Japan: Ein AKW im Containerformat

Nippons Atomindustrie leidet noch unter dem wirtschaftlichen Fallout von Fukushima. Mitsubishi Heavy prescht nun mit neuen AKWs vor, darunter Mikroreaktoren.

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(Bild: Mitsubishi Heavy Industries)

Von
  • Martin Kölling

Außerhalb Deutschlands lebt der Traum vom Atomstrom weiter. Das gilt selbst in Japan, das in seiner Geschichte von Atombomben und einer großen Atomkatastrophe getroffen wurde. Der Schwerindustriekonzern Mitsubishi Heavy Industries (MHI) fügt der wachsenden Zahl an Vorschlägen für neue Reaktortypen nun einen Mikroreaktor hinzu, der mit Lastwagen transportiert werden kann.

Die Kraftwerksidee von MHI ist mitsamt Ummantelung rund drei Meter hoch und vier Meter breit. Das mobile Powerhouse hat genug Brennstoff an Bord, um 25 Jahre lang Hitze plus eine elektrische Leistung von 500 Kilowatt zu liefern. Ein derzeit üblicher Reaktor liegt hingegen bei einem Gigawatt. Selbst jene laut Medienberichten derzeit in Mode befindlichen „kleinen“ modularen Reaktoren übertreffen die Leistung der nuklearen Batterie von MHI um ein Zigfaches.

Die Stromkosten des MHI-Vorschlags sind zwar höher als die größerer Reaktoren. Doch MHI will sie nicht zur Versorgung von großen urbanen Zentren einsetzen, sondern auf entlegenen Inseln, die bisher oft nur dreckige Dieselgeneratoren ersetzen. Als weitere Einsatzfelder schweben den Entwicklern der Einsatz als mobiles Notkraftwerk bei Naturkatastrophen oder im Weltall vor.

Bis zur Vermarktung wird es allerdings noch dauern. Zuerst muss der Reaktor zusammen mit Gasturbinen zu einer – zudem sicheren – Einheit verbunden werden. Denn das neue Kraftwerk soll natürlich weniger anfällig sein als wassergekühlte Reaktoren. Anstelle von flüssigen Kühlmitteln verwenden die Mikroreaktoren ein Festkörpergraphitmaterial, das hochgradig wärmeleitfähig ist.

Das Material umgibt den Kern und gibt die Hitze an einen Kreislauf weiter, der mit Kohlendioxid gefüllt ist. Das Treibhausgas wird dadurch auf über 850 Grad erhitzt und treibt in überkritischen Zustand Turbinen an. Danach wird es gekühlt in den Kreislauf zurückgeführt. Außerdem schwebt MHI vor, das Minikraftwerk in Gebäuden, Tunneln oder unter der Erde zu platzieren, um es abzuschirmen. Das Unternehmen hofft, die Idee in den späten 2030er Jahren auf den Markt zu bringen.

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Laut MHI-Chef Seiji Izumisawa sind die Mikro-AKWs einer von fünf Reaktortypen, mit denen MHI die Stromerzeugung dekarbonisieren will. „Atomkraft wird unter den Gesichtspunkten der Dekarbonisierung und Energiesicherheit neu bewertet“, sagte Izumisawa im Mai bei der Vorstellung der neuen Konzernstrategie. Es würden weltweit viele neue Konzepte vorgestellt.

Auch Japans Regierung setzt darauf, bis 2030 den Anteil von Atomstrom wieder auf 20 bis 22 Prozent zu erhöhen. Derzeit sind nur zehn der ursprünglich 54 Atomreaktoren Japans am Netz. Neubauten sind nicht geplant, sehr zum Schaden der altgedienten japanischen Atomindustrie. Führende Regierungspolitiker hoffen dennoch auf eine vollständige Wiederbelebung der Atomenergie und drängen die Industrie darauf, sich weiter zu engagieren.

MHI mag da nicht widersprechen. „Unsere Gruppe fördert mehrere Initiativen, um ein führendes Unternehmen der Atomindustrie zu werden“, erklärte Izumisawa. Zuerst geht es darum, 15 weitere derzeit abgeschaltete Meiler wieder ans Netz zu bringen und den nuklearen Brennstoffkreislauf zu schließen.

Für die Zukunft denkt der Konzern an folgende Technologien: große wie kleine modulare Leichtwasserreaktoren der nächsten Generation, Hochtemperaturreaktoren zur Produktion von Wasserstoff, neue Brutreaktoren (gemeinsam mit Terra Power in den USA) und eben Mikroreaktoren. Außerdem beteiligt sich MHI am Fusionsreaktor ITER.

Während das Unternehmen bei vielen der neuen Typen auf Kooperationen setzt, will es die Mikroreaktoren in Eigenregie entwickeln. Die neue Generation der Leichtwasserreaktoren könnte dann laut MHIs Zeitplan in den früheren 30er Jahren auf den Markt kommen, die anderen Technologien zum Ende der kommenden Dekade.

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(bsc)