Japan will mit einer Digitalagentur durchstarten

Deutschland und Japan haben in der Digitalisierung eines gemeinsam: Beide Länder hinken hinterher. Doch nun hat Japan eine neue Digitalagentur.

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(Bild: Rawpixel.com / Shutterstock.com)

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  • Martin Kölling

Aller Anfang ist schwer, auch für die neue Digitalagentur, die Japans gesamte Verwaltung von einem Analogparadies in die Onlinewelt führen soll: Als die Behörde am 1. September online ging, brach als Erstes die Homepage zusammen. Die Website sei in "instabiler Operation", entschuldigte das Amt rasch über Twitter. "Bitte warten Sie ein wenig."

Doch seither hat die Agentur es eilig. Schon zur Gründung zählte sie 600 Mitarbeiter, rund ein Fünftel Experten aus der Privatwirtschaft. Und die sollen agil agieren, stellte Japans neue Digitalministerin, Karen Makishima, nach ihrem Amtsantritt Anfang Oktober klar. Die Digitalagentur wolle "eine Organisation wie ein Start-up sein, in der Menschen aus dem öffentlichen und privaten Sektor mit vielen Ideen, Erfahrungen und hohen Ambitionen zusammenkommen, um neue Werte zu schaffen", schrieb sie in ihrer Antrittsbotschaft.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Der größte Wert beziehungsweise die Herausforderung ist dabei, Japans riesigen Rückstand bei der Digitalisierung der Verwaltung aufzuholen. Nirgendwo klaffen Papierform und Realität wohl stärker auseinander als beim Weltmarktführer der Fabrikvernetzung. In internationalen Vergleichsstudien zum eGovernment liegt Japan dank schneller Internetverbindung, hoher Handydurchdringung und ambitionierten Regierungsplänen oft in der globalen Spitzengruppe.

Aber im Ranking zur digitalen Wettbewerbskraft des schweizerischen Institute for Management Development (IMD) lag das Land 2020 sogar neun Plätze hinter Deutschland auf dem 27. Platz. Noch schlimmer sieht es im Behördenalltag aus. Laut dem OECD Digital Economy Outlook nutzten vor der Pandemie nur 5,4 Prozent der Bürger digitale Amtsdienste wirklich. Das ist der mit Abstand schlechteste Wert in der OECD, einer Organisation der alten Industrienationen.

Das Problem war lange bekannt und lud Medien immer wieder zu Bemerkungen über die Liebe der Japaner zu Faxgeräten ein. Noch immer gibt es selbst in Spitzenuniversitäten Fakultäten, die nur eine Faxnummer und keine E-Mailadresse für schriftliche Kommunikation auf ihrer Kontaktseite angeben. Aber erst mit der Coronapandemie wurde das Festhalten an analogen Prozessen akut zum nationalen Problem.

Japans ehemaliger Ministerpräsident Yoshihide Suga kürte daher die Digitalisierung von Verwaltung und Wirtschaft und die Gründung einer Digitalagentur nach seinem Amtsantritt im September 2020 zu einer seiner wichtigsten Reformen, um die Gesellschaft und die Wirtschaft zu reformieren. Das neue Amt soll zum einen die IT-Arbeiten der Regierung zentralisieren und steuern, zum anderen die 1741 Lokalregierungen, die alle ihre eigenen IT-Systeme aufgebaut haben, zur Zusammenarbeit bewegen.

Der Anfang wurde der Behörde allerdings leicht gemacht. Denn der damalige Minister für Verwaltungsreform, Taro Kono, hat bereits das größte Hindernis für die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen in Ämter und Unternehmen angegriffen: den Hanko, den Namenstempel.

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Bisher mussten viele Dokumente von diversen Sachbearbeitern und Antragstellern mit ihrem persönlichen oder geschäftlichen Siegel per Hand abgestempelt werden. Zu Beginn des pandemischen Telearbeitsbooms führte das noch dazu, dass viele Angestellte zum Abstempeln ihre Büros aufsuchen mussten. Inzwischen ist der Hanko laut der Regierung für 99 Prozent der Amtsanträge nicht mehr erforderlich.

Neben dem Techniktransfer ist die neue Behörde aber auch dafür zuständig, ein neues Denken in die Behörden zu injizieren. Immerhin das neue Tempo ist vorbildhaft. "Das Positive ist, dass dies recht schnell passiert", meint Pierre Gaulis, Gründer und Chef des IT-Beraters Cream, der Unternehmen in Japan bei der Umsetzung digitaler Transformation unterstützt. Seiner Meinung nach versucht die Regierung wirklich, Bürokratie und die Privatwirtschaft zusammenzubringen, um die Digitalisierung zu beschleunigen.

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Die große Frage bleibt allerdings, wie schlagkräftig die neue Behörde wirken kann. Um die enormen Widerstände zu brechen, hatte der Ex-Regierungschef Suga mit Taro Kono einen der erfahrensten und durchsetzungskräftigsten Politiker des Landes mit der Reform der Verwaltung betraut.

Sugas neuer Nachfolger Fumio Kishida hingegen setzt beim Kampf mit der Bürokratie nun auf eine Novizin in Bezug auf Ministerposten: die 44-jährige Karen Makishima besetzt in der Digitalagentur ihr erstes Ministeramt. Sie hat nun die Chance, sich einen Namen zu machen.

(jle)