Klickbare Realität

Tatsächlich aber bereiten sie den Weg zu einem völlig neuen Web.

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Von
  • Wade Roush
Inhaltsverzeichnis

Mal angenommen, Sie sind ein Fan von Paul Cézanne und wollen nach Chicago fliegen, um sich im dortigen Art Institute ein paar seiner Werke anzuschauen. Das einzige Problem: Sie waren noch nie dort, haben keine Ahnung, wo dieses Museum liegt, und wissen nicht, wo Sie übernachten sollen.

Alles halb so wild: Starten Sie einfach auf dem PC das Programm Google Earth und geben Sie im Suchfeld "Art Institute of Chicago" ein. Auf der einen Seite des Bildschirms erscheint dann eine gewöhnliche Liste mit Suchergebnissen, mit dem Art Institute an der Spitze. Aber das eigentlich Interessante spielt sich im mittleren Fenster ab: Eine virtuelle Kamera zoomt von einem Luftbild der USA zu einem Satelliten-Foto der Innenstadt von Chicago. Wenn Sie auf den entsprechenden Eintrag bei den Suchergebnissen klicken, erscheint eine Info-Blase über dem Institutsgebäude, mit seiner Adresse und Links zu seiner Website und zum Routenplaner.

Sie wollen am O'Hare-Flughafen ein Auto mieten, also klicken Sie auf den Link für die "directions". Wenn Sie den Flughafen als Startort eingegeben haben, zoomt die Kamera ein bisschen heraus, und eine farbige Linie zeigt den Weg vom Flughafen zum Museum. Auf der linken Seite erscheint eine detaillierte Routenbeschreibung. Sie wollen die Fahrt schon mal durchspielen, also klicken Sie auf "play" - schon geht die Kamera auf eine Höhe von etwa einem Kilometer und fährt den Weg für Sie ab. Wie sich zeigt, erwartet Sie ein einfacher Weg von 27 Kilometern, hauptsächlich auf der Autobahn I-90. Aber Sie brauchen immer noch ein Hotel, also klicken Sie auf "lodging". Die Karte füllt sich mit Angeboten, und direkt um die Ecke vom Museum finden Sie ein Crowne-Plaza-Hotel. Die dazugehörige Info-Blase führt Sie zu Google Local; dort wiederum gibt es eine Karte der Umgebung und Links zu Bewertungen, Zusammenfassungen aus Reiseführern und Buchungs-Websites. Sie reservieren ein Zimmer und gehen wieder zu Google Earth. Hier können Sie für Restaurants auf "dining" klicken oder auf "buildings", wenn Sie das Stadtbild von Chicago in 3D sehen wollen. Sie stellen fest, dass nur acht Straßen vom Hotel der Sears Tower steht -- und als Architektur- Fan nehmen Sie ihn gleich in Ihre Sightseeing-Liste auf.

Vielleicht wollen Sie auch noch wissen, wie die Gegend um das Museum aussieht. Also rufen Sie geobloggers.com auf -– dort können Sie die Foto-Site Flickr nach Bildern durchsuchen, die mit Informationen über Längen- und Breitengrad der Aufnahme (geotags) versehen sind. In eine Google-Karte werden dann viele Markierungen eingespielt; wenn Sie eine davon anklicken, erscheint eine Voransicht des Fotos von diesem Ort mit einem Link zur großen Version bei Flickr. Und schließlich interessieren Sie sich dafür, wie sicher Ihr Reiseziel ist. Dazu besuchen Sie chicagocrime.org, einen kostenlosen Dienst, der ebenfalls mit Hilfe von Google Maps die Tatorte von gemeldeten Verbrechen in Chicago anzeigt. Sie zoomen auf die Kreuzung Wabash und Madison Street nahe an Ihrem Hotel. Ein paar Zwischenfälle werden angezeigt - etwas Vorsicht kann also nicht schaden, aber es gibt es keinen Grund zur Panik. Wenn Sie dann wirklich nach Chicago kommen, sind Sie bestens vorbereitet.

