Kommentar FFP2-Masken: Zu wenig Studien, keine Nutzungsschulung

In einer Metaanalyse fand die ECDC keinen Zusatznutzen für die Bevölkerung. Zudem seien die Masken schwer richtig anzulegen. Warum wird das nicht gelehrt?

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Eine KN95-Maske aus China.

(Bild: Greenvalley Picture on Unsplash)

Von
  • Veronika Szentpétery-Kessler

Auf den ersten Blick ist es eine einfache Entscheidung. FFP2-Masken filtern virenbeladene Aerosole viel besser als medizinische oder Stoffmasken. Wenn ihr Tragen also etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Pflicht wird, klingt das für die Sars-CoV-2-Bekämpfung durchaus sinnvoll.

Dem steht allerdings die Expertenwarnung entgegen, dass FFP2-Masken ihren vollen Nutzen nur dann entfalten, wenn sie lückenlos eng anliegen. Nichtmediziner könnten sie aber nicht richtig anlegen und Menschen mit Atemwegserkrankungen fiele damit das Atmen schwer. Soweit ist die Sachlage nicht neu.

Kürzlich kam nun auch das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC) zu dem Schluss, dass FFP2-Masken für die breite Bevölkerung keinen ausreichenden Zusatznutzen gegen das neue Coronavirus böten. Damit habe auch eine Tragepflicht keine Grundlage. Am 15. Februar veröffentlichte die ECDC eine entsprechend aktualisierte Empfehlung zum Maskentragen.

Eine systematische Prüfung der Studienlage habe ergeben, dass nur eine einzige Untersuchung den Einsatz von FFP2-Masken in der Bevölkerung mit ausreichend guter Methodologie unter die Lupe genommen habe – in dem Fall ging es um die Auswirkung auf die Grippeausbreitung. „Die Studie hat keinerlei Vorteile für das Tragen von FFP2-Masken gegenüber medizinischen Masken gezeigt“, sagt der auf Infektionskrankheiten und klinische Epidemiologie spezialisierte Arzt Diamantis Plachouras von der ECDC. „Wir sagen nicht, dass sie nicht genauso gut sind wie medizinische Masken, wir raten von ihrem Einsatz in der Bevölkerung auch nicht ab“, relativiert Plachouras. Aber die Gesamtbeweislage gäbe einfach keinen Vorteil her.

So sehr das rein formal auch stimmen mag, es lässt einen zunehmend unzufrieden zurück. Warum es mehr als ein Jahr nach Pandemiebeginn keine besseren Studien zum öffentlichen Einsatz von FFP2-Masken gibt, ist nur das eine. Noch mehr frage ich mich aber, warum – ob verpflichtend oder nicht – keinerlei Einweisung in die richtige Handhabung für die Allgemeinbevölkerung stattfindet? Wer das Glück hat, FFP2-Masken zugeteilt zu bekommen, wird damit meist alleingelassen.

Ein Kommentar von Veronika Szentpétery-Kessler

Veronika Szentpétery-Kessler ist gelernte Biologin und schreibt über Medizin(techik), Biotechnologie und benachbarte Themen-Biotope.

Statt abgeschrieben zu werden, würde ich aber lieber mitgenommen. Ist es tatsächlich nicht möglich, dass jeder der gewillt ist, im Auswählen des am besten passenden FFP2-Modells und dem richtigen Anlegen der Maske geschult wird und man so viel Zusatznutzen daraus zieht, wie nur möglich?

Zugegeben, der Prozess ist etwas aufwändig. Man muss erst das Modell finden, das am ehesten zur Größe und der Form des Gesichts passt, sagt Plachouras. Anschließend muss man bei jedem Anlegen sicherstellen, dass die Maske vollkommen dicht sitzt. „Wenn man dann einatmet, fühlt man, dass die Maske angesaugt wird, ganz ähnlich wie bei einer Schnorchelmaske.“

Diese Abdichtung herzustellen bereitet wohl auch medizinischem Personal so häufig Schwierigkeiten, dass die Studienlage zum FFP2-Zusatznutzen der ECDC zufolge auch bei ihnen wenig überzeugend aussieht.

Nur: Wenn man die Infektionsausbreitung effektiver bekämpfen will, sollte man den Schulungsaufwand nicht doch betreiben? „Eine massive Öffentlichkeitskampagne, die den Menschen zeigt, wie man die FFP2-Masken richtig anlegt, wäre sehr wertvoll – etwas von der Größe der Anti-Rauchen- und Safer-Sex-Kampagnen“, sagt Linsey Marr von der US-Universität Virginia Tech. Die Bau- und Umweltingenieurin erforscht neben den Auswirkungen von freigesetzten Nanopartikeln inzwischen auch das Verhalten von Bioaerosolen in der Luft.

Ein guter Effekt der Masken hänge zwar gleichermaßen von der Kombination einer guten Filterleistung und einem guten Sitz ab, so Marr. Denn Aerosole könnten selbst durch kleine Spalte leicht eindringen. Das Maskenanlegen sei trotzdem nicht zu tricky. „Wenn Sie einen Fahrradhelm richtig anlegen können, bei dem der Sitz auf dem Kopf und die richtige Positionierung der Bänder wichtig ist, sollten Sie auch in der Lage dazu sein, eine FFP2-Maske richtig anzulegen“, sagt die Ingenieurin.

Es ist klar, dass FFP2-Masken selbst mit Schulung nicht für jeden gleich gut praktikabel wären und bei bestimmten Krankheiten das Atmen erschweren mögen. Schwerer zu verstehen ist aber, warum ein mangelhafter Sitz bei FFP2-Masken schwerer wiegt als bei medizinischen und Stoffmasken. Plachouras versteht das Kopfkratzen durchaus und verweist auf die neue CDC-Empfehlung, die Maßnahmen für ein engeres Anliegen enthält.

Insgesamt spielten Masken nach wie vor – in Kombination mit allen anderen Maßnahmen wie etwa gründlichem Händewaschen und Abstandhalten – eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Virenausbreitung. Es würde sich nur besser anfühlen, wenn man mit besseren Masken noch mehr dafür tun könnte.

(vsz)