Komplikationen am Handgelenk

Technology-Review-Autorin Rachel Metz hat drei verschiedene Smart Watches getragen. Überzeugt hat sie keine. Die Entwickler stecken viele Funktionen in die Geräte, aber zu wenig Intelligenz.

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  • Rachel Metz

Technology-Review-Autorin Rachel Metz hat drei verschiedene Smart Watches getragen. Überzeugt hat sie keine. Die Entwickler stecken viele Funktionen in die Geräte, aber zu wenig Intelligenz.

Vor einem Jahrhundert begannen der Banker Henry Graves Jr. und der Industrielle James Ward Packard einen bizarren Wettstreit: die Suche nach der Uhr mit den meisten „Komplikationen“. Gemeint waren damit Funktionen, die über die bloße Zeitanzeige hinausgehen. Ihre Rivalität gipfelte schließlich in der goldenen Taschenuhr „Graves Supercomplication“, entworfen und gefertigt vom Schweizer Uhrmacher Patek Philippe. Ihre 24 Funktionen umfassten etwa die Zeiten von Sonnenauf- und -untergang in New York City oder eine Darstellung des Nachthimmels über der Metropole. Graves ließ sich die Uhr 15.000 Dollar kosten. Das war 1933 – nach heutiger Kaufkraft würde das Gerät 270.000 Dollar kosten. 1999 erzielt die Uhr auf einer Aktion einen Preis von gar elf Millionen Dollar.

Seitdem hat die Uhrenindustrie viele Stile kommen und gehen sehen. Doch nun ist ein neuer Kampf um tragbare Komplikationen entbrannt: Die Smart Watch will nichts weniger, als die Armbanduhr noch einmal neu zu erfinden. Ausgelöst vom Erfolg der Smartphones und Tablet-Rechner, soll sie mit Chips, Sensoren und einem zeitgemäßen Display zum nächsten großen Ding der IT-Industrie aufgepimpt werden. Drahtlos verbunden mit Smartphones, soll sie eine neue Schnittstelle für Nachrichten und Mitteilungen werden. In dem Wettstreit mischen Branchenriesen wie Samsung und Sony mit, vielleicht bald auch Apple und Google.

Smart Watches sollen einen intuitiveren und auch freundlicheren Umgang mit dem alltäglichen Datenstrom bringen, so die Theorie. Denn der rasche Blick aufs Handgelenk gilt, anders als das plötzliche Zücken eines Handtelefons, gesellschaftlich als akzeptabel. Es erscheint durchaus plausibel, dass dieser bewährte Formfaktor so ein Comeback erleben könnte.

Allerdings wollen wir immer mehr auf einen Blick erfassen als nur die Zeit. Und gemessen daran erinnern die ersten Smart Watches eher an die Graves Supercomplication – sie sind so kompliziert, dass sie bestenfalls als Kuriosität durchgehen, aber nicht als nützliches Ding. Die Hersteller haben in ihrem Bemühen, so viele Menschen wie möglich anzusprechen, aus der guten alten Armbanduhr eine Art Schweizer Taschenmesser am Handgelenk gemacht, das auf den ersten Blick interessant wirkt. Auf den zweiten nicht mehr. Die jetzigen Smart Watches dürften schon bald durch eine prägnantere Generation ersetzt werden.

Das ist mein Fazit, nachdem ich drei Modelle ausprobiert habe: Pebble (150 Dollar), MetaWatch Frame (229 Dollar) und die Samsung Galaxy Gear (299 Dollar). Eine gute Smart Watch muss zuverlässig und einfach zu bedienen sein, und sie muss lernen, wann und wie sie meine Aufmerksamkeit beansprucht. Sie muss also wissen, was ich gerade tue, welche E-Mails wichtig sind, welche Nachrichten wirklich Top News. Und natürlich muss sie gut aussehen.

