Keine halbe Sache: Aprilia Tuono 660

Aprilias neue Baureihe mit 659-ccm-Zweizylinder beruht auf einer Halbierung des Motors aus der Tuono 1100, dennoch ist er viel mehr als eine halbe Sache.

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Die Tuono 660 ist gewissermaßen die halbnackte Version der 660 RS.

(Bild: Aprilia)

Von
  • iga
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Die großen Absatzzahlen lassen sich momentan vor allem mit attraktiven und günstigen Mittelklasse-Naked Bikes machen. Bislang schickte Aprilia in der Klasse die Shiver 900 mit einem 95 PS starken V2 ins Rennen, doch sie teilte das Schicksal vieler Aprilias: Sie war zwar ein gutes Motorrad, fand aber kaum Käufer. Aprilia ersparte sich die Mühe, den Shiver-Motor aufwendig auf die Abgasnorm Euro 5 zu bringen und strich das Modell aus dem Programm zugunsten einer kompletten Neuentwicklung. Technisch entspricht der neue 659-cm3-Reihenzweizylinder weitestgehend der vorderen Zylinderbank des 1077-cm3-V4 aus der Aprilia RSV4 1100 und Tuono 1100. Die 660er übernahm die Bohrung von 81 Millimeter, bekam allerdings mit 63,9 Millimeter deutlich mehr Hub.

Obwohl bereits 2018 auf der EICMA vorgestellt, begann die Produktion der leichten, 100 PS starken Aprilia RS 660 erst Ende 2020. Die vollverkleidete Version dürfte es nicht zum Verkaufsrenner bringen, da Sportmaschinen schon seit Jahren kaum noch gefragt sind. Viel größere Chancen hat da die nun präsentierte Tuono 660, die zwar mit ihrer kurzen Verkleidung kein reines Naked Bike ist, aber dank eines hohen und breiten Lenkers eine viel angenehmere Sitzposition bietet.

Im Vergleich zur RS 660 verliert die Tuono 660 fünf PS und kommt auf 95 PS. Sie hat mit 67 Nm bei 8500/min das gleiche maximale Drehmoment, dürfte aber im unteren und mittleren Drehzahlbereich geringfügig mehr Schmalz bieten. Außerdem griffen die Entwickler zu einer kürzeren Endübersetzung, um den Durchzug zu verbessern. Im Gegensatz zur RS kann die Tuono wegen ihrer geringeren Ausgangsleistung für Führerschein-A2-Einsteiger auf 48 PS gedrosselt werden.

Ansonsten ist die Tuono 660 mit der RS 660 so ziemlich identisch und das ist gut so. Während die Shiver ein Gitterrohrrahmen schmückte, setzt die Nachfolgerin auf einen leichten Aluminium-Brückenrahmen und eine asymmetrische Schwinge. Beim Fahrwerk wurde nicht gegeizt, es bietet eine in Federbasis und Zugstufe einstellbare Upside-down-Gabel von Kayaba und ein direkt angelenktes Federbein, ebenfalls in der Basis und Zugstufe variabel. Die Tuono 660 rollt auf hübschen Gussfelgen mit auffallend dünnen Speichen, vorne ist ein Reifen in der Dimension 120/70ZR17 und hinten einer in 180/55ZR17 aufgezogen. Die beiden radial angeschraubten Bremszangen vorne stammen von Brembo und wirken auf 320 Millimeter große Bremsscheiben.

Aprilia Tuono 660 Teil 1 (7 Bilder)

Die neue Tuono 660 soll für steigende Umsatzzahlen bei Aprilia sorgen, zumal attraktive Mittelklasse-Naked Bikes sich zurzeit hervorragend verkaufen. Sie entspricht weitestgehend dem bereits vorgestellten Sportler RS 660.

Statt zweier Underseat-Auspufftöpfe ragt bei der Tuono ein sehr kurzer Stummel aus der Verkleidung hervor. Die kürzere, einfachere Auspuffanlage spart Gewicht. Überhaupt stand die ganze Entwicklung im Zeichen des Leichtbaus und es hat sich gelohnt: Wog ihre Vorgängerin noch 212 kg, soll die Tuono 660 mit nur 183 kg deutlich leichter sein. Im Design wurde alles kompakter, sportlicher und aggressiver. Das ging aber auch auf Kosten des Platzangebots, vor allem der Sozius verlor an Sitzfläche und greift direkt hinter sich ins Leere, weil das kurze Heck der Tuono abrupt endet.

Der niedrige Windschild vorne leitet den Fahrtwind leidlich über den Fahrer. Zwei schmale LED-Scheinwerfer samt LED-Tagfahrlicht starren böse auf die Straße. In die Verkleidung integrierte Durchlässe sollen den Anpressdruck bei hohen Geschwindigkeiten steigern. Im Cockpit erfreut ein farbiges TFT-Display den Piloten mit vielen, wenn auch zum Teil etwas klein dargestellten Informationen. Die Auswahl des Menüs erfolgt über vier Pfeiltasten neben dem linken Lenkgriff.

Aprilia Tuono 660 Teil 2 (8 Bilder)

Der 659-cm3-Reihenzweizylinder entspricht weitestgehend der vorderen Zylinderbank des V4 aus der Tuono 1100, hat allerdings mehr Hub. Im Vergleich zur RS 660 wurde die Maximalleistung der Tuono 660 um fünf PS auf 95 PS reduziert.

Für ein Mittelklasse-Bike kann sich die Ausstattung an elektronischen Assistenzsystemen sehen lassen: Ride-by-wire, dreistufiges Kurven-ABS, einstellbare Schlupfregelung, Wheelie-Kontrolle, elektronisch geregelte Motorbremse und Tempomat.

Eigentlich hätte die Tuono 660 das Zeug zum Verkaufserfolg, allerdings könnte ihr der hohe Preis einen Strich durch die Rechnung machen. Kostete die Shiver 900 noch 9090 Euro, verlangt Aprilia für die Tuono 660 jetzt 10.550 Euro. Wahrlich kein Sonderangebot, da sind die Konkurrentinnen wie Yamahas Bestseller MT-07 (Test) für 7374 Euro, die Honda CB 650 R für 7775 Euro oder die brandneue Triumph Trident 660 für 7500 Euro deutlich günstiger als die Tuono 660. Die großen Stückzahlen machen die Hersteller zurzeit über den Preis und da ist selbst das zweitmeistverkaufte Motorrad in Deutschland, die Kawasaki Z 900, die mit 125 PS schon zur oberen Mitteklasse gehört, für 9695 Euro günstiger zu haben als die neue 660er-Aprilia.

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