KI soll veränderte Geldwäschemethoden aufspüren

Der Lockdown nahm Kriminellen die üblichen Wege, ihre Gewinne legal aussehen zu lassen. Für die neuen Methoden reichen die bisherigen Alarmsysteme nicht mehr.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 9 Beiträge

(Bild: Marian Weyo/Shutterstock.com)

Von
  • Will Douglas Heaven

Als Anfang dieses Jahres weltweit ganze Volkswirtschaften wegen der Covid-19-Pandemie geschlossen wurden, mussten sich nicht nur Unternehmer und Verbraucher anpassen. Auch Kriminelle hatten plötzlich ein Problem: Wie waschen sie nun ihr Geld? „Das Geld kommt immer noch herein, aber man kann es nirgendwo hintun“, sagt Isabella Chase, die beim Royal United Services Institute, einer in Großbritannien ansässigen Denkfabrik für Verteidigung und Sicherheit, im Bereich Finanzkriminalität arbeitet.

Schließlich waren die üblichen Möglichkeiten, Gewinne aus der organisierten Kriminalität durch legitime Unternehmen – oft grenzüberschreitend – weiterzugeben, bis es keinen klaren Weg zurück zu ihrer Quelle mehr gibt, kaum noch zugänglich. Viele der besten für Geldwäsche geeignete Unternehmen waren am stärksten von der Pandemie betroffen: kleine Geschäfte, Restaurants, Bars und Clubs sind, weil viel Bargeld im Umlauf ist. Große Bareinzahlungen wurden schwierig, als Bankfilialen und Überweisungsdienste wie Western Union ihre Tore schlossen.

Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung werden jedes Jahr zwischen zwei und fünf Prozent des globalen Brutto-Inlandsprodukts – derzeit zwischen 800 Milliarden und zwei Billionen US-Dollar – gewaschen. Die meisten Fälle bleiben unentdeckt. Schätzungen zufolge wird lediglich etwa ein Prozent des kriminell erzielten Gewinns beschlagnahmt. Doch das war vor der Pandemie. Seither haben Betrugsfälle zugenommen, und die Befürchtungen um Covid-19 schufen einen lukrativen Markt für gefälschte Schutzausrüstung und Medikamente. Mehr Menschen verbrachten weit mehr Zeit online und schufen so einen größeren Pool für Phishing-Angriffe und andere Betrugsfälle. Darüber hinaus werden immer noch Drogen gekauft und verkauft.

Der Lockdown machte es aber nur am Anfang schwieriger, die Erlöse aus diesen kriminellen Geschäften zu verbergen. Als die normalen Kanäle für Geldwäsche geschlossen wurden, eröffneten sich gleichzeitig neue. Dank staatlicher Rettungsaktionen fließen wieder riesige Geldsummen in kleine Unternehmen. Das führte zu einer Flut von Finanzaktivitäten, die Geldwäsche verdecken.

Damit zwang die Pandemie auch die Geldwäschebekämpfungsteams dazu, neue Wege zu gehen und nach anomalen Aktivitäten Ausschau zu halten. Als wichtigste Waffe erweisen sich dabei neue Künstliche-Intelligenz-Werkzeuge (KI). Die Systeme vieler größerer und älterer Finanzinstitute basieren noch auf handgefertigten Regeln, etwa dass nur Transaktionen über einen bestimmten Betrag eine Warnung auslösen sollten.

Aber diese Regeln führen zu vielen falschen Alarmen, während tatsächlich kriminelle Transaktionen in diesem Rauschen verloren gehen. In jüngerer Zeit versuchen nun vor allem kleinere, neuere Unternehmen, mit Maschinenlern-Ansätzen normale Finanzaktivitätsmuster zu identifizieren und nur dann zu warnen, wenn Ausreißer erkannt werden. Diese werden dann von Menschen bewertet, die den Alarm ablehnen oder genehmigen.

Mit diesem Feedback lässt sich das KI-Modell so optimieren, dass es sich im Laufe der Zeit anpasst. Das in den USA und Großbritannien ansässige Unternehmen Featurespace und das ebenfalls britische Napier zum Beispiel entwickeln hybride Ansätze, mit denen von einer KI generierte Warnungen korrigiert werden und in neue Regeln für das Gesamtmodell umgewandelt werden können.

Die raschen Verhaltensänderungen in den letzten Monaten haben die Vorteile anpassungsfähigerer Systeme deutlich gemacht. Finanzaufsichtsbehörden auf der ganzen Welt haben neue Leitlinien veröffentlicht, auf welche Art von Aktivitäten Geldwäsche-Bekämpfungsteams achten sollten. Doch für viele war es zu spät, sagt Araliya Sammé, Leiterin der Abteilung Finanzkriminalität bei Featurespace.

„Wenn so etwas wie Covid passiert und sich die Zahlungsmuster aller plötzlich ändern, haben Sie keine Zeit, neue Regeln einzuführen. Wenn Sie etwas entdeckt und die Leute alarmiert haben, die es wissen müssen, ist das Geld weg.“ Man brauche Technologien, die das Problem auffangen können, während es passiert.

Dave Burns zufolge, der Chief Revenue Officer von Napier ist, ließ Covid-19 ein lange schwelendes Problem plötzlich Feuer fangen. „Diese Pandemie war in vielerlei Hinsicht der Wendepunkt“, sagt er. „Einige der größeren Akteure der Branche wurden kalt erwischt.“ Das bedeute jedoch nicht, dass man einfach die neuesten Technologien implementiert. „Sie können KI nicht nur um der KI willen machen, da das nur zum Ausspucken von Müll führt“, sagt Burns. Vielmehr brauche jede Bank und jeden Zahlungsanbieter einen maßgeschneiderten Ansatz.

Zwar hätten die Geldwäsche-Bekämpfungstechnologien noch einen weiten Weg vor sich. Doch die Pandemie hat Risse in bestehenden Systemen aufgedeckt, die die Menschen beunruhigen, sagt Burns. Das bedeutet, dass sich die Dinge schneller ändern könnten als sie es sonst getan hätten. „Wir sehen eine größere Dringlichkeit“, Burns. „Was traditionell sehr lange, bürokratische Entscheidungen sind, wird nun dramatisch beschleunigt."

(vsz)