Klimawandel: Singapur will die Wasserunabhängigkeit

Der kleine Stadtstaat importiert sein Wasser bislang aus Malaysia. Das soll sich künftig ändern – auch wegen drohender Dürren.

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Entsalzungsanlage in Singapur.

(Bild: Keppel Infrastructure)

Von
  • Megan Tatum
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Die Mannschaft des Reservoirs von Linggiu hat Tag für Tag mit dem Meer zu kämpfen. Sie leitet deshalb Regenwasser in den Johor-Fluss im Süden Malaysias, um dessen Salzgehalt niedrig genug zu halten. Denn nur dann bleibt eine Wasserentnahme möglich.

Singapur, das den Stausee 1995 gebaut hat, hatte lange das Recht, täglich etwa 250 Millionen Liter aus dem 123 Kilometer langen Fluss zu entnehmen und damit mehr als die Hälfte seines nationalen Wasserbedarfs zu decken. Doch eine langanhaltende Trockenheit im Jahr 2016 ließ den Pegel des Reservoirs auf nur noch 20 Prozent seiner Kapazität sinken, so dass er mächtig schrumpfte und abflachte."Es bestand eine echte Gefahr für unsere Wasserversorgung", sagte Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong später. Es sei eine Erinnerung daran, "warum wir darauf bedacht sein müssen, Wasser zu sparen und jeden Tropfen zu nutzen".

Die Wasserversorgungssicherheit ist für Singapur kein neues Problem. Aufgrund der geringen Landmasse des Stadtstaates bei hoher Bevölkerungsdichte und des Mangels an natürlichen Seen oder Grundwasserleitern ist Wasser seit der Unabhängigkeit in den Sechzigerjahren zu einem Problemthema geworden.

"Obwohl wir in der Nähe des Äquators liegen und mit reichlichen Niederschlägen gesegnet sind, sind wir ein Land mit starkem Wassermangel, weil es uns an Land fehlt, um das gesamte Regenwasser aufzufangen und zu speichern", erklärt Harry Seah, stellvertretender Geschäftsführer für den Betrieb des Public Utilities Board (PUB), Singapurs nationaler Wasserbehörde. Im Jahr 2015 stufte das World Resources Institute das Land als eines der am stärksten von Wassermangel bedrohten Länder ein – auf einer Stufe mit den sehr trockenen Ländern Bahrain, Katar und Kuwait.

Seit Jahrzehnten deckt Singapur aufgrund der Problematik einen Großteil seines Bedarfs durch Vereinbarungen über den Import von Wasser aus dem benachbarten Malaysia. Eines dieser Abkommen ist schon 2011 ausgelaufen. Eine neue Vereinbarung, die es dem Land ermöglicht, Wasser auf Dauer aus dem Linggiu-Reservoir zu beziehen, wird weiter verhandelt.

Und der Stausee bleibt anfällig – nicht wegen der Dürren, sondern auch aus politischen Gründen. "In der Vergangenheit gab es immer wieder Reibereien zwischen den beiden Ländern Malaysia und Singapur, bei denen das Wasser ein Streitpunkt war", sagt Stuti Rawat, Postdoktorandin in der Abteilung für Asienstudien an der Education University of Hong Kong. Im Jahr 2018 signalisierte Mahathir Mohamad, der damalige Premierminister Malaysias, seine Pläne, das Linggiu-Abkommen neu zu verhandeln, und bezeichnete es als "zu kostspielig". Die aktuellen Bedingungen – wonach Singapur nur drei Sen (weniger als einen US-Cent) pro 3800 Liter zahlt – als "offensichtlich lächerlich". "Aus diesem Grund war es für Singapur sehr wichtig, sich um eine eigene, unabhängige Wasserversorgung zu bemühen", sagt Rawat.

Der globale Temperaturanstieg hat der Situation eine neue Dringlichkeit verliehen. "Mit dem Klimawandel erwarten wir mehr extreme Wetterlagen mit intensiveren Regenfällen und längeren Trockenperioden, wie sie in den USA, China, Indien und vielen anderen Teilen der Welt zu beobachten sind", sagt Seah. Diese volatilen Muster bedeuten, dass sich das Land nicht mehr darauf verlassen kann, dass die Regenfälle den Stausee vorhersehbar füllt.

