Klimawandel verstärkt Indiens brutale Hitzewellen

Temperaturen über 43 Grad sind äußerst unangenehm – besonders, wenn es an Klimaanlagen fehlt. Untersuchungen zeigen, wie das mit der Erderwärmung korreliert.

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Sonne, Hitze, Lichtreflexe

(Bild: Mykola Mazuryk/Shutterstock.com)

Von
  • Casey Crownhart

In Indien, aber auch in Pakistan, hat die heiße Zeit begonnen: In den letzten Tagen gab es erste Hitzerekorde. In einigen indischen Bundesstaaten wurden Temperaturen von über 43 °C gemessen, und im Nordwesten des Landes dürften die Temperaturen in den kommenden Tagen noch höher steigen, so die Wetterbehörde Indian Meteorological Department (IMD). Dabei ist erst Ende April.

Extreme Hitze kann tödlich sein – insbesondere in einer Region, in der viele keinen Zugang zu Kühlmöglichkeiten haben. Der Klimawandel führt wiederum dazu, dass Hitzewellen immer häufiger und heftiger auftreten und sich die heißen Tage in Regionen wie Südasien immer länger hinziehen.

Die indische Hitzewelle ist wegen ihres frühen Zeitpunkts und ihrer Ausdehnung besonders besorgniserregend, meint Arpita Mondal, eine Klimaforscherin am Indian Institute of Technology in Bombay. Normalerweise erreichen die Temperaturen in der Region erst von Mai bis Juni ihren Höhepunkt, kurz bevor der Monsunregen dann für Erleichterung sorgt, erklärt sie. Dieses Jahr war es besonders früh besonders heiß. Schon im März kam es bei einer Durchschnittstemperatur von 33,1 °C zum heißesten dritten Jahresmonat seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Das Problem dehnt sich weiterhin auch landesweit aus und betrifft nicht nur die typischen Wärmegebiete im Nordwesten und Südosten, sondern auch Regionen, die so viel extreme Hitze nicht gewohnt sind, sagt Mondal. Und die Auswirkungen sind sogar noch krasser als sie es sonst wären, weil es in dieser Saison bisher zu wenig geregnet hat.

"Das ist Teil eines umfassenderen Signals des Klimawandels", meint Amir Agha-Kouchak, Klimaforscher an der University of California, Irvine. Nach Angaben der Weltbank stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur in Indien zwischen 1901 und 2020 um 0,62 °C alle 100 Jahre. Und die Höchsttemperaturen sind sogar noch schneller gestiegen, nämlich um 0,99 °C pro 100 Jahre. "Die Menschen denken, dass ein oder zwei Grad nicht ins Gewicht fallen", sagt Agha-Kouchak, aber wenn die Durchschnittstemperaturen auch nur geringfügig ansteigen, bedeutet dies, dass extreme Ereignisse wahrscheinlicher werden.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf das Wetter sind manchmal schwer zu bemerken. Bei Hitzewellen sind die Forscher jedoch "sehr zuversichtlich", dass ihre Einschätzung stimmt, dass der Klimawandel das Problem verschlimmert, so Agha-Kouchak.

Zu viel Wärme kann verheerende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben – im Jahr 2019 wurden weltweit 356.000 Todesfälle mit extremer Hitze in Verbindung gebracht. Das Risiko ist für ältere Menschen und Kinder am größten – aber jeder, der keinen ausreichenden Zugang zu Kühlmöglichkeiten hat, kann betroffen sein. Das gilt insbesondere, wenn die Hitze tagelang anhält und auch nachts nicht nachlässt.

Vorhersage- und Frühwarnsysteme könnten den Menschen helfen, sich auf extreme Hitze vorzubereiten. Und der indische Wetterdienst IMD hat in den letzten Jahren begonnen, sich auf die Prognose von Hitzewellen zu konzentrieren, sagt Mondal.

Die Realitäten eines Entwicklungslandes bedeuten jedoch, dass viele Menschen bei Hitzewellen in Indien immer noch in Gefahr geraten werden. Im Jahr 2019 verfügten nur etwa 7 Prozent der indischen Haushalte über eine Klimaanlage. Und für Menschen, die auf ein Einkommen aus Lohnarbeit außerhalb ihres Hauses angewiesen sind, ist es möglicherweise keine Option, drinnen zu bleiben, wenn die Temperaturen ihren Höhepunkt erreichen, sagt Mondal.

Einige Kommunalverwaltungen versuchen mittlerweile, sich an die extreme Hitze anzupassen. Ahmedabad, eine Stadt im Westen Indiens, erlebte im Mai 2010 eine besonders verheerende Hitzewelle: Die offizielle Zahl der Todesopfer lag bei 800, und bis zu 1.300 Todesfälle wurden indirekt darauf zurückgeführt. Im Jahr 2013 führte die Stadt einen "Hitzeaktionsplan" ein, der Frühwarnsysteme für die Einwohner, Schulungen für medizinisches Fachpersonal und technische Anpassungen zu einer natürlichen Kühlung von Gebäuden umfasste.

Seitdem haben andere indische Kommunalverwaltungen nachgezogen und eigene Pläne erstellt, aber viele Betroffene hoffen auf mehr nationale Maßnahmen, um den Menschen bei der Anpassung an die heiße Realität zu helfen, sagt Mondal.

Die Senkung der Emissionen soll dazu beitragen, die schlimmsten zukünftigen Erwärmungsszenarien zu verhindern, aber die Gegenwart ist für viele bereits schwer zu ertragen. Und die tödlichen Hitzewellen in Indien sind nur ein Beispiel dafür, wer am stärksten vom Klimawandel betroffen sein wird.

"1,4 Milliarden Menschen werden von dieser Hitzewelle betroffen sein, von denen die meisten nur wenig selbst zur globalen Erwärmung beigetragen haben", sagt Mondal. Da sei es keine Frage mehr, "warum sich die Menschen um den Klimawandel kümmern sollten".

(bsc)