Japans virtuelle Stars verdienen inzwischen reales Geld

Erst füllt die 3D-Projektion Hatsune Miku weltweit Arenen, dann sammelt die virtuelle Youtuberin Kizuna A.I. drei Millionen Follower ein. Die Pandemie macht's.

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(Bild: Screenshot YouTube / Label)

Von
  • Martin Kölling

Als 3D-Projektion füllte Japans ältester virtueller Popstar schon 2014 den Madison Square Garden in New York. Bis heute hat Hatsune Miku, eine Anime-Figur mit langen türkisblauen Zöpfen und einen knappen Mini-Rock nichts an ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Im Juni gab sie als Computergrafik ein hybrides Online-Konzert in ihrer Geburtsstätte Sapporo, das sich auf YouTube mittlerweile über 100.000 User ansahen.

Eine richtige Band spielte die größten Hits von Miku und ihren virtuellen Co-Popstars wie die stimmlich tiefer gelegte Meiko und der schlanke Jüngling Kaito. Nacheinander erscheinen die Stars aus dem Nichts im Bild und legen untermalt von computergenerierten Effekten ein pandemisch korrektes Konzert hin. Im Videobild warfen sie sogar Schatten auf die Bühne.

Die virtuellen Wesen sind die bekanntesten Repräsentationen des Musik- und Stimmprogramms "Vocaloid" des japanischen Start-ups Crypton Future Media, mit dem Normalsterbliche ihre eigenen Songs komponieren können. Musik und Text werden in das Programm eingegeben, das dann daraus Popsongs synthetisiert.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Der Clou, der den Sprachsynthesizer zum globalen Kult machte: Die Fans wählen auf der Homepage von Piapro regelmäßig die besten Hits aus, die dann von den sechs virtuellen Piapro-Stars in Konzerten vorgeführt werden. Sie können dort auch Bilder und 3D-Inspirationen mit anderen Fans teilen.

Diese Idee hat über die Jahre zu einer Tech-Pop-Welle mit wahrlichem Crowdsourcing geführt: Hatsune Miku, laut ihrem Lebenslauf ewig 16 Jahre alt, 158 Zentimeter groß und 42 Kilogramm schwer, hat auf Piapro schon über 82.000 Songs gesungen und ist damit der Superstar. Insgesamt kommen die sechs virtuellen Piapro-Sternchen auf über 187.000 Songs.

Das kulturelle Phänomen ist dem Aufeinandertreffen von Japans alter Liebe zu Manga-Comics, Anime-Trickfilmen, Cosplay-Kostümpartys und der Mitmachkultur des Internets entsprungen. Die Popularität von Comic-Figuren hat dabei eine lange Tradition.

Die Ursprünge werden bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Im 18. Jahrhundert wurden dann Bildbändchen im Holzdruck in Massen gefertigt. Was im Ausland lange als Kinderkram abgetan wurde, ist damit in Japan ein Teil der Literaturszene, für deren Konsum sich nur wenige schämen.

Der 81-jährige konservative Finanzminister Taro Aso von der Liberaldemokratischen Partei ist bekennender Manga-Fan. Und sein technikaffinerer 58-jähriger Parteigenosse Taro Kono, der gerade versucht, Japans nächster Ministerpräsident zu werden, besuchte am 4. September digital auch die virtuelle Version der Fashion Show Tokyo Girls Collection. Damit das nicht übersehen wurde, tat Kono seinen Auftritt per Tweet an seine 2,4 Millionen Twitter-Follower kund.

Inzwischen sind Manga und ihre moderneren Erben, die Anime und die daraus entsprungenen Videospielfiguren global zu eigenständigen Kultur- und Wirtschaftszweigen mit großer Reichweite geworden. Pokémon von Nintendo gilt mit einem Umsatz von über 100 Milliarden Dollar als die erfolgreichste Media-Franchise der Welt. Auf dem zweiten Platz liegt Hello Kitty vom japanischen Konzern Sanrio, gefolgt von einer langen Reihe von finanziellen Megahits.

Platz 7 belegt das lebende Brot Anpanman, auf Platz 9 ist mit Mario ein weiterer Videospielheld. Doch auch Manga- und Anime-Titel wie Dragon Ball, Gundam, Yu-Gi-Oh!, Doraemon, Hokuto no Ken (Faust des Nordsterns), Sailor Moon, Neon Genesis Evangelion, One Piece, Rilakkuma erzielten zweistellige Milliarden-Dollar-Einnahmen.

Die animierte Kunstkreationen ließen auch die Kinokassen klingeln. Die Verfilmung der Manga-Serie "Demon Slayer" (Dämonentöter: Kimetsu no Yaiba) wurde ausgerechnet in der Pandemie zu Japans größtem Kinohit aller Zeiten. Inzwischen hat die fünf Jahre alte Geschichte vom Jungen, der auszog, seine von Geistern getötete Familie zu rächen, etwa 2,7 Milliarden Dollar eingespielt. Und die globale Vermarktung hat gerade erst begonnen.

Auf Youtube wiederholt sich nun der Erfolg virtueller Stars. Inzwischen wurden virtuelle Youtuber (VTuber) aus Japan zum Vorbild in der Region. Ein Megastar ist das mädchenhafte Manga-Wesen Kizuna AI, deren "A.I.Channel" fast drei Millionen Abonnenten hat.

Mit der Pandemie wurde die Nische nun auch finanziell lukrativ, wenigstens gemessen in Super-Chats. Das sind Spenden, die Fans über Youtube ihren Lieblingskanälen zukommen lassen können. Laut Googles "Playboard"-Statistik sind dieses Jahr sieben der Top-10-Verdiener von Super-Chat-Spenden japanische VTube- und Hololife-Kanäle.

Die nächste Stufe des virtuellen Stardaseins steht aber schon in den Startlöchern: Metaverse heißt die neueste Hoffnung im Internet, ein gemischt real-virtuelles Universum über der realen Welt. Menschen können sich dabei in virtuelle Welten einloggen, sich bewegen und mit anderen Besuchern kommunizieren, entweder mit dem eigenen Gesicht oder einem Avatar.

Die amerikanischen IT- und Internetriesen, wie Facebook mit den "Horizon Workrooms" wollen dies zum nächsten Hit machen. In Korea wird es bereits umarmt. Die regierende Demokratische Partei startete die parteiinterne Kür des nächsten Präsidentschaftskandidaten im Metaverse. Auch Banken und Broker wollen diese Idee nutzen, um die technikaffine Jugend in der Pandemie als Kunden zu gewinnen. Und der größte koreanische Metaverse-Anbieter ZigBang, ein Online-Wohnungsmakler, will seine Plattform nun Ende des Jahres global ausrollen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis alte oder neue Formen virtueller Stars auch dieses "Metaversum" erobern. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie wieder aus Asien kommen.

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(jle)