JSTOR öffnet sich

Ein gigantisches amerikanisches Fachzeitschriften-Archiv erwägt Schritte in Richtung Open Access.

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Von
  • Brian Bergstein

Ein gigantisches amerikanisches Fachzeitschriften-Archiv erwägt Schritte in Richtung Open Access.

Das US-Non-Profit-Projekt JSTOR, das ein normalerweise nur kostenpflichtig zugängliches Archiv zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen pflegt, erwägt die Öffnung eines Teiles seines Bestände. Das Vorhaben dürfte Verfechter der Open-Access-Bewegung freuen, die das schon lange gefordert hatten.

Der Plan ist Teil eines neuen Programms, das in den nächsten Wochen in eine Betaphase gehen soll. Dabei will JSTOR jedem User, der sich auf dem Portal des Archivs registrieren lässt, Zugriff auf Artikel aus 70 Fachzeitschriften geben. Bis zu drei Dokumente sollen sich dabei gleichzeitig über Frames betrachten lassen.

Ganz öffnen wird sich JSTOR damit aber noch nicht. So wird es weder erlaubt sein, Artikel herunterzuladen, noch sie auszudrucken. Diese Privilegien bleiben jenen Nutzern vorbehalten, die die Paper einzeln kaufen oder Teil von Bildungseinrichtungen und Bibliotheken sind, die für den JSTOR-Zugriff ein kostenpflichtiges Abonnement abgeschlossen haben.

Außerdem soll die Betaphase zunächst nur einen kleinen Teil der insgesamt 1400 Journals in der JSTOR-Datenbank zugänglich machen. Sollte alles so funktionieren, wie es sich die Macher vorstellen, könnte das Programm aber bald auch auf die gesamte Datenbank – oder zumindest große Teile davon – ausgedehnt werden.

Das Projekt kommt schon in seiner Betaphase einer Revolution gleich. Dass JSTOR den freien Zugang überhaupt testet, ist ein lange erwarteter Schritt. Zuvor war es für Menschen, die bei einer Websuche auf ein JSTOR-Dokument stießen, nur möglich, die erste Seite zu lesen. Anschließend wurden Artikelgebühren fällig, die bei über 20 Dollar pro Stück liegen konnten. Diese Barriere ärgert Open-Access-Aktivisten seit langem, die fordern, dass das Internet des Wissensaustausch befördern sollte, ohne neue Barrieren zu errichten. Der Hacker Aaron Swartz war im vergangenen Jahr sogar angeklagt worden, weil er - aus Protest gegen diese Praxis - mit dem JSTOR-Abo des MIT insgesamt 4,8 Millionen Artikel heruntergeladen und ins Netz gestellt hatte.

Kevin Guthrie, Präsident von Ithaka, der ebenfalls gemeinnützigen Organisation, die hinter JSTOR steht, hatte noch im vergangenen Sommer gegenüber Technology Review betont, diejenigen, die Open Access forderten, unterschätzten die Kosten. Die Digitalisierung der Fachzeitschriften und der Betrieb des Online-Archivs seien teuer. Aufgrund dieses Overheads könne man die Daten nicht einfach kostenlos freigeben. Die Andrew W. Mellon-Stiftung hatte JSTOR Mitte der 90er Jahre ursprünglich angeregt, um Bibliotheken vom kostenintensiven Vorhalten der Papierversionen der Journals zu entlasten.

Guthrie räumte aber schon damals ein, dass es für die Öffentlichkeit manchmal frustrierend sei, im Internet auf Forschungsmaterial zu stoßen, das dann plötzlich als unzugänglich gekennzeichnet ist. JSTOR zufolge passierte das bei Artikeln erstaunliche 150 Millionen Mal im Jahr. Diese Schranke sorgte dafür, dass Kritiker wie der Harvard-Forscher Lawrence Lessig den JSTOR-Machern vorwarfen, sie arbeiteten nur einer Informationselite zu.

JSTOR versuchte, dieses Bild zu korrigieren. So gab man Nutzern in Afrika 2006 und Menschen in weiteren ärmeren Weltregionen im Jahr 2008 einen kostenlosen Zugriff. Alte, nicht mehr unter dem Urheberrecht stehende Beiträge wurden im vergangenen Sommer freigegeben. Doch keine dieser Aktionen war so weitreichend wie das aktuelle JSTOR-Programm, das auch "Register & Read" genannt wird.

Die nun verfügbaren Titel decken ein breites Themenspektrum ab: Vom "American Journal of Botany" der Botanical Society of America über das "Journal of Law and Criminology" der Northwestern University bis hin zu "Film Quarterly" der University of California und den "Proceedings: Biological Sciences" der Royal Society.

JSTOR warnt allerdings, dass es sich um ein Experiment handelt. Sollte es für die Lehranstalten und anderen wissenschaftlichen Organisationen, die die Rechte an den Inhalten halten, nicht akzeptabel sein, könne "Register & Read" zurückgeschraubt oder verändert werden. Guthrie zufolge sei man sich aber mit den Rechteinhabern einig, dass es an der Zeit sei, kreativere Methoden für den Wissenszugriff zu entwickeln. Eine Forschungsgesellschaft könnte jetzt vielleicht die 30 Dollar verlieren, die für einen Artikel normalerweise fällig wären. Doch erhöhe sich damit die Wahrnehmung, was wiederum Geldquellen eröffne. "Wir müssen uns alle verändern", sagt Guthrie. (bsc)