Klimawandel: Wie man am besten über Worst-Case-Szenarien informieren sollte

Klimaforscher sollen extreme Szenarien erforschen. Was wissenschaftlich und politisch wichtig ist, könnte Menschen verunsichern – oder auch anspornen.

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(Bild: Shutterstock)

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  • Hanns-J. Neubert

Endgame (Endspiel) ist ein Drama des irischen Schriftstellers Samuel Beckett von 1956. Es spielt in einer teilweise verbrannten Welt, wo hier und da ein paar Menschen überlebt haben. Endgame findet sich auch in Titeln zahlreicher Filme und Fernsehserien, die nach der Jahrtausendwende entstanden, als der Klimawandel Thema wurde. Und zuletzt setzte sich – wenngleich nicht explizit im Titel – der Film "Don't look up" mit einer globalen Apokalypse auseinander, die den politischen, medialen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel persifliert, sozusagen ein "Climate Endgame".

Unter genau diesem Titel veröffentlichte gerade eine Gruppe von Klimaforschern um Luke Kemp einen Perspektivenbeitrag, in dem sie sich dafür einsetzt, das die Klimawissenschaften auch die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise in den Blick nehmen sollten. Sie hätten sich bisher zu sehr auf nahelegende Klimaentwicklungen konzentriert. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Massenaussterbens der Menschen durch den selbstgemachten Klimawandel äußerst gering sei, so sei es eben auch nicht völlig auszuschließen.

Kemp arbeitet am Zentrum zum Studium existenzieller Risiken an der Universität Cambridge. Am Paper mitgeschrieben haben aber auch Hans Joachim Schellnhuber, ehemals einer der Direktoren des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Johan Rockström, sein Nachfolger. Schellnhuber wurde durch sein Buch "Selbstverbrennung" populär, Rockström durch sein Konzept der planetaren Belastungsgrenzen (Planetary Boundaries).

Momentan ist die Erde bis 2100 auf dem Weg in eine um 2,1 bis 3,9 Grad wärmere Welt als vor 1850. Sollten alle national vereinbarten Beiträge zur Emissionsreduktion bis 2030 eingehalten werde, würde die Weltmitteltemperatur bis dahin immer noch um 1,9 bis 3 Grad gegenüber vorindustriellen Temperaturen steigen. Davon gehen allerdings nur noch die optimistischeren der Modellszenarien aus.

Das schließe nicht aus, dass auch besonders extreme Klimaänderungen eintreten können, so das Autorenteam. Es gebe Rückkopplungen, die in den Modellen oft nicht berücksichtigt würden, beispielsweise Methan aus tauenden Permafrostböden oder Kohlenstoffverlust durch Brände im Amazonasgebiet. Auch könnten die kühlenden Stratocumulus-Wolkenfelder bei den CO2-Konzentrationen, die die Modelle für 2100 prognostizieren, plötzlich verschwinden. Das würde die Erwärmung um ungefähr dramatische acht weitere Grad nach oben treiben.

Das Ausmaß des Klimawandels sei also nach wie vor ungewiss, selbst wenn die künftigen Treibhausgaskonzentrationen bekannt sind. Deshalb schlagen die Autoren ein Aktionsprogramm für eine "Climate Endgame"-Forschung vor, die die Auswirkungen extremer Klimafolgen zu genauer ergründen soll.

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Deutsche Klimaforscher und -kommunikatoren begrüßen den Vorstoß der Cambridger Gruppe durchaus. So wie Carl-Friedrich Schleussner, Leiter der Forschungsgruppe Zeitliche Entwicklung von Anpassungshindernissen und ihre Bedeutung für klimabedingte Verluste und Schäden am Integrativen Forschungsinstitut zum Wandel von Mensch-Umwelt-Systemen der Humboldt-Universität Berlin.

Er stellt selbstkritisch fest: "Wir betrachten im Moment meist die Risiken von Klimawandel in einer sonst idealisierten und konfliktfreien Welt. Die Realität ist eine andere. Im Jahr 2022 und leider vermutlich auch über lange Zeit im 21. Jahrhundert."

Aber er wehrt sich gegen die Behauptung der Endgame-Autoren, dass die Klimaforschung sich vor allem auf Risiken bei einer Erwärmung um 1,5 und 2 Grad fokussiere. Er kann belegen: "Die mit großem Abstand meisten wissenschaftlichen Studien untersuchen Klimafolgen bei extremen Erwärmungsszenarien."

Gesellschaftliche Risikofaktoren sollten aber systematischer einbezogen werden, bemerkt er kritisch an. Denn das "Climate Endgame" habe in vulnerablen Staaten schon längst begonnen: "Die Perspektive der Hauptbetroffenen aus dem globalen Süden scheint in der Agenda der Autorinnen und Autoren kaum eine Rolle zu spielen."

Anders der Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann, Professor an der Universität Hamburg. Er findet, dass sich Klimaforscher zwar mit extremen Szenarien auseinandersetzen müssten, hält es aber für die öffentliche Debatte wichtiger, sich auf die wahrscheinlichen Risiken zu konzentrieren. "Diese sind schon gravierend genug und fordern Politik und Bürgerinnen und Bürger genug heraus."

Genauso kann er den Perspektiven-Autoren auch nicht darin zustimmen, wenn sie in der Katastrophenforschung auch eine erfolgreiche Schocktherapie für die öffentliche Wahrnehmung sehen: "Was die Menschen mental eher überfordert, sind Spekulation über noch extremere Gefahren, die uns auch noch drohen könnten." Denn das Autorenteam geht davon aus, dass Wissen um den schlimmsten Fall zum Handeln zwingen könne.

Diesem Argument kann Reinhard Mechler aber durchaus etwas abgewinnen. Er ist Leiter der Forschungsgruppe für systemische Risiken und Resilienz am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg, Österreich. Forschung zu Extremereignissen sei besonders relevant, da es aufgrund des hohen Risikopotenzials eher um Vermeidung statt Akzeptanz des Risikos gehen sollte. Mechler ist überzeugt: "Dies würde dann die Notwendigkeit zu massiver Treibhausgasvermeidung untermauern."

Die Extremklimaforscher stehen also vor einem Kommunikationsdilemma, wie Philipp Schrögel vom Käte Hamburger Centre for Apocalyptic and Post-Apocalyptic Studies der Universität Heidelberg feststellt: "Einerseits können eindringliche Szenarien in der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeitsökonomie durchdringen und Dringlichkeit vermitteln. Andererseits können Einzelne davon überwältig werden, sehen keine individuellen Handlungsperspektiven und ignorieren die Szenarien."

Fundierte Szenarien, die auch katastrophale Entwicklungen abdecken, hält Schrögel für die Grundlage zur Vermittlung des steigenden Handlungsdrucks. Er sagt: "Eine große Herausforderung ist aber, in dem bereits stark politisierten und emotionalisierten Feld eine Basis für eine inhaltliche Auseinandersetzung zu finden."

(jle)