Kommentar: Präziser diskutieren - über die Unterscheidung von Mittel und Zweck

Mittel und Zweck in Diskussionen durcheinanderzubringen ist bestenfalls Zeitverschwendung, schlimmstenfalls Manipulation. Zum Beispiel bei der Energiewende.

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Auch in der Tierwelt streitet man sich gern.

(Bild: Photo by cloudvisual on Unsplash)

Von
  • Gregor Honsel

Vielen Diskussionen würde es helfen, besser zwischen Mittel und Zweck zu unterscheiden. Zum Beispiel die um die Energiewende. Ihr Zweck ist in erster Linie die Bekämpfung des Klimawandels. Die Notwendigkeit dazu dürfte im Jahr 2021 außer Frage stehen. Etwas anderes sind Themen wie Power-to-X, Wasserstoff, CO2-Speicherung, Geo-Engineering, Windkraft, Photovoltaik, Netzausbau oder E-Mobilität. Dies sind Mittel zum Zweck – und damit durchaus diskutabel.

Die unsaubere Trennung von Mittel und Zweck ist im besten Fall ermüdend, im schlechtesten Fall perfide und manipulativ. Beispiele dafür liefert etwa Elisabeth Holmes, Gründerin des gescheiterten Gesundheits-Einhorns Theranos. Der Journalist John Carreyrou hat beschrieben, wie Holmes potenzielle Kunden, Investoren oder Mitarbeiter typischerweise einwickelte: Meist erzählte sie rührselige Geschichten darüber, wie übel Krankheiten seien und wie toll es wäre, bessere Mittel dagegen zu haben.

Dies ist eine ziemlich billige Weise, das Publikum emotional zu involvieren, und geht zudem am Thema vorbei: Schließlich bezweifelt niemand ernsthaft, dass Krankheiten schlimm sind. Die eigentliche Frage wäre gewesen, ob und wie die Technik von Theranos dagegen hilft (nämlich gar nicht).

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er fährt am liebsten Fahrad - und zwar ohne Hilfsantrieb.

Doch wer nach einem hyper-emotionalen Framing allzu hartnäckig nach Details fragt, wirkt schnell pedantisch und herzlos. So konnte sich Holmes jahrelang vor einem technischen Offenbarungseid herumdrücken. Und ich bin seitdem noch misstrauischer, wenn sich jemand mit großer emotionaler Wucht an Dingen abarbeitet, die ohnehin niemand in Frage stellt.

Bei Themen rund um die Energiewende sind solche emotionalen Frontalangriffe meinem Eindruck nach eher selten. Häufiger ist hingegen schlichte Zeitverschwendung. Gefühlt beginnt praktisch jedes einschlägige Paper erst einmal bei Adam und Eva beziehungsweise dem Pariser Klimaschutzabkommen – wahrscheinlich aus dem Gefühl heraus, die Notwendigkeit von besseren Solarzellen oder sparsameren Klimaanlagen erst akademisch nachvollziehbar herleiten zu müssen. Ist ja alles nicht falsch, aber auch nicht neu.

Der Verweis auf den großen, hehren Zweck kann auch als Totschlagargument dienen, um eine Diskussion abzuwürgen. In meinem letzten Beitrag über Power-to-Liquid wurde mir zum Beispiel vorgeworfen, die Energiewende torpedieren zu wollen. Nein. PtL ist nicht „die Energiewende“, sondern nur ein – keinesfalls alternativloses – Mittel zum Zweck. (grh)