Kommentar: Amerika hat sich disruptiert

Lange galt Amerika als Hort des Optimismus und Europa – allen voran Deutschland – als die Höhle der Zukunftsängstlichen. Nun dreht sich die Stimmung.

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(Bild: Reimund Bertrams, gemeinfrei)

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Zwei aktuelle Umfragen zeigen, wie gründlich sich die Stimmungslage gerade verschiebt: Einer regelmäßigen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge waren im Juni nur 20 Prozent der US-Amerikaner zufrieden mit dem, wie die Dinge in ihrem Land laufen. Es ist ein neuer Tiefpunkt, aber er hat sich lange vorher angedeutet: Januar 2004 war der letzte Monat, in dem die Mehrheit der Amerikaner zufrieden mit ihrem Land war.

Robert Thielicke ist Chefredakteur von "Technology Review" und bemerkt einen Stimmungsumschwung in den USA und Deutschland.

In Deutschland hingegen vertrauen aktuell 78 Prozent der Befragten darauf, dass Deutschland künftige Herausforderungen meistern kann. Nur 16 Prozent stimmen der Aussage zu: "Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für Deutschland", so Umfragedaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die derzeit wöchentlich die Stimmung abfragt. Seit Beginn der Corona-Krise im März pendeln die Ergebnisse um diesen Wert. Noch erstaunlicher ist, dass vor der Krise ein Drittel eher schwarz sah, der Optimismus also gewachsen ist.

TR 8/2020

Bisher sind das nur erste Anzeichen. Aber auch andere Ereignisse zeigen, wie die USA sich langsam zu einem Land der Pessimisten entwickeln. Die oft toxische Kultur in den sozialen Medien hat den Glauben erschüttert, dass neue Technologien die Welt wirklich besser machen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass der Staat nicht mehr in der Lage ist, seine Bürger zu schützen. Die Gig Economy von Uber und anderen Plattform-Betreibern hat die Zuversicht gebrochen, dass wachsender Reichtum wirklich allen zugutekommt. Und spätestens die Bewegung Black Lives Matter hat deutlich gemacht, wie selektiv der amerikanische Traum in Wahrheit ist.

Sogar im Silicon Valley greift die Zukunftsangst um sich, und wie es der Region geziemt, gleich in der Extremversion: 2017 veröffentlichte das Tech-Magazin "Wired" eine Geschichte über Superreiche, die sich für die Apokalypse wappnen. Der Mitgründer und CEO von Reddit, Steve Huffman, etwa ließ sich die Augen lasern – und zwar nicht aus Eitelkeit oder Bequemlichkeit, sondern weil er fürchtet, keine Kontaktlinsen oder Brillen mehr zu bekommen, wenn "die Welt untergeht – und nicht nur dann, sondern wenn eine größere Notlage eintritt".

Andere gehen noch weiter und richten sich Bunker ein oder kaufen eine Zuflucht in so entfernten Regionen wie Neuseeland. Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn, schätzte in dem Artikel, dass mehr als die Hälfte seiner Milliardärskollegen im Silicon Valley diese Art der Apokalypse-Absicherung besitzen.

Was für die Superreichen der Luxus-Bunker ist für Trump-Anhänger die Mauer zu Mexiko oder das mitunter tödliche Durchgreifen der Polizei gegenüber Verdächtigen: eine vermeintlich notwendige Maßnahme, um sich vor dem Auseinanderbrechen der Ordnung zu schützen. Sie sind Zeichen von Angst, und Angst macht pessimistisch. Unsere US-Kollegen titelten in ihrer aktuellen Ausgabe: "Pandemie, Desinformation, Ungleichheit, Unruhen: Wie die Technologie uns im Stich gelassen hat". Amerika hat sich disruptiert, leider ist nun ein Scherbenhaufen übrig.

Wie anders ist die Stimmung in Deutschland. Das Land befindet sich zweifellos im Krisenmodus. Wer in der Krise jedoch gut 31 Milliarden Euro zusätzlich für Technologien wie Wasserstoff oder künstliche Intelligenz lockermacht, hat die Hoffnung auf die Zukunft noch nicht ganz aufgegeben. Das symbolträchtigste Zeichen eines wiedererwachten deutschen Gestaltungswillens aber setzten im Juni die Grünen. Die Partei will ihre Position zur grünen Gentechnik neu bewerten. In einem Debattenbeitrag schrieben 22 Mitglieder: "Neue Gentechnik in der Landwirtschaft steht nicht per se für weniger oder mehr Nachhaltigkeit, sondern kann potenziell für beides genutzt werden." Noch vor zwei Jahren wäre diese Position undenkbar gewesen.

Die Frage ist natürlich, ob es so bleibt. Dauert die Krise in Deutschland an, sinkt die Stimmung mit Sicherheit. Und möglicherweise wird die Präsidentenwahl im November Amerika aus seinem Pessimismus holen. Aber wahrscheinlich ist es nicht. Zu unterschiedlich sind die strukturellen Voraussetzungen beider Gesellschaften derzeit. Zu tief liegen in den USA die Ursachen für die Lage, zu groß ist die Ungleichheit in zu vielen Bereichen des Lebens – von der Gesundheitsversorgung über die Bildung bis zum Einkommen. Auch ein neuer Präsident wird Jahre brauchen, das zu ändern. Es werden genau jene Jahre sein, die über die weitere technologische Entwicklung bestimmen – von Maßnahmen gegen den Klimawandel bis zum Umgang mit künstlicher Intelligenz. Damit wird der Stimmungswandel seine Spuren hinterlassen im Gefüge der Nationen. Der Antrieb zur Gestaltung der Zukunft verschiebt sich nach Osten, nach Asien und Europa – wenn die EU geeint durch die Krise kommt.

(jle)