Klimawandel hat Wohlstandsschere bereits vergrößert

Eine Stanford-Studie zeigt, wie lange die Erderwärmung schon für wirtschaftliche Ungleichheit sorgt und vor allem arme Länder benachteiligt. Wohlhabende Nationen sind allerdings nicht aus dem Schneider.

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Klimawandel hat Wohlstandsschere bereits vergrößert

(Bild: Photo by Patrick Hendry on Unsplash)

Von
  • James Temple

Zahlreiche Studien haben vorausgesagt, dass arme Länder vom Klimawandel am stärksten betroffen sein werden. Eine neue Analyse zeigt nun, dass dies bereits seit Jahrzehnten der Fall ist. Wie die Klimawissenschaftler Noah Diffenbaugh und Marshall Burke von der Stanford University im Fachjournal „PNAS“ (Proceedings of the National Academy of Sciences) schreiben, haben die steigenden Temperaturen zwischen 1961 und 2010 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Person der ärmsten Länder der Welt um bis zu 31 Prozent verringert.

Das wiederum vergrößerte die Diskrepanz in der Wirtschaftsleistung zwischen armen und reichen Nationen um 25 Prozent mehr als es in einer Welt ohne globale Erwärmung geschehen wäre. Dadurch verlangsamte sich in jenem halben Jahrhundert das Abnehmen der Ungleichheit. Die Ungleichheit wird durch die Tatsache verstärkt, dass diejenigen Nationen unter den schlimmsten wirtschaftlichen Auswirkungen leiden, die den geringsten Kohlendioxidausstoß verursachen. Von den 19 wohlhabenderen Ländern, in denen die historischen Emissionen geteilt durch die die heutige Bevölkerungszahl 300 Tonnen übersteigen, haben bisher 14 wirtschaftlich profitiert. Diese Länder wiesen einen Median von 13 Prozent mehr Wirtschaftsleistung pro Person auf, stellten die Stanford-Forscher in der Studie fest.

Und das ist nur das Ergebnis eines globalen Temperaturanstiegs von etwa einem Grad. Weitaus schlimmere Veränderungen werden folgen. Schätzungen des UN-Klimarates zufolge könnte sich der Planet bis 2030 sogar um anderthalb Grad und bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als vier Grad erwärmen.

Für die Studie verglichen die Forscher das Wirtschaftswachstum im untersuchten Zeitraum mit einer Reihe von Modellierungsergebnissen, die eine Welt simulieren, in der es in den letzten Jahrzehnten nicht heißer wurde. Ärmere Nationen leiden zum Teil schlimmer unter Auswirkungen des Klimawandels, weil sie bereits in heißeren Teilen der Welt wie in Afrika, Südasien und Zentralamerika liegen. An solchen Orten kann ein Temperaturanstieg die Arbeitsproduktivität und die landwirtschaftlichen Erträge schnell senken, während Gewalt, Kriminalität, Suizide, Krankheit und Sterblichkeit zunehmen. Diese Auswirkungen wurden in vielen Studien, einschließlich in früheren Arbeiten von Burke, festgestellt. Außerdem haben dieselben Länder oft nicht das Geld, um in Instrumente, Infrastruktur und Programme zu investieren, mit denen sich diese Gefahren bekämpfen lassen.

Allerdings kann ein wenig Erwärmung kühlere und gemäßigte Länder näher an das „empirische Optimum“ bringen, in dem Produktivität und landwirtschaftliche Erträge tatsächlich steigen. In Norwegen beispielsweise erhöhte die Erwärmung das BIP pro Kopf wahrscheinlich um 34 Prozent gegenüber dem, was die skandinavische Nation in einer Welt ohne globale Erwärmung erlebt hätte. Indien wiederum 31 Prozent weniger Wachstum verzeichnete, als dies sonst der Fall gewesen wäre.

Das bedeutet allerdings nicht, dass reichere Nationen aus dem Schneider sind. Verschiedene Teile der USA kämpfen bereits mit häufigeren oder extremeren Wetterereignissen wie Wirbelstürme, Dürren und Waldbrände, die stark mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden. Viele weitere Studien haben ergeben, dass die Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten verheerende Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der meisten Nationen haben wird (auch wenn einige mit sehr frostigem Wetter, vor allem Kanada und Russland, ökonomisch besser abschneiden könnten).

Je besser die Auflösung der Klimamodellierungen wird, desto deutlicher zeigt sich, wie unterschiedlich sich der Klimawandel in verschiedenen Ländern auswirken wird. Eine Studie von Solomon Hsiang an der University of California in Berkeley von 2017 hat ergeben, dass die heißeren Regionen des Südens in den USA überproportional stark unter hohen Emissionsszenarien leiden werden, was zu einer massiven Verschiebung des Wohlstands in Richtung Norden und Westen und damit zu einer noch höherem wirtschaftlichen Ungleichgewicht führen würde.

Diese starke Variation der wirtschaftlichen Konsequenzen dürfte Art und Weise, wie Nationen und Regionen zur Bewältigung der drohenden Gefahren zusammenarbeiten – oder auch nicht – erheblich erschweren.

(vsz)