Kommentar: Was Buddhismus für die Ethik der Künstlichen Intelligenz tun kann

Die enorme Entwicklung der KI nährt die Hoffnung, einige der schwersten Probleme der Welt zu lösen. Doch wie geht das ethisch? Eine Weltregion könnte helfen.

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(Bild: lidealista / Flickr / cc-by-2.0)

Von
  • Soraj Hongladarom

Diverse Gruppen entwickeln derzeit ethische Richtlinien für den Umgang mit KI: Das Institute of Electrical and Electronics Engineers, ein weltweiter Berufsverband für Ingenieure, hat ein 280-seitiges Dokument zu diesem Thema herausgegeben. Die Europäische Union hat ein eigenes Rahmenwerk veröffentlicht und insgesamt zählt das AI Ethics Guidelines Global Inventory – ein globales Verzeichnis für KI-Ethikrichtlinien – weltweit mehr als 160 solcher Dokumente.

Leider werden die meisten dieser Richtlinien von Gruppen entwickelt, die sich auf Nordamerika und Europa konzentrieren: Eine von der Sozialwissenschaftlerin Anna Jobin und ihren Kollegen veröffentlichte Übersicht identifizierte 21 in den USA, 19 in der EU, 13 in Großbritannien, vier in Japan und je eine in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indien, Singapur und Südkorea.

Dass die meisten KI-Ethikrichtlinien in westlichen Ländern verfasst werden, bedeutet, dass sie von westlichen Werten wie dem Respekt vor Autonomie und den Rechten des Individuums dominiert werden. Damit diese Richtlinien jedoch auch die Perspektiven der Menschen in nicht-westlichen Ländern widerspiegeln, müssten sie die traditionellen Wertesysteme der jeweiligen Kultur repräsentieren.

Ein Kommentar von Soraj Hongladarom

(Bild: 

Technology Review

)

Hongladarom ist Professor für Philosophie am Center for Science, Technology and Society an der Chulalongkorn University in Bangkok, Thailand.

In diesem Sinne halte ich die aus der buddhistischen Lehre abgeleiteten Einsichten für hilfreich – für jeden, der sich mit KI-Ethik beschäftigt, überall auf der Welt. Wir können sehen, dass die vom Buddhismus geförderten Werte – einschließlich Verantwortlichkeit, Gerechtigkeit und Mitgefühl – größtenteils die gleichen sind wie die, die man in anderen ethischen Traditionen findet. Das ist zu erwarten; schließlich sind wir alle menschliche Wesen. Der Unterschied ist, dass der Buddhismus anders für diese Werte argumentiert und ein hohes Maß an Selbstreflexion fordert.

Der ethische Ansatz im Buddhismus beruht auf der Annahme, dass alle fühlenden Wesen Schmerz vermeiden wollen. Die Implikation für KI daraus ist, dass jeder ethische Einsatz von KI danach streben muss, Schmerz und Leiden zu verringern. Mit anderen Worten: Eine Gesichtserkennungstechnologie sollte nur dann eingesetzt werden, wenn sie nachweislich das Leiden verringert oder Wohlbefinden fördert. Ihr Einsatz, um Menschen zu diskriminieren, zu überwachen oder zu unterdrücken, wäre eindeutig unethisch. Die Beweislast, um was für eine Art Einsatz es sich handelt, läge bei denjenigen, die zeigen wollen, dass die von ihnen geplante Anwendung von KI keinen Schaden verursacht.

TR 4/2021

Ein weiteres Schlüsselkonzept im Buddhismus ist das Mitgefühl, oder der Wunsch und die Verpflichtung, das Leiden anderer zu beseitigen.

Eine buddhistisch inspirierte KI-Ethik würde berücksichtigen, dass das Leben nach diesen Prinzipien Selbstreflexion erfordert. Das bedeutet, dass diejenigen, die sich mit KI beschäftigen, sich selbst kontinuierlich trainieren, um dem Ziel der vollständigen Eliminierung des Leidens näher zu kommen. Das Erreichen des Ziels ist nicht so wichtig; was zählt, ist es, den Versuch zu unternehmen.

Buddhismus hat jedem, der über den ethischen Einsatz von Technologie nachdenkt, viel zu bieten. Ihre Zukunft wird dadurch nur freundlicher, heller werden. (bsc)