Ivermectin: Was passiert, wenn Ihre Medizin plötzlich Corona-Wundermittel wird

Das Antiparasitikum galt zwischenzeiltich als COVID-19-Behandlung – und wird weiter als solche beworben. Wer die Therapie regulär braucht, hat ein Problem.

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(Bild: MS. TECH)

Von
  • Abby Ohlheiser

Als der berühmte Podcaster Joe Rogan Ivermectin als Bestandteil eines experimentellen Cocktails erwähnte, den er selbst zur Behandlung seiner COVID-19-Infektion einnahm, war der Wirkstoff bereits ein Meme. In den Tagen und Wochen zuvor war das Medikament schon Teil einer Art von Corona-Kulturkrieg geworden.

Ivermectin ist kein neues oder experimentelles Medikament: Es wird nicht nur zur Parasitenbekämpfung bei Nutztieren eingesetzt, sondern auch beim Menschen – unter anderem zur Behandlung von Formen von Rosacea. Für die Personen, die die Medizin schon seit Jahren einnahmen, kam die plötzliche Berühmtheit unerwartet oder sogar unerwünscht.

Die Verschreibungen für die orale Darreichungsform von Ivermectin stiegen im August in den USA sprunghaft an, als das Medikament in der dortigen konservativen Medienlandschaft breit beworben und zudem im Netz von einer Gruppe von Ärzten, die in Anti-Impf-Kreisen beliebt waren, unterstützt wurde. Phil Valentine, ein Anti-Impf- und Anti-Masken-Radiomoderator, postete im Juli auf Facebook, dass Menschen, die den Impfstoff ablehnen, "einen Arzt auf Direktwahl haben sollten, der Ihnen ein Rezept für Ivermectin ausstellt". (Er infizierte sich später mit dem Virus und starb sogar.)

Menschen ohne Rezept begannen, es in Form von einer sogenannten Pferdepaste bei Amazon oder gar bei Viehhhändlern zu kaufen – wo immer sie es eben finden konnten. Die Seuchenschutzbehörde CDC bestätigte, dass das zunehmende Interesse an Ivermectin als "Behandlung" von COVID-19 mit einem Anstieg der Anrufe bei Giftnotrufzentralen wegen unerwünschter Wirkungen bei der Einnahme des Mittels zusammenfiel. Zu diesen Anrufern gehörten Menschen, die eine Creme gegessen hatten – oder solche, die tierärztliche Varianten (für große Tiere!) des Medikaments zu sich genommen hatten. Die Zunahme des Interesses an Ivermectin löste im Gesundheitswesen erhebliche und berechtigte Besorgnis aus. Eine Schlagzeile nach der anderen sprach von dem "Tierarzneimittel", auf das sich die Anti-Vaxxer stützten. Sogar die US-Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA meldete sich zu Wort und twitterte: "Du bist kein Pferd. Du bist keine Kuh. Wirklich Leute, lasst es."

Die viralen Posts und Memes kamen für einige Menschen mit Rosazea, einer häufigen Hauterkrankung, die vor allem für Rötungen im Gesicht bekannt ist, überraschend. Die Autorin dieser Zeilen ist selbst betroffen. Es gibt eigentlich vier Arten von Rosazea, und vor einigen Jahren diagnostizierte ein Dermatologe bei mir drei davon. In den letzten fünf Jahren habe ich mit kurzen Unterbrechungen eine Creme mit Ivermectin zur Behandlung verwendet.

Zu beobachten, wie "Ivermectin" zu einem Suchmaschinenbegriff für Anti-Impf-Fehlinformationen wurde, war für mich ziemlich seltsam und ärgerlich. Als sich die Memes verbreiteten, wollte ich wissen, wie sich das alles auf diejenigen von uns auswirkt, die das Medikament so verwenden, wie es gedacht ist.

Es ist unglaublich kompliziert – und selbst das Reden darüber ist im Moment schwierig, weil das Gespräch so leicht eskaliert. Als ich Ende August twitterte, dass es irgendwie beschissen ist, wenn die Behandlung, die man für eine Hautkrankheit verwendet, als "Viehdroge" viral geht, wurde ich von jemandem zitiert, der Ivermectin als Corona-Behandlung bewirbt. Das Argument war, dass, weil einige Menschen das Medikament rechtmäßig gegen völlig andere Krankheiten einnehmen, es auch in Rinderdosis sicher sein muss (dem ist natürlich nicht so, hohe Dosen können laut FDA gefährlich sein). Ich habe dies dann immer wieder im Internet beobachtet: Fehlinformationen mutieren und passen sich an, wenn sie Aufmerksamkeit erregen wollen.