Die Hersteller müssen hierfür die Funktionen auf das wirklich Notwendige und Nützliche abspecken. Die Erinnerung an Termine gehört etwa dazu. Zudem sollte sie passive Funktionen haben wie die Aufzeichnung der eigenen Aktivitäten oder des Pulses. Erst dann holt sie aus der Tatsache, dass man sie 24 Stunden am Tag trägt, auch etwas Sinnvolles heraus.

„Eine so reduzierte Technologie wie die Uhr muss intelligenter als normale Rechner sein, selbst als normale Smartphones, weil sie so allgegenwärtig ist“, sagt Lars Hard, Gründer der KI-Firma Expertmaker. „Wenn sie an meinem Armgelenk sitzt und jederzeit Informationen durchgeben kann, muss sie sehr sehr gut bei dem sein, was sie da vorzeigt.“

Sicher sollte jede Smart Watch mitteilen, dass gerade ein Anruf eingeht. Bei E-Mails, SMS und anderen Benachrichtigungen hängt es hingegen davon ab, was ich gerade mache – wenn ich radfahre, ist das kein guter Zeitpunkt. Die Messung etwa von Körperfunktionen wie dem Puls sollte einen dabei unterstützen, die eigenen Fitnessziele zu erreichen. Angesichts des winzigen Displays ist es ziemlich mühsam, per Hand Texte einzugeben oder zwischen Funktionen zu springen. Intuitive Steuerungen wie Sprach- oder Gestenerkennung wären für ein gutes Gerät unerlässlich.

Das Display wiederum sollte so angelegt sein, dass ich es auch in der Dunkelheit oder im hellen Sonnenschein ablesen kann. Anders als die Geräte, die die ausprobiert habe, sollte sich eine Smart Watch auch bequem tragen lassen. Nicht zu vergessen die Batterielaufzeit: Im Idealfall muss man sie nicht einmal täglich nachladen.

Pebble

Diese Kriterien erfüllt noch am ehesten die Pebble. Sie kann über eine Berührung Anrufe annehmen oder abweisen, der kleine E-Paper-Bildschirm ist gut lesbar, und die Hintergrundbeleuchtung lässt sich über das Drehen des Handgelenkes einschalten. Die Hinweise über Anrufe oder SMS können allerdings auch überhand nehmen, wenn zu viele Menschen einen erreichen wollen. Weil jeder Apps für die Pebble entwickeln kann, gibt es zunehmend auch nutzlose wie einen Taschenrechner, der sich nur über die Knöpfe an der Uhr bedienen lässt. Einige Apps zeigen aber bereits die Richtung, in der Smart Watches das Smartphone sinnvoll ergänzen könnten. Mit dem Pebble Phone Ringer Switcher zum Beispiel kann man das Smartphone über die Uhr stumm stellen.

MetaWatch Frame

Die MetaWatch Frame ist deutlich schwieriger zu bedienen. Unter den brauchbaren Grundfunktionen, die einen nicht zu sehr ablenken, sind Anzeigen zu Wetter, verpassten Anrufen, Gmail und Terminen. Man kann Pop-up-Benachrichtigungen für Anrufe, SMS und anderes aktivieren. Die Funktionen, mit denen die sechs Knöpfe – je drei auf einer Seite – belegt sind, sind alles andere als intuitiv. Das silbrige, reflektierende Display hat nicht nur eine enttäuschend niedrige Auflösung, es kann im Sonnenlicht auch unangenehm grell sein. Vor allem aber ist an der MetaWatch nichts ungewöhnlich „Smartes“. Sie kann nichts, was ich nicht auch durch einen Blick auf das Smartphone mitbekommen könnte.

Apps, hier „Widgets“ genannt, gibt es erst wenige, und keine fügt dem Gerät etwas Besonderes hinzu. Die Widgets-Plattform des Herstellers ist allerdings noch in einem geschlossenen Betatest, sie soll demnächst für alle Entwickler offen sein. Es ist sicher schön, Dinge einfach zu machen, aber so einfach wie die MetaWatch Frame muss es nun auch nicht sein.

