Mit Augenerfassung gegen Sekundenschlaf

Am Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau forscht ein Team um Peter Husar an neuartigen Technologien zur Unfallvermeidung. Sie sollen Leben retten.

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Von
  • Ben Schwan

Wer am Steuer eines LKW, PKW oder Busses sitzt, muss ständig aufmerksam sein. Entsprechend gefährlich ist der sogenannte Sekundenschlaf. Im Interview mit Technology Review spricht Peter Husar vom Fraunhofer IDMT über ein Eyetracker-System, das im Armaturenbrett von Fahrzeugen sitzen soll und den Fahrer warnt, sobald er einnickt.

Technology Review: Herr Husar, Sie arbeiten am Fraunhofer IDMT seit mehreren Jahren an einem Eyetracker-System, das den Sekundenschlaf von Autofahrern erkennen kann. Warum ist die Einführung einer solchen Technik sinnvoll?

Peter Husar: Sie ist nicht nur sinnvoll, sondern aus Sicht vieler Sicherheitsexperten sogar notwendig. Ein EU-Land erwägt eine gesetzliche Pflicht zur Einführung dieser Technik, zumindest aber als eine Option der Autoversicherung.

Peter Husar vom Fraunhofer IDMT.

(Bild: Fraunhofer IDMT)

Wenn man sich die Statistiken der tödlichen Autounfälle – vor allem auf Autobahnen und in der Nacht – anschaut, so liefern sie ohne weitere Analysen direkte Argumente für den Schlafwarner. Jeder vierte tödliche Unfall auf Deutschlands Autobahnen wird durch den Sekundenschlaf verursacht. Hinzu kommen massive Unfälle mit Reisebussen und LKWs.

TR: Wie viel genauer ist ein Eyetracker im Vergleich zu bereits verfügbaren Systemen, die beispielsweise das Lenkverhalten oder abruptes Bremsen oder Gasgeben überwachen?

Husar: An dieser Stelle kann man nicht über Genauigkeit sprechen. Zum ersten: für eine Warnung beim Sekundenschlaf kann man das Maß Genauigkeit gar nicht anwenden. Entweder der Schlafwarner funktioniert oder eben nicht. Man darf daher bestenfalls in statistischen Kategorien über Zuverlässigkeit oder Fehlerrate reden. Zum zweiten: Unser Schlafwarner basiert auf der Videobeobachtung des Fahrers, genauer gesagt – auf der Auswertung der Augen und des Lidschlags. Wir detektieren den wahren und echten Sekundenschlaf, d.h. zu lange geschlossene Augen(-lider).

Die Systeme, die Sie ansprechen, basieren allein auf den Fahrzeugdaten, die über den Bordcomputer bzw. über den CAN-Bus abgerufen werden. Das bedeutet, ausgewertet werden allein Eingriffe und Verhalten des Fahrers in Bezug auf die Autosteuerung, wie Lenkverhalten, Dynamik, Reaktion, usw. Doch diese haben nur bedingt, rein statistisch und nur entfernt mit der Müdigkeit des Fahrers zu tun, mit dem Sekundenschlaf schon gar nichts.

Natürlich hängt das Lenkverhalten und die Dynamik mit dem Müdigkeitszustand zusammen. Nur was nützt es einem Busfahrer, dass sein "Müdigkeitswarner", der auf seinem Lenkverhalten basiert, drei oder vier Stunden nach dem Start einen bedrohlichen Müdigkeitszustand gemeldet hätte, wenn er bereits nach zwei Stunden einen Sekundenschlaf erleidet und gegen einen Brückenpfeiler um drei Uhr in der Nacht frontal dagegenfährt und anschließend 30 Tote hinterlässt?

TR: Wie ist Ihr Kamerasystem aufgebaut, in welchen Bereichen des Fahrzeugs sitzen die Sensoren?

Husar: Die Kameramodule kann man in beliebiger Anzahl und an beliebigen Stellen der Fahrerkabine anbringen. Sinnvollerweise so, dass sie das Gesichtsfeld des Fahrers abdecken. Im PKW reicht schon ein Modul aus, im Bus oder einem großen LKW sollten zwei Module angebracht werden.

TR: Welche Daten ermittelt das System, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass der Fahrer schläft oder kurz davor steht?

Husar: Zur Zeit detektieren wir den Sekundenschlaf, warnen also BEIM Sekundenschlaf. An einem Warnsystem VOR dem Sekundenschlaf, also an einer zuverlässigen Müdigkeistwarnung und/oder Vorhersage eines Sekundenschlafs arbeiten wir gegenwärtig.

TR: Autofahrer dürften womöglich Angst haben, von einem solchen System überwacht zu werden. Wie sieht es mit dem Datenschutzaspekt aus? Verlassen Daten das Fahrzeug?

Husar: Wir werten die Augen aus. Sonst werden keine persönlichen Daten protokolliert und schon gar nicht weitergegeben. Es sei denn, der Auftraggeber und/oder Hersteller will das ausdrücklich haben. Dann ist allerdings die Frage der Überwachung und des Datenschutzes sein Problem, nicht das des Schlafwarner-Herstellers.

Schon heute gibt es auch in Deutschland Autos, die ohne Wissen des Eigentümers und/oder des Fahrers Daten an seinen Hersteller und/oder diverse Dienstleister weitergeben. Im Vergleich dazu wäre die Gefahr der Datenweitergabe aus dem Schlafwarner wirklich unbedeutend. Es gibt Länder und Unternehmen, in denen eine protokollierte Überwachung aus Sicherheitsgründen legitim und erlaubt sowie gewollt ist. Die können natürlich diese Option auch zur Weitergabe erhalten.

Im Übrigen – wir sind keine Hersteller, sondern Entwickler. Wir übergeben unseren Prototypen an einen Hersteller von Nachrüstmodulen bzw. an einen Zulieferer. Welche Optionen er dann nutzt, ist seine Entscheidung, darauf haben wir keinen Einfluss mehr.

(bsc)