Jenseits von Facebook und Twitter

Zwei Gründer des Internetradios Last.fm wollen mit der Empfehlungsmaschine Lumi Nutzern ganz neue Seiten des Web öffnen. Ein Erfahrungsbericht aus dem derzeit laufenden Alpha-Test des Dienstes.

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Von
  • Rachel Metz

Zwei Gründer des Internetradios Last.fm wollen mit der Empfehlungsmaschine Lumi Nutzern ganz neue Seiten des Web öffnen. Ein Erfahrungsbericht aus dem derzeit laufenden Alpha-Test des Dienstes.

Sternzeit 2012, das Web, unendliche Seiten. Es gäbe so viel zu entdecken – wenn man sich nicht so oft auf Facebook tummeln würde. Das haben sich wohl zwei der drei Gründer des Internetradios Last.fm gedacht und die Empfehlungsmaschine Lumi entwickelt. Das Browser-Plug-in soll Nutzern anhand der Webseiten, die sie im Laufe des Tages aufrufen, neue Seiten vorschlagen. Zurzeit befindet sich Lumi in einem Alpha-Test mit 1000 handverlesenen Nutzern, zu denen auch die Autorin gehört.

Das Plug-in läuft in den gängigen Browsern Firefox, Chrome und Safari. Einmal installiert, analysiert es die Browserhistorie des Nutzers. Ist der neugierig genug, loggt er sich auf der Lumi-Seite ein und lässt sich die Vorschläge präsentieren.

Der Erstkontakt mit Lumi besteht aus einer Seite mit einer endlosen Anordnung bunter Quadrate. Jedes enthält ein kleines Abbild der empfohlenen Seiten. Darunter finden sich auch populäre Webseiten. Die Beliebtheit ermittele man daraus, wie häufig andere Nutzer Seiten aufrufen, sagt Lumi-Mitgründer Martin Stiksel. Gemeinsam mit Felix Miller hatte er Last.fm 2009 den Rücken gekehrt.

Stiksel und Miller setzen darauf, dass mit Facebook und Twitter die Entdeckung neuer Inhalte durch Vorschläge von anderen noch nicht ausgereizt ist. Erfahrung mit dem Metier haben sie bei Last.fm gesammelt: Das Internetradio basiert auf einer Empfehlungsmaschine, die auf Wunsch möglichst passende Songs auswählt und aneinanderreiht.

Tatsächlich schlägt Lumi einige treffende Seiten vor. Ausgehend von einem Mix aus Technologie-Nachrichten, Start-up-Seiten, Popkultur-Blogs führte der Weg etwa zu einer Kickstarter-Kampagne für einen neuen Filesharing-Dienst, dem Portfolio einer Designfirma oder einer Rezension der neuen Gmail-App für iPhones.

Jeder Vorschlag in der eigenen Lumi-Bildergalerie wird mit einem Grauschleier überzogen, wenn man ihn angeklickt hat. Auf diese Weise kann der Nutzer den Überblick behalten, was er bereits gesehen hat. Ältere Vorschläge wandern im Laufe der Zeit in der Übersicht nach unten.

Wem das nicht genügt, der hat die Möglichkeit, die Vorschläge mit einem Sterne-System zu bewerten. Die Bewertung ist sowohl in der Lumi-Übersicht möglich als auch, dank des Plug-ins, auf einer besuchten Seite selbst. Andere Lumi-Nutzer können die Sterne, die man vergeben hat, auch sehen. Wie in sozialen Netzwerken kann man anderen Lumi-Nutzern folgen. Zudem lassen sich die Vorschläge je nach Bewertung gruppieren.

Stiksel und Miller Lumi betonen, dass nur die Adressen, nicht jedoch die Inhalte der Seite ausgewertet würden. Alle Daten, die das Plug-in sammelt, werden auf den Servern anonymisiert und verschlüsselt abgelegt. Die Daten würden nur genutzt, um die Empfehlungsroutine zu verbessern, versichern die Lumi-Gründer, die derzeit noch kein Geschäftsmodell für ihren Dienst haben. Dass Browserhistorien auf dem Markt für vermarktbare Nutzerdaten bares Geld wert sind, dürften aber auch sie wissen.

Im Unterschied zu dem ähnlichen Dienst Wajam hält sich Lumi immerhin im Hintergrund. Wajam hingegen verfolgt den Nutzer auf seinem Weg durchs Web regelrecht. Anders als StumbleUpon wiederum ist es nicht nötig, den Dienst am Anfang aktiv mit persönlichen Interessen zu füttern.

“Wir wollen nicht, dass Sie Ihr Verhalten verändern”, sagt Stiksel. “Sie sollen einfach nur damit weitermachen, was sie auch sonst tun: durchs Web browsen.”

Irritierend ist allerdings, dass Lumi mit zunehmender Nutzung mal schlechter, mal besser wird. Nach einigen Tagen gaben die Vorschläge zwar immer genauer das eigene Online-Verhalten wieder. Gleichzeitig tauchten aber auch bereits gelesene Technologie-Seiten auf – einige waren sogar von der Nutzerin selbst geschrieben worden. Aber natürlich ist Lumi noch in der Alpha-Phase. Auf Stiksel und Miller wartet noch einige Arbeit. Angesichts ihres Erfolgs mit Last.fm stehen die Chancen jedoch nicht schlecht, dass Lumi am Ende seine Anhänger finden wird.

(nbo)