Karten für Haiti

Freiwillige aus der ganzen Welt erstellten aus Satellitenbildern genaue Karten von Haiti - einschließlich der Zerstörungen durch das Erdbeben. In Zukunft könnten Hilfsorganisationen verstärkt auf die Unterstützung der Open-Source-Gemeinde setzen.

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  • Gregor Honsel

Freiwillige aus der ganzen Welt erstellten aus Satellitenbildern genaue Karten von Haiti - einschließlich der Zerstörungen durch das Erdbeben. In Zukunft könnten Hilfsorganisationen verstärkt auf die Unterstützung der Open-Source-Gemeinde setzen.

Bei humanitären Katastrophen wie dem Erdbeben in Haiti waren die Rollen bisher klar verteilt: Helfer vor Ort konnten eingreifen – und der Rest der Welt zusehen, seine Anteilnahme ausdrücken oder Geld spenden. Doch nun gibt es eine neue Variante: Freiwillige können dem Menschen in den Katastrophengebieten auch aktiv helfen, ohne selber vor Ort zu sein.

Das Werkzeug dazu ist Open Street Map (OSM) – eine Open-Source-Weltkarte, die von Freiwilligen gepflegt wird. Innerhalb von wenigen Tagen nach der Katastrophe wurde Haitis bis dato nur spärlich kartierte Hauptstadt Port au Prince von einer internationalen Community detailliert erfasst – bis hin zu Fußwegen, Flüchtlingscamps und Krankenhäusern. "In drei Tagen kamen 8000 Straßensegmente hinzu", sagt Professor Alexander Zipf, Leiter des Lehrstuhls für Geoinformatik an der Uni Heidelberg.

Grundlage dafür sind in erster Linie Satelliten- und Luftbilder. Sie stammen etwa von Yahoo, mit dem OSM schon vorher eine Vereinbarung hatte, All-Aufnahmen zum Kartografieren benutzen zu dürfen. Nach dem Haiti-Beben konnten Hilfsorganisationen und OSM weitere Datenquellen gewinnen – etwa die Bilder des kommerziellen Satellitenbetreibers Geo Eye. Dieser liefert auch aktuelle Aufnahmen der Zerstörungen. So kann die Community auch eingestürzte Brücken, unpassierbare Straßen und spontan entstandene Flüchtlingscamps in die Karte einzeichnen und den Helfern vor Ort einige Umwege ersparen. Port au Prince ist mittlerweile gut erfasst. Nun liegt das Augenmerk der Community auf die Gegenden außerhalb der Hauptstadt.

Um aus einem Satellitenbild eine Karte zu machen, muss sich ein Nutzer zunächst die entsprechende Aufnahme in einen OSM-Editor laden. Per Mausklick kann er nun Vektoren über die auf dem Bild erkennbaren Straßen ziehen. Anschließend lädt er sein Netz aus Vektoren wieder auf den OSM-Server hoch, der die Informationen in eine einheitliche Karte einfließen lässt.

Bei Katastrophen-Einsätzen wie in Haiti kommt OSM zu Gute, dass die Gemeinschaft von Anfang an auf ein flexibles Datenmodell gesetzt hat. Attribute ("Tags") von Straßen oder Orten sind nicht fest vorgegeben, sondern können von Nutzern auch neu angelegt werden. So wurde etwa die differenziertere Straßen-Klassifizierung der UN, die angibt, ob ein Weg etwa nur mit dem Jeep oder auch mit einem Schwerlaster zu befahren ist, teilweise als OSM-Tags übernommen. Andere spezielle "humanitäre" Tags sind etwa "spontanes Flüchtlingslager" oder "durch Erdbeben eingestürztes Gebäude".

Und wie sieht es mit der Qualität der OSM-Daten aus? Der Normalfall sieht bei OSM so aus, dass jemand mit einem GPS-Gerät bewaffnet die Straßen seines Heimatortes abfährt und dabei seinen Pfad aufzeichnet. Er kennt also alle Wege aus eigener Anschauung. Dieses Augenmaß fehlt beim Kartografieren über Satellitenbilder. Zudem besteht gerade in Großstädten eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wege mehrerer OSM-Kartografen kreuzen und sie gegenseitig etwaige Fehler korrigieren. Nennenswertes Feedback aus Haiti hat Zipf nach eigenen Angaben noch nicht erhalten – die Helfer haben anderes zu tun. Beim Kartieren aus der Ferne sei die Fehlerträchtigkeit deshalb höher, gibt Zipf zu – und ergänzt: "Aber besser als gar nichts."

Die Heidelberger Geoinformatiker unterstützen selbst mit einem eigenen Projekt die Helfer auf Haiti. Sie haben einen Online-Routenplaner entwickelt, der auf OSM-Karten beruht. Für den Einsatz im Katastrophengebiet haben sie ihr Tool angepasst: Er lädt sich jetzt stündlich aktuelle OSM-Daten herunter, um die hohe Schlagzahl der OSM-Gemeinde abzubilden. Zudem liest der Routenplaner auch die neu definierten Tags ein, damit etwa eingestürzte Brücken bei der Routenplanung berücksichtigt werden. Hauptnutzer solcher Tools sind die Koordinierungszentren der Helfer, die eine ausreichende Internetverbindung haben. Doch auch offline lassen sich OSM-Karten nutzen – etwa, indem sie schlicht ausgedruckt werden. Mittlerweile können sie aber auch in einige Navi-Geräte OSM-Daten laden.

Noch während die Hilfsmaßnahmen in Haiti in vollem Gange sind, zieht die OSM-Gemeinde ein erstes Fazit der Kartierungsaktion. Als gelungen bewertet die Community etwa die Beschaffung von Satellitenaufnahmen: "Wir haben kommerzielle Anbieter nach freien Bildern gefragt – und sie bekommen", heißt es auf einer Wiki-Seite des Projekts. Nicht bewährt habe sich dagegen das Einzeichnen einzelner zerstörter Gebäude: "Es gibt einfache zu viele davon, und die professionellen Helfer machen ohnehin ihre eigene Schadenserfassung."

Für Alexander Zipf lautet die Konsequenz aus der Haiti-Erfahrung, ähnliche Kartier-Aktionen künftig nicht mehr per spontanem Hauruck-Verfahren zu stemmen, sondern sich rechtzeitig darauf vorzubereiten. Gemeinsam mit dem UN Logistic Cluster arbeitet er an einem Routenplaner für ganz Afrika – bisher allerdings auf Basis des UN-Kartenmaterials und nicht auf OSM-Daten. Doch das könnte sich ändern. "Schon 2008 wurde bei der UN darüber nachgedacht, OSM zu benutzen, doch damals gab es noch keine ausreichende Datengrundlage, deshalb griff man auf eigene Kartendaten zurück", sagt Zipf. "Doch jetzt hat man gelernt, dass die Community so viele Ressourcen bereitstellen kann, dass sie innerhalb von zwei bis drei Tagen ein ganzes Land kartieren kann." Die Frage sei nun, wie man die UN-Karten, die ein proprietäres Format haben und Lizenzbedingungen unterliegen, in das OSM-Projekt integrieren könne.

Die OSM-Community jedenfalls steht bereit: Auf der Todo-Liste des "Humanitarian OSM Team" stehen unter anderem Kartenprojekte in Albanien, Sudan, Ägypten, Kenia, Südafrika und Palästina. (bsc)