieht, ist nichts für schwache Nerven.«

Ab und zu bekamen wir die Gelegenheit, mit Microsoft-Prototypen zu arbeiten, um zu untersuchen, ob sie sich mit bestimmen Open-Source-Komponenten vertragen. Eines der interessantesten Teams, das in das Labor kam, hatte eine Bash-Runtime in Windows Server gebaut und nannte es das "Subsystem für UNIX-Anwendungen". Das war klasse, aber ich habe ihnen gesagt, dass es noch besser wäre, wenn es vollständig Linux-kompatibel wäre. Bei vielen Demos habe ich mich in ein Windows-Server-System eingeloggt und über das Subsystem Befehle ausgeführt, die man heute von Linux kennt.

c’t: Das klingt wie ein Vorgänger von WSL, dem "Windows Subsystem for Linux"?

Hilf: Kann sein, dass das heute so heißt, aber ich glaube nicht, dass es da eine Kontinuität in der Entwicklung gibt. Wir haben keine Software geschrieben, die später in Produkten gelandet ist. Es ging uns darum zu zeigen, was alles möglich ist.

c’t: Wie hat die Microsoft-Belegschaft auf das Labor reagiert?

Hilf: Es sind andauernd interessierte Mitarbeiter zu mir gekommen. Das Media-Services-Team wollte beispielsweise wissen, wie Linux mit Audio und Video umgeht, oder ob es DVR-Funktionen gibt. So um 2005 trat SELinux, Security Enhanced Linux, auf den Plan und das habe ich oft vorgeführt, auch gegenüber Bill Gates.

Er hat sich dafür interessiert, wie viel Kontrolle man als Linux-Administrator über das Betriebssystem hat. Er hat mich herausgefordert, dies und jenes auszuprobieren, manchmal musste ich dafür Anpassungen vornehmen und Software neu kompilieren. In C zu programmieren, während Bill Gates zusieht, ist nichts für schwache Nerven. Darüber hinaus habe ich viele Präsentationen gegeben, beispielsweise habe ich über den Linux-Kernel informiert oder der Rechtsabteilung den Unterschied zwischen Apache- und GPL-Lizenzen erklärt.

Öffnung in Raten

Microsofts Abkehr von der Geheimniskrämerei

Der wirtschaftliche Erfolg Microsofts gründete in der Anfangszeit auf gut gehüteten technischen Geheimnissen. Dem folgte eine ausgeprägte Open-Source-Phobie. Inzwischen hat sich Microsoft zu einem der größten Linux-Liebhaber gemausert.

c’t: Sie haben also eine Menge Leute in Kontakt mit Linux und Open Source gebracht?

Hilf: Ja, manchmal auch informell. Mark Shuttleworth, der Gründer von Canonical, hat mir mal fünf Kartons mit Ubuntu-Live-DVDs geschickt. Ich wusste erst nicht, was ich damit anfangen sollte, aber ich wollte sie nicht wegschmeißen. Am Ende steht noch in der Zeitung "Microsoft schmeißt Linux in den Müll." Ich hab sie also aufgehoben und ab und zu herausgegeben, wenn mich Leute gefragt haben, wie sie Linux mal ausprobieren können.

Ich habe Mark ein Jahr später getroffen und ihn gefragt, warum er mir die DVDs geschickt hat. Er hat gefragt "Wie viele hast du verteilt?" und ich antwortete "Alle." Er hat gelacht und gesagt "Jetzt weißt du, warum." Das war smart, weil es funktioniert hat.

Als das Labor Fahrt aufgenommen hat, habe ich mehr Leute eingestellt und kam mehr mit den Produkt-Teams in Kontakt. Da ging es dann wirklich darum, Interoperabilität zu fördern oder bestimmte Aufgaben unter Windows auszuführen.

c’t: Was für Interoperatibilitätsprobleme hatten die Produkt-Teams und wie konnte das Labor helfen?