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Tatsache ist, dass die Beweise dafür, dass Ivermectin zur Behandlung von COVID-19 geeignet ist, eher dürftig sind und größtenteils auf einer Preprint-Studie – das heißt einer noch nicht von Fachleuten überprüften Studie – beruhen, die zu Beginn der Pandemie veröffentlicht und später aber zurückgezogen wurde, nachdem erhebliche Zweifel an den Daten aufgekommen waren. Aber im Internet ist die Tatsache, dass Ivermectin als echtes Medikament mit tatsächlichen Anwendungen bei Menschen und Tieren bekannt ist, Teil des Drehbuchs für diejenigen geworden, die versuchen, seine zweifelhafte und potenziell gefährliche Verwendung als Behandlung gegen Corona zu befördern. Und da der Missbrauch von Ivermectin bekannt ist, ist die Reaktion auf diesen selbst Teil der Geschichte der Impfgegner geworden.

Vor Ivermectin gab es Hydroxychloroquin, ein Immunsuppressivum, das häufig zur Malariaprophylaxe und zur Behandlung bestimmter Hautkrankheiten verschrieben wird und auch als mögliche COVID-19-Behandlung beworben wurde. Die daraus resultierende Popularität führte zu einer Verknappung des Medikaments, die Menschen, die es tatsächlich brauchten, schadete – und es erschwerte die Verschreibung für legitime Zwecke, sagt Adam Friedman, Arzt und Lehrstuhlinhaber für Dermatologie an der George Washington University. Es ist eine Erinnerung daran, dass es nicht nur die Menschen betrifft, die zuverlässige Experten ignorieren und sich für unwirksame oder gefährliche Behandlungen entscheiden, über die sie im Internet gelesen haben.

Friedman sagt, dass er gezwungen war, die Art und Weise zu ändern, wie er mit Patienten spricht, wenn er Hydroxychloroquin verschreiben muss. "Ich habe jetzt in mein Drehbuch eingearbeitet: 'Hey, ich möchte Ihnen dieses Medikament verschreiben. Sie haben vielleicht im Zusammenhang mit COVID-19 davon gehört, dass es als Heilmittel eingesetzt werden könnte, aber das stimmt nicht wirklich", sagt er. "Es hat eine Menge negativer Presse bekommen. In der Dermatologie verwenden wir es jedoch seit Jahrzehnten für verschiedenen Dinge erfolgreich".

Menschen mit Rosacea kennen Ivermectin nicht als unerprobtes Covidum, sondern als bewährtes und wirksames Mittel, das einigen Menschen mit einer Art von Rosacea hilft, die Beulen auf der Haut verursacht. Auf dem Subreddit "r/Rosacea", wo Betroffene diskutieren, zeigte sich ein Nutzer verwirrt über den plötzlichen Zustrom von Aufmerksamkeit und fragte: "Warum tauchen jetzt überall Ivermectin-Memes auf? Und woher weiß der Mainstream, was das ist?" Für die Leute im Subreddit ist Ivermectin ein ziemlich hartnäckiges Diskussionsthema. Es gibt eine teure Creme namens Soolantra, die das Medikament enthält – und eine generische Version wurde diesen Sommer auf den Markt gebracht. Ein Teil dieser Anwender wusste jedoch auch, dass derselbe Wirkstoff in einer Pferdepaste enthalten war, denn einige Menschen, bei denen Rosacea diagnostiziert wurde, haben auch die Tierarzneiform gekauft – in der Regel, weil sie sonst keinen Zugang zu den Cremes haben oder sich ein Rezept nicht leisten können.

Diese Praxis ist unter Rosazea-Patienten umstritten und Dermatologen haben Bedenken geäußert, mit einem Produkt zu experimentieren, das eine unangemessene Dosierung oder ungeprüfte Inhaltsstoffe mit potenziell schädlichen Wirkungen enthält. Laut Friedman befindet sich ein Rosacea-Patient, der aus Kostengründen zu Pferdepaste greift, jedoch in einer völlig anderen medizinischen und ethischen Situation als jemand, der Pferdepaste futtert, um COVID-19 zu "heilen". Für Patienten mit diagnostizierter Rosacea, die Ivermectin benötigen, um die Krankheit zu kontrollieren, sagt Friedman, "ist das beste Medikament leider das, das die Patienten bekommen können".

Für Patienten, die Soolantra oder die generische Version von Ivermectin topisch anwenden, ist es im Moment unwahrscheinlich, dass es zu Engpässen kommt, sagt Friedman. Es gibt jedoch Berichte über Engpässe bei der Versorgung mit Pferdepaste in landwirtschaftlichen Betrieben. Zusätzlich zu den praktischen Problemen des Zugangs – während ich über diese Geschichte berichtete, sprach ich mit einer Person, die vor einigen Wochen Pferdepaste aus dem Vereinigten Königreich kaufen musste, um ihre Hausratten gegen Milben zu behandeln – gibt es jetzt eine zusätzliche Ebene der Überprüfung und des Stigmas. Wie erklärt man, dass man Pferdepaste für sich selbst verwendet, aber nicht gegen COVID-19?

