Kommentar: Warum der NFT-Hype an die Finanzkrise erinnert

NFTs faszinieren das Publikum nicht wegen der obszön hohen Geldsummen. In Wahrheit geht es um den Clash der Kulturen: Nerds gegen Schnösel.

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(Bild: fabio / Unsplash)

Von
  • Wolfgang Stieler

69 Millionen Dollar für eine Bilddatei, 2,9 Millionen Dollar für den allerersten Tweet, 4,6 Millionen Euro für das Portrait von Edward Snowden auf ein Gerichtsdokument, das die Sammlung von Telefondaten durch die NSA für widerrechtlich erklärt - es sieht so aus, als hätten die Nerds mit NFTs mal wieder eine neue Gelddruckmaschine erfunden. Non Fungible Token, das neueste Spielzeug der Krypto-Währungsszene verbindet digitale, dezentrale Währungen mit Kunsthandel. Das ist eine Maschine, die, befeuert von Hype, Inszenierung, ein bisschen Größenwahn und libertärem Fundamentalismus aus fast Nichts sagenhaften Reichtum erzeugt. Eine Art Perpetuum Mobile der digitalen Welt.

Doch die Geschichten um NFTs faszinieren das Publikum nicht nur wegen der obszön hohen Geldsummen, die hier gehandelt werden. Es ist der Clash der Kulturen, der diese Geschichten zur beinahe perfekten Erzählung macht: Auf der einen Seite der etablierte Kunstmarkt: Eine abgeschottete Szene elitärer Snobs, die sich mit jeder Menge kulturellem Kapital vor dem Pöbel abschotten und die mit Millionensummen angesagte Kunstwerke ersteigern, um sie in ihren Luxusvillen oder auf ihren Yachten zu horten. Auf der anderen Seite die Krypto-Millionäre: Geheimnisvolle Super-Nerds, die sich mit mathematischem Verständnis, Weitsicht und Kühnheit zu sagenhaftem Reichtum hochgearbeitet haben und jetzt vielleicht mit ihren NFTs den Kunsthandel „disrupten“. Oder ihn zumindest gehörig durcheinander bringen, denn für diejenigen, die Kunst mehr als Wertanlage denn als Sammlerobjekt betrachtet haben, könnte der neue Markt mit seinen extremen Gewinnsteigerungen durchaus interessanter sein als der traditionelle Kunstmarkt.

Auf den ersten Blick wirkt diese Konstellation wie der perfekte Sturm: Auf einen ohnehin stark volatilen und extrem intransparenten Kunstmarkt trifft plötzlich eine neue, starke Käuferschicht mit viel Geld und wenig Angst vor spekulativen Risiken. Die etablierten Zwischenhändler, die Galeristen, bleiben außen vor, davor bieten Startups auf ihren „Marketplaces“ „innovative“ neue Produkte wie „Fractional Ownerships“, bei dem Kunden nur einen Anteil an einem NFT erwerben. Mehrere solcher Anteile lassen sich dann wiederum bündeln und weiter handeln.

Das Feuilleton reagiert leicht befremdet bis indigniert. „NFTs habe ich bisher nur am Rande wahrgenommen“, schreibt der Kunstexperte und Autor Hubertus Butin. „Ich kann lediglich sagen, dass die Bilder, die ich als NFTs bisher gesehen habe, teilweise unsäglich populistischer Kitsch sind. Eine neue Technik, ein neues Medium oder ein ungewohnter Bildträger allein können nicht als Maßstab dafür genommen werden, ob ein Bild kunsthistorisch bedeutend und sammlungswürdig ist.

Ein Kommentar von Wolfgang Stieler

Nach dem Studium der Physik wechselte Wolfgang Stieler 1998 zum Journalismus. Bis 2005 arbeitete er bei der c't, um dann als Redakteur der Technology Review zu wirken. Dort betreut er ein breites Themenspektrum von Künstlicher Intelligenz und Robotik über Netzpolitik bis zu Fragen der künftigen Energieversorgung.

Wenn der Inhalt belanglos ist, hilft letztendlich auch der Hinweis auf die besondere Technik oder auf ein neues Medium nicht.“ Auch Tobias Timm, Kunstmarktexperte und Autor von „Kunst und Verbrechen“ ist skeptisch. „Die Aufregung um NFTs ist ja nicht entstanden, weil damit ein neues Medium gefunden wurde, das der Kunst nützt, sondern weil man damit so gut spekulieren kann“, sagt er. „Das ist wie 2008, aber mit Turbo“ - als Geldanlage „äußerst riskant“.

Das klingt plausibel. Bei näherem Hinsehen sind Gut und Böse, Chance und Risiko in dieser Geschichte allerdings keineswegs so klar verteilt. „Vor fünf Jahren haben wir schon alle über Fractional Ownership gesprochen“, sagt die Kunstexpertin und Autorin Annika von Taube. „Es gab eine Menge Startups. Jetzt gibt es noch eins. Das hat nicht funktioniert, weil diese Leute den Kunstmarkt nicht verstanden haben. Die Kunstwelt besteht aus ganz vielen Instanzen, die alle wie Rädchen ineinander greifen. Das ist ein ganz feines Instrumentarium, in dem letztendlich der Wert von Kunstwerken bestimmt wird.“

Wenn diese traditionellen Vermittlungsinstanzen auf digitalen Markplätzen außen vor gelassen würden, „wird das, was auf den Marketplaces gehandelt wird, von der traditionellen Kunstszene nicht als Kunst gewertet“, sagt sie. Doch natürlich schaue sich die Szene ganz genau an, was da passiere. „Für die ist das ein Weckruf. Auf einmal hat der Kunstmarkt gemerkt, dass Digital doch was geht.“

Was bleibt also, wenn der Staub sich wieder gelegt hat? „Ich hoffe, dass wir elektronische Kunst neu entdecken“, sagt von Taube. „Digitale Kunstwerke gibt es schon lange, aber bisher konnte der Kunsthandel mit etwas, was man beliebig vervielfältigen kann, nichts anfangen“. Das ändert sich jetzt. Und das ist erst der Anfang. Schon gibt es erste, elektronische Kunstwerke, die sich selbst modifizieren. Aber das ist eine andere Geschichte. (wst)