Erderwärmung: Japan kämpft mit Low- und Hightech gegen den Hitzetod

Hitzewellen sind überall ein Thema. Japans Regierung will nun die Hitzetoten auf null reduzieren. Gleichzeitig wittern Unternehmen ein neues Geschäft.

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(Bild: Dmitry Rukhlenko / Shutterstock.com)

Von
  • Martin Kölling

Eine beispiellose Hitzewelle brachte im Juni nicht nur Tokios Stromerzeuger Tepco ins Schwitzen. Neun extrem heiße Tage in Folge – nach japanischer Definition mit Höchsttemperaturen über 35 Grad Celsius – brachten die größte Megacity der Welt an den Rand von Stromausfällen. Denn der Energiebedarf sprang durch Klimaanlagen stark in die Höhe. Doch auch die vermehrte künstliche Kühlung half einigen der schwitzenden Bewohnern nichts: Die Zahl der Patienten, die Hitzeschläge erlitten, stieg auf neue Rekordwerte für diese Zeit. In der Woche nach dem 27. Juni wurden über 14.000 Fälle gemeldet.

Für Japans Umweltministerium ist diese Zahl ein Rückschlag. Es hat das amtliche Ziel ausgegeben, die Zahl der Hitzetoten auf Null zu reduzieren – zumindest langfristig. In den letzten Jahren stieg die Zahl auf über 1500 Opfer pro Jahr. Dabei bemüht sich die Regierung, ihre Bürger für die Tücken der tropischen Sommer zu sensibilisieren.

Lange vor den Auswirkungen des Klimawandels war Japan zwischen Juli und September nicht nur heiß, sondern auch schwül. In der jetzigen Hitzewelle stiegen die Höchsttemperaturen allerdings in mehreren Orten auf über 40 Grad – Werte, die Japaner bisher in dieser Massierung nicht kannten. Dabei gibt es aber einen Unterschied zu Deutschland, der die Hitze noch unerträglicher macht: Es kühlt nachts noch weniger ab. Die nächtlichen Tiefstwerte liegen oft über 26 oder gar 28 Grad und damit in dem Bereich, den man in Deutschland früher hochsommerlich nannte.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Gebiete Tokios baumarmen Betonwüsten gleichen, die sich besonders stark aufheizen. Die Abwärme von zig Millionen Klimaanlagen kommt noch dazu. Laut einer japanischen Industrievereinigung wurden 2018 in Japan 10,5 Millionen Klimaanlagen verkauft, etwa 50 Prozent mehr als in ganz Europa und pro Kopf der 126 Millionen Japaner deutlich mehr als etwa in den USA oder China. Die Hitze machte die Japaner daher schon lange erfinderisch: Zum einen vergrößerten die Hersteller die Wärmetauscher der Klimaanlagen massiv, um den Stromverbrauch zu senken. Zum anderen wird mit Low- wie Hightech versucht, im öffentlichen Raum die Körper zu kühlen.

Inzwischen hat sich beispielsweise eine Mode für Männer-Sonnenschirme entwickelt, die portabel Schatten in den Hochhausschluchten der Metropolen spenden. Der traditionelle Fächer wird derweil immer öfter von kleinen, tragbaren Ventilatoren ersetzt. Wasser wird auf die Straße geschüttet, um Verdunstungskühle zu schaffen; es gibt Anlagen, die Wassernebel versprühen, was man auch aus Südeuropa kennt.

Darüber hinaus verbreiteten sich erst unter Bauarbeitern und nun auch immer mehr unter Normalbürgern Westen, in denen Ventilatoren für einen steten Luftstrom am Oberkörper sorgen. Bei Sony gibt es für über 100 Euro sogar eine Edelvariante der Idee, die für alle vier Jahreszeiten Linderung verspricht – inklusive Heizung.

Reon Pocket heißt das Gerät, das Träger in speziellen Hemden mit Einschüben oder mit einem speziellen Halter unter dem Hemdkragen zwischen den Schulterblättern tragen können. Über eine Metallplatte kühlt sie den Nackenbereich im Sommer und wärmt ihn im Winter. Und natürlich kann die Bonsai-Klimaanlage mit einer Smartphone-App gesteuert werden.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Allerdings reichen die bisherigen technologischen Adaptionen nicht mehr aus, meint die Regierung. 2021 führte das Umweltministerium ein Warnsystem gegen Hitzschlag ein. Es beruht nicht auf den erwarteten Höchsttemperaturen, sondern der „globalen Kühlgrenztemperatur“ (WBGT). Dieser Begriff bezeichnet die kühlste Temperatur, die sich an einem Ort durch Verdunstung erreichen lässt. Konkret bedeutet das, dass die Gefahrenschwelle für das Kühlsystem des menschlichen Körpers sich mit der Luftfeuchtigkeit ändert. Denn: 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit sind riskanter als 30 Grad in einem trockenen Klima.

Die höchste Warnstufe „Gefahr, körperliche Aktivitäten stoppen“ wird bei einem WBGT-Wert von mehr als 31 ausgegeben. In Japan entspricht dies in etwa Temperaturen von mehr als 35 Grad. Zwischen 31 und 35 Grad wird dann an normalschwülen Tagen eine „ernste Warnung“ ausgesprochen, mit der Bitte, schwere körperliche Belastungen zu unterlassen.

Die Empfehlungen werden dann im Land über verschiedene Kanäle verbreitet. Das Wetteramt, das Umweltministerium, aber auch TV-Sender geben mit täglichen Temperaturverläufen Auskunft, welche Tagesstunden besonders gefährlich sind. In den Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders NHK wird sogar im Wetterbericht mit bunten Bildchen vor Hitze genauso gewarnt wie vor dem Flug von Kiefern- und Zedernpollen, die zig Millionen Japaner niesen lassen.

Doch noch ist Erziehungsarbeit notwendig, um das amtliche Ziel von null Hitzetoten zu erreichen, vor allem unter Japans rasch wachsender alter Bevölkerung, die altersbedingt besonders unter Hitze leidet. Die Senioren sind „gaman“ gewohnt, also sich klaglos durch Leiden durchzubeißen und nicht aufzugeben. Es gibt daher immer noch Menschen, die Klimaanlagen nicht einschalten und dann in ihren Wohnungen sterben.

Japans Versicherer beginnen dagegen, den unvermeidlichen Klimawandel in ein Geschäft umzuwandeln. Mehrere Assekuranzen bieten inzwischen Versicherungen gegen Hitzschlag an, die Kosten für Behandlungen danach teilweise übernehmen.

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(bsc)