Klimaerwärmung als Ursache: Steigende Temperaturen ziehen Menschen in die Städte

Immer mehr Menschen leben in den Megastädten des globalen Südens. Eine neue Studie hat nun den Auslöser für die Landflucht ermittelt.

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Stadt, Sonne, Klimawandel

(Bild: jamesteohart / Shutterstock.com)

Von
  • Hanns-J. Neubert
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Seit November 2022 leben acht Milliarden Menschen auf der Erde. In sieben Jahren dürften es 8,55 Milliarden sein, von denen dann 60 Prozent in Städten leben.

Die Städte in den reichen Industrieländern bleiben von dieser Bevölkerungszunahme allerdings weitgehend verschont. Es sind die Megastädte des globalen Südens, in die es immer mehr Menschen zieht. In den größten von ihnen leben bereits heute mehr als 20 Millionen Einwohner. So im indischen Delhi mit 31 Millionen oder Dhaka in Bangladesch mit 22 Millionen. Bis 2030 wird die Bevölkerung Delhis um weitere 25 Prozent wachsen, in Dhaka sogar um 29 Prozent. Delhi wird dann mehr Menschen beherbergen als Tokio, die heute noch größte Stadt der Erde mit 37 Millionen Einwohnern. 2030 werden es in Tokio zwei Prozent weniger sein.

Schon länger beobachten Bevölkerungsforscher eine Korrelation zwischen der steigenden Erdtemperatur und der Bevölkerungszunahme in den Städten der Entwicklungsländer. Je ärmer ein Staat, desto stärker der Zuzug vom Land in die Stadt. Unklar waren bisher die Motive: ob es die Flucht vor steigenden Temperaturen sind, die Menschen zur Migration in die Metropolen treibt, ob es generell die Attraktivität von Großstädten ist, die Menschen anzieht, das Versprechen von einem besseren Leben oder ob es ganz andere Faktoren sind.

Dass es in der Tat die Klimaerwärmung ist, die die Urbanisierung vorantreibt, konnten jetzt Marc Helbling und Daniel Meierrieks vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) nachweisen. "Wir konzentrieren uns auf die globale Erwärmung, weil der anhaltende Temperaturanstieg der Ausgangspunkt für ein breiteres Spektrum ähnlich anhaltender Phänomene ist, die mit dem globalen Klimawandel in Verbindung gebracht werden", schreiben sie in ihrer Publikation.

Für ihre Analysen verwendeten Helbling und Meierrieks Temperaturdaten auf Länderebene für 118 Staaten zwischen 1960 und 2016, die sie mit nationalen Urbanisierungsraten verknüpften.

Die Autoren gingen von einem Anstieg aller Stadtbewohner von 33 auf 59 Prozent der Weltbevölkerung im Untersuchungszeitraum aus. Doch in den Städten der heißen Klimazonen verdreifachte sich Anteil der Städter. So in Nigeria, wo 1960 nur 15,4 Prozent aller Einwohner in Städten lebten, während es 2016 bereits fast die Hälfte waren. Gleichzeitig stieg in diesem Zeitraum die jährliche Durchschnittstemperatur in den sowieso schon warmen Klimazonen um rund ein Grad, in Nigeria von 26,8 auf 27,8 Grad.

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Es ist erster Linie die sinkende landwirtschaftliche Produktion, die die Menschen veranlasst, ihre Ländereien zu verlassen. Und die ist eine Folge der Klimaerwärmung.

Denn der Grund für geringere Ernten ist beispielsweise Wasserstress, der das Pflanzenwachstum beeinträchtigt und die Ausbreitung von Pflanzenschädlingen fördert. Allerdings tragen auch Ernteausfälle durch einzelne Hitzewellen, Extremregen oder Naturkatastrophen zur Landflucht bei. Doch letzten Endes überlagert die langsame, kontinuierliche Klimaerwärmung bei weitem die Wanderungsbewegungen, die kurzfristige Ereignisse auslösen.

Steigende Temperaturen lassen aber auch Menschen erkranken. Sie leiden zunehmend unter Hitzschlägen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwierigkeiten während der Schwangerschaft, Erschöpfung und Infektionen durch die Ausbreitung von Erregern und Krankheitsüberträgern, wie Insekten und Nagetieren. Die Patienten müssen sich dann mit begleitenden Angehörigen auf den Weg in die Städte machen, wo sie eher Hilfe bei Ärzten und in Krankenhäusern finden als in ihren Dörfern.

All das bezeichnen Sozialwissenschaftler als "Push-Faktoren", als Umstände, die die Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertreiben.

Zu den "Pull-Faktoren" der Metropolen, die die Menschen anziehen, gehören die Chancen auf Lohnarbeit, der Zugang zum Gesundheitswesen, kürzere Wege und vergleichsweise geringe Transportkosten.

Denn die mannigfaltige städtische Wirtschaft kann das Reservoir der vielfach unterbeschäftigten oder "überschüssigen" Arbeitskräften auf dem Land direkt anzapfen, indem sie höhere Löhne anbietet und damit die stärkere Einwanderung in städtische Gebiete befeuert.

Diese Migration bringt es aber auch mit sich, dass die Bereitstellung öffentlicher Infrastrukturen oder Gesundheitsdienste auf dem Lande noch weiter schrumpft, insbesondere wenn es wegen der sinkenden Produktivität an Ressourcen für den Ausbau öffentlicher Güter fehlt.

Oft landen die Menschen dann in den wachsenden Slums. Doch das Leben dort schreckt sie nicht ab. Offenbar überwiegen die Vorteile, die ihnen die Stadt bietet, das Elend, in prekären Behausungen leben zu müssen.

Eine solche Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. Die globale Erwärmung könne nämlich auch die soziale Stabilität von Gesellschaften untergraben, so die Autoren. Es gebe genügend Hinweise darauf, dass höhere Temperaturen Aggressionen und Gewaltverbrechen begünstigen und Bürgerkriegen erleichtern. Hinzu kommen wirtschaftliche Unzufriedenheit und zunehmende Ressourcenknappheit, wie das Verschwinden von Ackerland. So wäre der Wunsch nach Sicherheit ein weiterer Push-Faktor für das Leben in Städten, wo die Menschen sich Schutz durch Polizeipräsenz erhoffen.

Anders als sonst bei Wissenschaftlern üblich, leiten Helbling und Meierrieks aus den Ergebnissen ihrer Studie auch politische Ratschläge ab. Neben der schnellen Reduktion von Treibhausgasemissionen schlagen sie vor, den Zugang zu öffentlichen Gütern in ländlichen Gebieten zu verbessern, besonders in den allerärmsten Volkswirtschaften. Reichere Länder seien gut beraten, so die Forscher, solche Maßnahmen durch verstärkte Entwicklungs- und Technologiehilfe zu unterstützen. Dies auch deshalb, um die internationale Migration von armen in reiche Länder zu bremsen. Denn die Metropolen im globalen Süden sind auch wichtige Drehscheiben für die internationale Migration.

(jle)