Die Moderatoren des Subreddits waren mit den Fehlinformationen über Ivermectin bereits ziemlich vertraut. Wie viele andere Online-Gemeinschaften nutzen die Menschen die Website, um über ihre Erfahrungen zu diskutieren und Informationen auszutauschen. Sie diskutieren beispielsweise über die besten Gesichtsreinigungsmittel, fragen, wie sie einen Krankheitsschub vermeiden können, oder teilen mit, wie ihre Behandlung im Laufe der Zeit voranschreitet. Sie könnten hier aber auch Fehlinformationen verbreiten, die von den Moderatoren überwacht und entfernt werden müssen.

Es gibt zwar einige Facebook-Gruppen, die Pferdepaste für Rosacea-Patienten empfehlen, aber im Subreddit "r/Rosacea" wird die Diskussion über die Verwendung von Pferdepaste weder gefördert noch verboten. Ein Moderator sagte mir, das größte Risiko bestehe darin, dass Menschen eine Rosacea-Selbstdiagnose stellen und beschließen, sich selbst mit einer selbstgemachten Version eines Medikaments zu behandeln, das selbst in einer für den menschlichen Gebrauch bestimmten Form nur unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden sollte. Rosazea ist jedoch nicht gleich Rosazea – und die Gründe, warum Ivermectin bei manchen Menschen wirkt, sind immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Rosazea und Haarbalgmilben, die in den Haarfollikeln auf mehr oder weniger allen Gesichtern leben. Aber der genaue Zusammenhang ist nicht klar. "Die Frage ist: Huhn oder Ei", sagt Friedman. Sind Menschen mit Rosazea die idealen Lebensbedingungen für Haarbalgmilben, die sich im Übermaß vermehren, oder ist es diese Überbesiedelung, die die Rosazea verschlimmert? Diese Ungewissheit hat zu einigen ziemlich gefährlichen Vorschlägen im Internet geführt, sagt Ryan, ein Reddit-Moderator, der darum gebeten hat, dass ich seinen Nachnamen nicht nenne. "Die Leute werden von dieser vereinfachten Vorstellung angezogen, dass ihre Rosazea und ihre Probleme verschwinden, wenn sie nur die Milben abtöten", sagte er. "Wir haben sogar schon ziemlich verrückte Dinge erlebt, wie die Empfehlung, Flohhalsbänder zu tragen oder Pestizide im Gesicht zu verwenden."

Verbreiter von Fehlinformationen nutzen oft einen Trick aus, indem sie Menschen auffordern, nach bestimmten Begriffen zu googeln, von denen sie wissen, dass sie zu Ergebnissen führen, die das unterstützen, was sie zu sagen versuchen. Schlimmstenfalls, so hat die Fake-News-Forscherin Renee DiResta in der Vergangenheit geschrieben, können die besten Ergebnisse ausschließlich von Personen stammen, die an die Fehlinformation glauben und sie verbreiten. Und als die Suchanfragen nach "Ivermectin" im August in den USA laut Google Trends in die Höhe schnellten, wurden die Suchergebnisse selbst mehr oder weniger vollständig von Diskussionen geprägt, die von Fans des Medikaments beherrscht wurden.

Plattformen und Anbieter wollen sich des Problems annehmen: Amazons Ergebnisse für Pferdepaste, die mit Bewertungen gefüllt waren, in denen das Produkt als Mittel zur Behandlung von COVID-19 beworben wurde, wurden entfernt, nachdem ein Reporter der Washington Post um einen Kommentar gebeten hatte. Bei der Suche nach "Ivermectin" auf Amazon wird nun eine Warnung der FDA angezeigt. Aber in Subreddits und privaten Facebook-Gruppen, in Amazon-Rezensionen und in YouTube-Videos warten immer noch problematische Informationen auf die Suchenden.

Das zweite Ergebnis einer Google-Suche nach "Ivermectin" am 7. September war eine Studie im American Journal of Therapeutics, in der die Verwendung des Medikaments zur Behandlung von COVID-19 beworben wurde. Die Studie, eine Meta-Analyse anderer Studien zur Verwendung von Ivermectin, wurde von Forschern verfasst, die versuchen, das Medikament als Behandlung zuzulassen, so Politifact. Doch die Daten, auf die sich die Studie stützt, seien nicht hochwertig genug, um die Schlussfolgerung zu rechtfertigen, meinen Experten. Ein weiteres Top-Ergebnis? Ein Ausschnitt aus Joe Rogans Podcast, in dem er sich über die Medienberichterstattung über seine Verwendung von Ivermectin lustig macht.

(bsc)