Kommentar: Warum Covid-19 die Digitalisierung nicht voranbringt

Von Home Office bis digitale Schule: Die Hoffnung ist groß, dass die Corona-Krise die Digitalisierung in Deutschland anschiebt. Sie dürfte enttäuscht werden.

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Kommentar: Warum Covid-19 die Digitalisierung nicht voranbringt

(Bild: Peshkova / shutterstock.com)

Von
  • Jan Rodig

Jede Krise bringt Gewinner hervor und nach jeder Flaute folgt ein Boom. Auf die schwarze Pest folgte die Revolution des Gesundheitssystems, auf die Spanische Grippe die Anfänge der Automatisierung. Und auf Corona? Das Virus hat weltweit hunderttausende Tote gefordert und die makroökonomischen Kennzahlen in die Tiefe rauschen lassen. Viele Beschäftigte wurden durch den Lockdown ins Home-Office verbannt, arbeiteten nun mit Kollegen, Kunden und Partnern rein online zusammen – und stellten dabei oft fest, dass dies auch Vorteile bietet.

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Vor diesem Hintergrund weisen einige Digital-Protagonisten süffisant darauf hin, dass COVID-19 die Nutzung von Cloud-Software, Videokonferenzen & Co. in Deutschland wohl deutlich stärker beschleunigt hat als die jahrelangen digitalen Change-Management-Initiativen zuvor. Einige dieser Stimmen rufen die Corona-Krise bereits euphorisch zum "Durchbruch für die Digitalisierung in Deutschland" aus.

Ein Kommentar von Jan Rodig

Jan Rodig ist Partner der Struktur Management Partner GmbH. Der ehemalige Gründer und CEO eines IoT-Dienstleisters berät mittelständische Unternehmen zu wirksamen Digitalstrategien und deren Umsetzung.

Doch Corona erledigt nicht wie von Zauberhand den Job, an dem schon Generationen von Digitalevangelisten gescheitert sind. Ganz im Gegenteil: Viele Digitalinitiativen werden nun in kürzester Zeit beerdigt, da sich die Rahmenbedingungen dramatisch verändert haben und sich Prioritäten massiv verschieben. In den nächsten Monaten liegt der Fokus für die meisten Unternehmen auf blankem Überleben. Mittel- und langfristig schränken die Rückzahlung der staatlichen Hilfskredite sowie die in vielen Branchen niedrigeren Umsätze die finanziellen Spielräume der Unternehmen massiv ein. Für strategische Investitionen fehlt vielen schlicht das Geld.

Zugegeben: In der jetzigen Krise tun sich durchaus Chancen auf. Einige digital erfolgreiche Unternehmen geraten aufgrund von Schwierigkeiten in anderen Bereichen in Schieflage. Dadurch ergeben sich interessante strategische Optionen für Wettbewerber. Gerade Unternehmen, die systematisch die Digitale Transformation angehen und sich das auch leisten können, werden sich einen enormen digitalen Vorsprung erarbeiten. War vor Corona aufgrund der Wachstumshektik häufig nicht ausreichend Zeit für strategische Überlegungen, können Unternehmen das nun nachholen.

Sie werden dafür sehr wahrscheinlich viel leichter Fachkräfte oder Partner finden als in der Vergangenheit. Denn erstens müssen sich nun aufgrund der Corona-Verwerfungen zahlreiche Digitalexperten beruflich neu orientieren, weil Unternehmen schließen oder restrukturiert werden. Und zweitens wird die hohe ökonomische Unsicherheit viele Unternehmen dazu bringen, statt interner Ressourcen eher externe Partnerschaften aufzubauen – auch mit Wettbewerbern. Niemand kann in der vernetzten Welt alles selbst machen. Mit den zukünftig noch knapperen Ressourcen gilt dies umso mehr.

Aber trotz einiger Chancen steht kein Durchbruch für die Digitalisierung an, jedenfalls keiner, der weit über New Work und einen beschleunigten Trend zum eCommerce hinausgeht. Das Mega-Buzzword Digitalisierung erfüllte schließlich schon bei guten volkswirtschaftlichen Voraussetzungen nicht die hohen Erwartungen. Weltweit wurden im Jahr 2018 rund 1,3 Billionen US-Dollar in die Digitale Transformation investiert – also in ein sehr breites Spektrum von Maßnahmen, die von einfachen Effizienzsteigerungen durch Prozessautomatisierungen bis hin zur Schaffung neuer Erlösquellen reichen. Studien zufolge verfehlten schätzungsweise 70 Prozent dieser Vorhaben ihre Ziele – also ein Projektvolumen von etwa 900 Milliarden US-Dollar. Vor dem Hintergrund deutlich knapperer Budgets wird zukünftig vieles gestrichen, was im bisherigen Digitalisierungshype oft als "Innovationstheater" inszeniert wurde. Zu Recht, denn digitaler Aktionismus ohne systematische Planung und konsequente Umsetzung verbrennt sinnlos Geld und führt häufig zu Marktanteilsverlusten und Kommoditisierung.

Unternehmen in schweren Krisen können sich die meisten Digitalisierungsmaßnahmen schlicht nicht mehr leisten. Bei ihnen zählt jetzt nur noch was schnell Liquidität bringt – beispielsweise der Abverkauf über eCommerce-Marktplätze oder die Streichung von Innovation Labs. Etwas besser sieht es bei Unternehmen aus, die wirtschaftlich nicht ganz so stark betroffen sind. Aber sie werden bei ihren Investitionen genau auf die Amortisationszeiten achten. Die Palette schnell wirksamer Maßnahmen ist erstaunlich breit – beispielsweise die Prozessautomatisierung (RPA – Robotic Process Automation) in administrativen Bereichen oder datengetriebenes Pricing – jedoch bei den meisten Managern noch kaum bekannt.

Eine Ära einzigartiger Chancen bricht größtenteils nur für Unternehmen an, die von der Krise weitgehend verschont geblieben sind oder sogar von ihr profitieren – beispielsweise aus den Branchen eCommerce, Pharma oder Software. Sie können ihre Teams beschleunigt ausbauen, in den Aufbau neuer digitaler Services, Geschäftsmodelle, Plattformen und Ökosysteme investieren und andere Unternehmen günstig übernehmen.

Alles in allem ist der Gesamteffekt für die Digitalisierung der deutschen Volkswirtschaft klar negativ: Die größte Schwäche lag hierzulande bislang schon in viel zu zögerlichen Investitionen in innovative digitale Services und neue Geschäftsmodelle. Diese sind mit großer Unsicherheit verbunden und erfordern einen langen finanziellen Atem. Mit knappen Ressourcen wird sich der Fokus auf kurzfristig ergebniswirksame Digitalmaßnahmen noch verschärfen. Dabei ist gerade jetzt eine systematische Digitalstrategie, welche aus den neuen Rahmenbedingungen das Beste herausholt, wichtiger als zuvor, um nicht in der digitalen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Zu befürchten ist leider das Gegenteil: Langfristigen Digitalisierungsansätzen bläst ein heftiger Orkan entgegen.

(rot)