Hilf: Der Linux-Desktop war damals eher weniger verbreitet, es ging hauptsächlich um Server-Aufgaben. Windows-Desktop-PCs mussten mit Linux-Servern arbeiten, ohne das irgendwas schiefläuft. Wir haben viel an Datei- und Print-Servern gearbeitet, ebenso wie an DNS- und DHCP-Servern. Nicht wirklich sexy. Manch einer mag stutzig werden, weil DNS und DHCP offene Protokolle sind, aber es kommt darauf an, wie diese Protokolle von allen beteiligten Systemen implementiert sind.

Es gab auch einige harte Nüsse. Wir haben analysiert, ob es eine Möglichkeit gibt, Exchange oder Microsoft SQL-Server unter Linux auszuführen, aber sind zu dem Schluss gekommen, dass das Problem der Interoperabilität auf anderer Ebene gelöst werden muss. Eine wichtige Software, die wir auf Windows Server zum Laufen gebracht haben, war der Java-Anwendungsserver JBoss. Ich war nicht direkt in den Port involviert, aber habe eng mit dem JBoss-Projekt kooperiert. Wahrscheinlich war der Anteil von JBoss-Instanzen, die schließlich produktiv unter Windows Server betrieben wurden, verschwindend gering. Ich konnte es aber als einen Beweis vorbringen, dass es möglich ist.

c’t: Gab es auch Skepsis oder Widerstände gegen das Labor?

Hilf: Die meisten Leute, mit denen ich zu tun hatte, waren neugierig und offen für Neues. Es gab aber auch Teams, die sich herausgefordert sahen. Die Entwickler des NT-Kernels waren eher unbeeindruckt. Für sie hinkte der Linux-Kernel hinterher. Es hat seine Zeit gebraucht, bis sie verstanden hatten, dass es in der Auseinandersetzung mit diesen Dingen auch viel zu lernen gibt. Mit der Desktop-Sparte hatte ich weniger Kontakt. Ich habe ihnen 2005 Linux-Desktops gezeigt und das war spannend, aber sie waren überzeugt, dass der Windows-Desktop ihm überlegen ist und damit behielten sie recht.

Die größte Überschneidung gab es mit dem Windows-Server-Team, die hatten am meisten Interesse. Die beobachteten, wie Linux UNIX auf Servern den Rang abläuft und welche Kompatibilitätsprobleme daraus für ihr eigenes Produkt resultieren. Interoperabilität wurde für sie zum handfesten Geschäftsinteresse.

Installierte Betriebssysteme im Linux- und Open-Source-Labor¹, Stand: 2006
Betriebssystem Version / Distribution
Windows Windows 2000 Server, Windows Server 2003 Enterprise, Windows Vista, Windows XP
Linux  Arch Linux, Ark Linux, Asianux, Crux Linux, Debian, Fedora Core, Foresight Linux, Freedows, Linux From Scratch, Gentoo, Libranet, Mandrake Linux, Mandriva, Mepis, Novell Open Enterprise Server, Red Hat Enterprise Linux, Red Hat Linux, Rocks, Slackware, SUSE Linux Enterprise Server, SUSE Linux Standard Server, SUSE Pro, Tinysofa, TurboLinux, Vector Linux, Vida Linux, Ubuntu
Unix AIX5L, FreeBSD, OpenBSD, NetBSD, Solaris, Java Desktop System
andere macOS
¹ Quelle: Bill Hilf, Open Source Jahrbuch 2006

c’t: Sie haben vom Effekt des Labors innerhalb von Microsoft erzählt. Wie wurden die Open-Source-Bemühungen außerhalb des Unternehmens wahrgenommen?

Hilf: Das war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Als ich angefangen habe, auf Open-Source-Konferenzen zu sprechen, bekam ich ziemlich ruppiges Feedback. Während der Keynote auf der Linux-World 2006 in São Paulo buhte das Publikum. Ich war nicht willkommen. Ich konnte nachvollziehen, warum die Leute so reagierten und suchte nach einem Weg, eine Brücke zu schlagen. Also entschied ich mich dazu, mir einen Spaß daraus zu machen.

Als Jeremy Allison vom Samba-Projekt mich zur Linux-World nach San Francisco eingeladen hat, habe ich ihn gefragt, ob ich als Sturmtruppler aus Star Wars auf die Bühne kommen kann, mit dem "Imperialen Marsch" als Hintergrundmusik. Das PR-Team von Microsoft war total verängstigt und hat mich gewarnt, dass die Aktion mich meinen Job kosten könnte. Ich habe es aber durchgezogen und es ist gut angekommen. Die Leute haben gelacht und die Spannungen haben sich gelöst.