BROWSER FÜR DIE ECHTE WELT

Es ist noch gar nicht so lange her, da bestand die beste Vorbereitung auf so eine Reise darin, sich von einem Auto-Club eine Karte auf Papier zu besorgen, in der ein Mitarbeiter mit dem Leuchtstift den Weg eingezeichnet hatte. So etwas gibt es noch immer, aber schon seit den 90er Jahren ist es einfacher, sich den Weg selbst bei Online-Kartenanbietern wie MapQuest auszudrucken. Und heute haben wir Zugriff auf fortschrittliche geografische Visualisierungen wie die von Google Maps (gestartet in diesem Februar) und Google Earth (seit Juni). Mit Luft- und Satellitenbildern, schicken Grafiken und Animationen und örtlichen Suchfunktionen lassen die neuen Programme gedruckte Karten und auch die erste Generation der Online-Dienste alt aussehen. Dazu kommt ihre leichte Erweiterbarkeit: Für Programmierer ist es ein Kinderspiel, eigene Informationen in die Google-Karten zu integrieren.

"Ich nenne das einen Browser für die echte Welt", sagt John Hanke, Leiter von Googles Keyhole-Gruppe. Keyhole, dessen Vorstandschef Hanke bis zur Übernahme durch Google war, hat die Software hinter Google Earth entwickelt - hauptsächlich für Kunden aus den Branchen Rüstung, Ingenieurswesen und Immobilien. Als Teil von Google soll Keyhole Geografie als fundamentales Ordnungsprinzip für das Web etablieren. Die Idee hat so großes kommerzielles Potenzial, dass auch Microsoft sie verfolgt und seinen eigenen Kartensuchdienst MSN Virtual Earth gestartet hat. Auch hier gibt es Satelliten- Fotos, Zooms und die Möglichkeit, die Perspektive zu verändern. Aber der Dienst könnte ein noch größeres Publikum erreichen als Google Earth, weil er im normalen Web-Browser läuft und keinen Extra-Download benötigt. Und auch Yahoo ist mit von der Partie: Im vergangenen Jahr führte es Online- Karten ein, die zum Beispiel alle Cafés mit WLAN-Zugängen zum Internet in einer bestimmten Gegend anzeigen können.

Ganz wichtig dabei: Jedes der drei Unternehmen hat Informationen für externe Programmierer veröffentlicht, die Erweiterungen des Materials zulassen -- so genannte application programming interfaces (APIs). Entwickler machen davon regen Gebrauch, um Anwendungen wie geobloggers.com oder chicagocrime. org zu realisieren. Das geht so einfach, dass eine ganze Gemeinschaft von Karten-Machern entstanden ist, die jedes Stückchen Information "geotaggen", das sie nur kriegen können. Je mehr Web-Informationen mit den dazugehörigen Geo-Daten so entstehen, desto besser werden natürlich die Ergebnisse bei ortsbezogenen Suchen. Und nicht zu vergessen: Umso genauer lassen sich auch lokale Anzeigen einspielen.

Die Einbeziehung der Geografie könnte den Charakter des World Wide Web radikal verändern. Schon lange sprechen wir vom Web, als wäre es ein echter Ort -- wir "surfen" darin und "gehen zu" bestimmten Seiten –-, aber in Wirklichkeit war es ein abstrakter, körperloser Ort. Das ändert sich gerade. Über Geotagging wird das Web mit der echten Welt zusammengeführt. Physische Plätze werden mit Informationen erweitert. Nutzer von Mobiltelefonen und PDAs mit Technologien zur Ortsbestimmung wie GPS könnten schon bald in der Lage sein, automatisch Geschichten, Fotos oder Videos passend zu ihrer aktuellen Position abzurufen - zusammen mit Anzeigen für nahe gelegene Läden, Restaurants oder Kinos.