Galaxy Gear

Die größte Anstrengung, eine echte Smart Watch zu produzieren, ist bislang hinter der Galaxy Gear von Samsung zu erkennen. Sie wartet mit einigen interessanten Funktionen auf: Nimmt man das Smartphone in die Hand, wechselt die Nachrichtenanzeige automatisch von der Uhr auf das Telefon; sie aktiviert auch eine Zugangssperre für das Smartphone, wenn man sich zu weit von ihm entfernt.

Ohne Nachteile ist aber auch die Galaxy Gear nicht. Die Benutzeroberfläche wirkt unelegant und schlecht designt, und Samsung hat zu viele Funktionen in das kleine Gerät hineingepackt. Die Uhr funktioniert zudem nur in Verbindung mit des neuesten Samsung-Smartphones, dem Galaxy Note 3 und dem S4. Mit 299 Dollar ist sie deutlich teurer als die anderen Geräte.

Mehr noch: Die Galaxy Gear sieht einfach nicht gut aus. Das Display mit seinem Stahlrahmen ist sehr groß, die Kamera steht hervor, die verfügbaren Farben Zitronengrün und Mokkagrau sind hässlich. Das ist keine Lappalie: Smart Watches sind dauernd im Blickfeld von anderen und damit unfreiwillig auch immer ein Signal des Stilbewusstseins dessen, der sie trägt. Zeitlose Armbanduhren, wie die Patek Calatrava oder die Rolex Submariner, haben immer durch gutes Design bestochen.

Alle drei Smart Watches legen nahe, dass ihre Designer entweder keine genauen Vorstellungen von Verbraucherbedürfnissen haben oder sich nicht auf die wichtigen Funktionen beschränken können. Hinweise auf eingehende Informationen sind wichtig, aber zu viele Hinweise sind schlimmer als gar keiner. Die Galaxy Gear hat immerhin eine Sprachsteuerung, die wirklich intelligent gemacht ist. Die Kamera am Armband hingegen ist überlüssig, ebenso die Möglichkeit, Nachrichten auf der Uhr zu verfassen.

Solche Funktionen fressen zudem Batteriestrom. „Die Vorstellung, ein Smartphone und eine Smart Watch dauernd nachladen zu müssen, gefällt mir eigentlich nicht“, sagt John Maeda, Präsident der Rhode Island School of Design. Technikentwickler würden sich manchmal zu sehr auf die Technik konzentrieren und zu wenig auf den tatsächlichen Gebrauch, beklagt Maeda. Die bisherigen Smart Watches geben ihm Recht.

Was schade ist, weil die Technik da ist, aus dieser Geräteklasse wirklich etwas zu machen. Sie könnten meinen Kalender durchsuchen und mit Beschleunigungssensoren und GPS feststellen, ob ich gerade unterwegs oder in einer Besprechung bin und deshalb nicht gestört werden möchte. Sie könnten anhand meiner Webaktivitäten herausfinden, dass ich nach einem bestimmten T-Shirt suche und mich informieren, wenn ich an einem Laden vorbeigehe, der sie führt. Womöglich noch ergänzt um die Information, ob das T-Shirt gerade vorrätig ist oder nicht.

Der Erfolg von Gadgets wie Fitbit, Nike FuelBand oder Jawbone’s Up, die alle am Handgelenk getragen werden, zeigt, dass es eine Nachfrage nach Geräten gibt, die im Hintergrund Daten sammeln. Smart Watches könnten hier noch viel weiter gehen und eine fortgeschrittene Version des Software-Assistenen Google Now werden. Sie könnten im Voraus Entscheidungen über alle Arten von Informationen treffen. Das wäre dann tatsächlich eine „Smart Watch“ – ohne viele „Komplikationen“. (nbo)