Japan: Arbeitskräftemangel treibt die Robotikrevolution

Ob Fluggesellschaften oder Elektronikkonzerne – in Nippon florieren die Feldversuche mit nutzwertigen Automaten.

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(Bild: Toyota Industries)

Von
  • Ben Schwan

Toyota gibt es in Japan gleich zweimal – und beide interessieren sich für Automatisierung. Während sich der Mobilitätskonzern Toyota Motor auf Roboter in der Pflege konzentriert, setzt sein zweitgrößter Aktionär, der ehemalige Webstuhlhersteller Toyota Industries, auf nutzwertige Spezialanwendungen für Unternehmenskunden. Mit Japans größter globalen Fluglinie All Nippon Airways (ANA) hat das Unternehmen, das 1937 Toyota Motor ausgegründete, kurz vor Weihnachten Roboter-Gepäcklader und autonome Schlepper für Gepäck und Flugzeugcontainer einem Härtetest unterzogen.

Der einwöchige Feldversuch auf dem südjapanischen Flughafen Saga diente dazu, die Technologien weiterzuentwickeln und ihre Einführung zu beschleunigen, teilten die beiden Partner mit. Das mittelfristige Ziel ist, einen "smarten", sprich stärker automatisierten Flughafen der Zukunft aufzubauen.

Die Unternehmen konzentrieren sich dabei auf einen der arbeitsintensivsten Prozesse der Flugzeugabfertigung. Der Gepäcklader ist der erste seiner Art in dem Land, der speziell für Flugzeuge entworfen wurde. Die Wahl von Toyota Industries als Partner ist dabei folgerichtig für ANA. Denn Toyota Industries, immerhin noch ein Konzern mit 16 Milliarden Dollar Umsatz, ist einer der größten Anbieter von Gabelstaplern und Transportgeräten für Logistikunternehmen weltweit. Immerhin zwei Drittel des Umsatzes entfallen auf diese Sparte.

Beim Laderoboter handelt es sich um einen umgewidmeten Arm eines Industrieroboters. Er verfügt über eine neu entwickelte Roboterhand und stapelt Gepäckstücke genau nach Größe in den Flugzeugcontainer. Alle 25 Sekunden verstaut der maschinelle Belader eine Kiste oder einen Koffer mit bis zu 35 Kilogramm Gewicht.

Im nächsten Arbeitsschritt zieht dann ein autonomer Schlepper die Gepäckkarawane auf einem einprogrammierten Pfad mit bis zu 15 km/h zum Flugzeug, wo die Container dann verladen werden. So wollen die beiden Unternehmen nicht nur die Verbindung des neuen Beladers mit dem Zugroboter demonstrieren, sondern auch Erkenntnisse für die Einführung des Systems an anderen Flughäfen in Japan gewinnen.

Das Projekt ist Teil einer amtlichen Initiative, die neue Technologien für die schrumpfende japanische Gesellschaft entwickeln soll. Denn in der am schnellsten gealterten Gesellschaft der Welt ist nicht Massenarbeitslosigkeit das größte Problem am Arbeitsmarkt, sondern Arbeitskräftemangel.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Dies gilt besonders für die Auslieferungsindustrie in Japan. Wie in anderen Ländern werden daher Roboter auf die Straßen geschickt, um Einkäufe automatisch bis zur Haustür der Kunden zu liefern. Der Elektronikhersteller Panasonic hat in der vom Konzern errichteten Siedlung "Fujisawa Sustainable Smart Town" einen rollenden Roboter auf der Straße erprobt.

Ab Februar wird das System die Fahrt bis vor die Haustüren der Einfamilienhaussiedlung demonstriert. Je mehr sich die Menschen an Onlinebestellungen gewohnt hätten, umso ernster würde der Arbeitskräftemangel bei der Auslieferung werden, erklärte der Konzern die Initiative.

Schon vor der Coronakrise schoben die Auslieferungsdienste Überstunden. Doch seit kontaktloses Einkaufen pandemisch korrekt geworden ist, buhlt in Japan nicht mehr nur Amazon um die Lieferung vor die Haustür, sondern auch Einzelhändler, Restaurants und neuerdings die großen Convenience-Ketten.

Mit zigtausenden kleinen Minisupermärkten beherrschen sie seit Jahrzehnten den nachbarschaftlichen Einzelhandel. Die Kette Seven-Eleven hat nun die prompte ortsnahe Auslieferung von kleinen Online-Bestellungen geprobt. Mit einem solchen Service kann nicht einmal Amazon in Japan aufwarten. (bsc)