Die PUB hat die Menschen Singapurs deshalb dazu aufgerufen, Wasser zu sparen. Bis 2023 sollen rund 300.000 intelligente Wasserzähler in den Haushalten installiert werden, die mit Hilfe von Digitaltechnik den Verbrauch überwachen und Lecks melden. Aber das Land beschleunigt auch seine Bemühungen, eigene Wasserquellen zu finden. Die PUB hat sich verpflichtet, die inländische Versorgung mit sauberem Trinkwasser bis 2060 zu verdoppeln, womit sich Singapur nahezu selbst versorgen könnte. Entscheidend ist, dass dies ohne erhöhten Energieverbrauch erreicht wird.

Die Entsalzungsanlage "Keppel Marina East", die sich auf aus dem Meer gewonnenen Land im Gebiet Marina East in Singapur befindet, ist ein Monument für diese Bemühungen. Die im Juni 2020 eröffnete Anlage ist in der Lage, täglich 110 Millionen Liter sauberes Wasser zu produzieren. Die Anlage, die im Rahmen eines Regierungsauftrags im Wert von schätzungsweise rund 345 Millonen US-Dollar gebaut wurde, erzeugt Frischwasser mit deutlich weniger Energiebedarf als eine typische Entsalzungsanlage. Das liegt daran, dass die Anlage in zwei Betriebsarten arbeitet: In feuchten Zeiten wird Regenwasser, das sich in einem nahe gelegenen Stausee sammelt, angesaugt und aufbereitet, während in trockenen Zeiten nur Meerwasser verarbeitet wird. Beide Wasserarten werden durch eine Kombination aus Ultrafiltration, Umkehrosmose und ultravioletter Strahlung in Trinkwasser umgewandelt.

Die Anlage, eine der ersten weltweit, die ein solches duales System einsetzt, ist ein Beispiel dafür, "wie Singapur bei der Wasserbewirtschaftung immer wieder neue Wege beschreitet", sagt JianYuan Ling, Leiter der Abteilung Energiewirtschaft für Singapur bei ABB, dem Unternehmen, das hinter einem Teil der Technik steht, auf der die Anlage aufbaut. Damit hat das Land seine Lieferanten durchaus herausgefordert. "Effizienz ist definitiv die oberste Priorität", sagt Ling. "Dies ist ein nationales Projekt, das ganze Land schaut zu." Keppel sei aber nur "ein Teil des großen Plans", Singapur in Sachen Wasser autark zu machen. Das andere Element ist eine massive Kampagne zum Abwasserrecycling, die das Land durchführt. Singapur gewinnt bereits 40 Prozent seines Wassers aus Abwässern. Bis 2060, so hofft man, wird dieser Anteil auf 55 Prozent steigen.

Das Juwel dieses Plans ist das 2009 eröffnete Changi Water Reclamation Plant. Ein Großteil der Anlage befindet sich unterirdisch (einige Teile sind 25 Stockwerke tief) und saugt das Abwasser durch einen 48 Kilometer langen Tunnel an, der mit dem Kanalisationsnetz des Landes verbunden ist. Das System ist in der Lage, bis zu 900 Millionen Liter Abwasser pro Tag zu reinigen. Dabei kommen Membrantechniken zum Einsatz, um mikroskopisch kleine Partikel und Bakterien herauszufiltern, Umkehrosmose, um winzige Verunreinigungen zu entfernen, und schließlich UV-Desinfektion, um verbleibende Viren und Bakterien zu vernichten. Die Rückgewinnung sei der Schlüssel zur Überwindung der Flächenbeschränkungen bei der Speicherung von Wasser, sagt PUB-Manager Seah.

Der nächste Schritt für Singapur ist die weitere Senkung des Energieverbrauchs für die Filterung und Entsalzung. In einer Forschungs- und Entwicklungseinrichtung im Industriegebiet Tuas testet die PUB beispielsweise eine neue Technologie, die elektrische Felder nutzt, um gelöste Salze aus dem Meerwasser zu ziehen – ein weniger energieintensiver Prozess als die übliche Umkehrosmose. Ebenfalls in der Entwicklung ist eine biomimetische Membran, die natürliche Proteine aus Zellen nutzt, um die gleiche Aufgabe zu erledigen. Solche energiesparenden Strategien werden benötigt, wenn Singapur eine Wasserautarkie erreichen will. Und die kann nicht früh genug kommen: Die Bevölkerungszunahme und das industrielle Wachstum werden den Wasserbedarf des Landes bis 2060 wohl verdoppeln.

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(bsc)