Nach dem Erfolg mit dem JBoss-Port wollten wir mehr Feedback aus der Open-Source-Community und haben die Webseite Port25 ins Leben gerufen, um ins Gespräch zu kommen und über unsere Anstrengungen bezüglich Interoperabilität zu informieren. Ich wurde danach General Manager für Windows Server und Sam Ramji löste mich als Leiter des Linux- und Open Source Labors ab. Er war klasse und hat sich sehr für Open Source eingesetzt.

c’t: Nach Ihrer Zeit im Lab und als Produktmanager haben Sie sich Microsoft Azure gewidmet. Microsoft arbeitete zu der Zeit mit Linux-Distributoren zusammen, entwickelte Treiber für Hyper-V und trug zum Linux-Kernel bei. CEO Satya Nadella wird mit den Worten "Microsoft liebt Linux" zitiert. Welche Rolle hat Azure gespielt, um Linux in die erste Reihe zu verhelfen?

Hilf: Noch vor Azure haben ein Kollege und ich eine Gruppe namens "Technical Computing" gegründet. Wir konnten den Vorstand überzeugen, das Projekt zu fördern, und eine Reihe von Talenten einstellen. Die meisten hochperformanten Systeme haben ebenfalls den Wechsel von UNIX zu Linux vollzogen, deswegen kamen viele dieser neuen Mitarbeiter aus der Open-Source-Welt.

Zusammen haben wir die Infrastrukturbausteine für verteiltes High-Performance-Computing entwickelt. Das Projekt ist jedoch daran gescheitert, dass wir der Sales-Abteilung nicht erklären konnten, wie man das Produkt verkauft. Die waren daran gewöhnt, Windows- und Office-Produkte zu verkaufen, aber hatten keinen Draht zu Datenwissenschaftlern und anderen Nutzern, die eine Verwendung für High-Performance-Computing haben.

Satya Nadella hat mich informiert, dass das Projekt eingestampft wird, bat mich aber, das Produktmanagement von Azure zu leiten. Viele Komponenten, die wir für High-Performance-Computing entwickelt hatten, leben in Azure weiter, beispielsweise unsere Arbeit an Shared Memory oder wie wir verteilte Systeme verwalten und Ressourcen zuweisen. Satya Nadella war überzeugt von Open-Source-Prinzipien und Scott Guthrie, der .NET mitbegründet hat, hatte viel Verständnis für die Bedürfnisse von Entwicklern und wurde zu der Zeit der Azure-Programmmanager. Beim Start von Azure waren Linux- und Open-Source von Anfang an präsent. Es würde diesmal kein Add-On werden, das später ergänzt wird. Das lag aber nicht nur an den beteiligten Entscheidern.

c’t: Wenn es nicht nur an den Entscheidern lag, woran dann?

Hilf: Es lag daran, dass es keine Rolle spielt, wie Cloud-Computing Einkommen erwirtschaftet. Im Jahr 2003 war es wichtig, wie sich Geld mit Windows verdienen lässt. Mit der Cloud ist nur wichtig, dass Kunden Rechenzeit mieten. Was sie damit anstellen, interessiert dich nicht. Unsere ersten Kunden waren Open-Source-Startups, das war bei Amazon Web Services auch so. Die haben Infrastruktur-Aufgaben in VMs oder Container ausgelagert. Darüber hinaus nutzen Kunden deine Serviceangebote und zapfen APIs an.

Die Cloud verhalf Open Source bei Microsoft zum Durchbruch. Im Labor stellten wir uns vielen Herausforderungen und haben wichtige Vorarbeit geleistet, aber die Cloud eröffnete neue Möglichkeiten, wie Microsoft als Unternehmen operieren konnte. Und zwar nicht nur Microsoft, sondern jeder. Alle Unternehmen, die mit kommerzieller Software handeln, mussten umdenken. Heute ist es egal, welches Betriebssystem du benutzt. Die ganze IT-Community hat sich weiterentwickelt. (ndi)