Kann Precision Farming die Wasserversorgung Pakistans größter Stadt verbessern?​

Wenn Landwirte in Karatschis Umgebung mithilfe von Daten Wasser sparen, könnten sie ihre Erträge steigern und gleichzeitig den anderen Einwohnern helfen.​

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(Bild: Jouni Rajala / Unsplash)

Von
  • Mariya Karimjee

Als Ahsan Rehman 2016 seinen Abschluss an einer der besten pakistanischen Universitäten für Ingenieurwissenschaften machte, wusste er, dass er einen Job wollte, mit dem er Menschen helfen kann. Er musste nicht lange nach Inspiration zu suchen. Im Haus seiner Familie in Karatschi kam oft tagelang kein Wasser aus den städtischen Leitungen. Ursprünglich hatten sie einen Brunnen gegraben, der in den Grundwasserleiter unter der Stadt führte. Als dieser zu versiegen begann, versuchten sie, ihre Versorgung mithilfe der städtischen Wasserlieferwagen zu ergänzen.

Schließlich entschied sich die Familie, einen noch tieferen Brunnen zu graben, aus der Not heraus und wohl wissend, dass die Grundwasserversorgung der Stadt noch mehr gefährdet würde, wenn alle um sie herum das Gleiche täten. "Das ist wie ein Wettbewerb, bei dem am Ende alle verlieren", sagt Rehman. "Ich fühle mich wirklich schlecht, dass ich das tun muss, aber ich habe keine andere Wahl."

Pakistan wird immer wieder als eines der Länder genannt, die am meisten von einer Wasserkrise bedroht sind. Es regnet zwar mehr als früher, dafür aber nicht mehr so oft, so dass sich die Grundwasserreserven nur schlecht wieder auffüllen. Heißere Temperaturen erhöhen die Verdunstung und machen die Nutzpflanzen durstiger. Am Ende werden Schneeschmelze und Gletscherschmelze, die zwei wichtigen Wasserquellen des Landes, zu einem Rinnsal schrumpfen.

Doch Pakistan hat nicht nur wegen des Klimawandels ein Wasserproblem. Wasserschützern zufolge hat eine Mischung aus Missmanagement, Grundwassererschöpfung und unzureichender Wasserspeicherung das System an einen prekären Punkt gebracht. Nirgendwo wird dies deutlicher als in Karatschi, der bevölkerungsreichsten Stadt Pakistans, wo täglich Hunderte von Millionen Litern Wasser fehlen. Trotzdem ist der Wasserpreis durchweg zu niedrig. Der Verbrauch wird nicht gemessen, und viele Quellen sind nicht reguliert.

Aus Sorge um die Zukunft des Wassers in der Stadt begann Rehman für das 2016 gegründete Tech-Startup AquaAgro zu arbeiten. Das Ziel des Unternehmens war einfach: Daten sollten Landwirte zu besseren Entscheidungen über Bewässerungspläne verhelfen. Ein daumengroßes Bodenmessgerät in einer solarbetriebenen Box überwachte Wetterbedingungen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Druck und maß den Feuchtigkeitsgehalt des Bodens. Die Daten wurden auf ein Portal hochgeladen, und die Landwirte erhielten mobile Benachrichtigungen darüber, wann sie ihre Pflanzen bewässern sollten.

In den Pilotbetrieben von AquaAgro stiegen die Ernteerträge um 35 Prozent und der Wasserverbrauch sank um 50 Prozent. Doch als Rehman und seine Kollegen die Landwirte auf ihr Produkt ansprachen, stellten sie fest, dass nur wenige daran interessiert waren. "Es war kein tragfähiges Finanzmodell", sagt Rehman. "Weil der Wasserpreis so billig war, waren die Landwirte nicht motiviert, ihren Wasserverbrauch zu senken."

Aber Wasser ist nicht mehr die reichlich vorhandene Ressource, die sie einmal war. Bauernhöfe in der Umgebung von Karatschi, die sich beim Anbau ihrer Pflanzen allein auf das Grundwasser verließen, nutzen heute alles, von Abwasserströmen über Wasserlastwagen bis hin zu gestohlenem Oberflächenwasser. Karatschis größtes Wasserversorgungsunternehmen beklagt, dass ein großer Teil des städtischen Wassers aus einem 3.200 km langen Kanalsystem gestohlen wird, das Wasser aus einem etwa zwei Stunden außerhalb der Stadt gelegenen See verteilt. "Es ist allgemein bekannt, dass Wasser unter anderem von landwirtschaftlichen Betrieben, Vergnügungsparks und Menschen in informellen Siedlungen unbefugt genutzt wird", sagt Farhan Anwar, ein Stadtplaner aus Karatschi. Es sei allerdings "schwer, dazu Dokumentation zu finden".

Rehman hatte gehofft, dass AquaAgro bei der Bewältigung von Karachis Wasserkrise helfen könnte. Wenn die landwirtschaftlichen Betriebe in der Stadt weniger Wasser verbrauchen würden, bliebe vielleicht etwas für seine Kinder und deren Kinder übrig. Doch Ende 2019 kam das Team von AquaAgro zu dem Schluss, dass sein Produkt möglicherweise niemals rentabel sein würde. Ihre Finanzierungsströme waren versiegt, und es löste sich bald darauf auf.

Die Ideen des Teams sind allerdings nicht in Vergessenheit geraten. Das im selben Inkubator wie AquaAgro entstandene Start-up Crop2X arbeitet ebenfalls an datengesteuerten Modernisierungsmöglichkeiten für Landwirte. Das Unternehmen setzt Sensoren und Satellitenbilder ein, um herauszufinden, welche Parzellen keinen maximalen Ertrag erwirtschaften. "Wir konnten mit Hilfe von Satellitenbildern Schädlinge erkennen und den Düngemitteleinsatz reduzieren", sagt Gründer und Geschäftsführer Laeeq Uz Zaman. "Das sind Informationen, die für die Landwirte sehr wertvoll sind."

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Uz Zaman hofft, dass eine Lockvogeltaktik zum Erfolg führen kann: Wenn er die Landwirte davon überzeugt, ein Produkt zu kaufen, das sie wollen – weil es ihnen hilft, ihre Düngemittelausgaben zu senken –, werden sie vielleicht auch Strategien zur Wasserreduzierung einführen. In seinen wöchentlichen Berichten an die Kunden gibt Crop2X Wasserrezepte an, die zum Teil auf dem von AquaAgro entwickelten datenbasierten Programm aufbauen.

Die allgemeine Ausrichtung des Unternehmens scheint im Moment zu funktionieren. Derzeit werden mehr als 1.500 Hektar Ackerland mithilfe der Dienste des Unternehmens bewirtschaftet. Bis 2025 sollen es 4.000 Hektar sein. Das Start-up hat damit begonnen, Pilotprogramme in großen landwirtschaftlichen Betrieben einzuführen, in der Hoffnung, dass die Besitzer den Nutzen seiner Methoden erkennen. Laut Uz Zaman ist das größte Hindernis für seinen Plan jedoch der durchschnittliche Landwirt, der bezweifelt, dass weniger Wasser zu besseren Ernten führen kann.

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(vsz)